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Aachen im freien Fall Schlaudraff als Sündenbock

11.05.2007 ·  13 Monate nach der Rückkehr in die Bundesliga herrscht in Aachen Beerdigungsstimmung. Die miserable sportliche Bilanz und die andauernde Debatte um Jan Schlaudraff markieren vor dem „Endspiel“ gegen Wolfsburg die schier aussichtslose Lage.

Von Gregor Derichs
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Jan Schlaudraff und Sascha Dum trainieren im Kreis eines gut gelaunten und hoch motivierten Teams. Die Oberliga-Mannschaft von Alemannia Aachen hofft als Tabellenzweiter hinter Rot-Weiß Oberhausen noch auf den Aufstieg in die Regionalliga. Auf einen Einsatz von Schlaudraff in der vorigen Woche in der vierten Liga hatte Aachens Amateur-Coach Stefan Emmerling verzichtet. „Das hätte nur Unruhe in die Mannschaft gebracht“, sagte Emmerling.

Am Sonntag in Bergisch Gladbach darf Profi Schlaudraff wegen der Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht mehr die zweite Alemannia-Mannschaft verstärken. Der Dreiundzwanzigjährige, der in dieser Saison dreimal in der Nationalelf zum Einsatz kam, wird an diesem Samstag als Zivilist das für den Abstieg entscheidende Duell seiner ehemaligen Profi-Kollegen gegen den VfL Wolfsburg verfolgen.

Als „Endspiel“ wird das Duell gegen die Niedersachsen bezeichnet. In der finalen Phase mit dem inflationären Gebrauch solcher Bezeichnungen trifft es in diesem Fall aber durchaus zu. Schlaudraff spielt nicht, er wird wohl nie mehr ein Alemannia-Trikot tragen. Am Dienstag hatte der Aufsichtsrat des Vereins getagt. „Redebedarf“ hatte der Vorsitzende Helmut Breuer festgestellt. Nach zwei Stunden stützte das Gremium die Entscheidung von Trainer Michael Frontzeck und Sportdirektor Jörg Schmadtke, die Schlaudraff und Dum eine Woche zuvor wegen mangelnden Dienstverständnisses vom Training und Spielbetrieb freigestellt hatten. Frontzeck und Schmadtke hatten angedeutet, ihre Tätigkeit sofort zu beenden, wenn die Spieler gegen ihren Willen begnadigt würden.

Eine schier aussichtslose Lage

In Aachen ist die Stimmung so angespannt, dass der Verein am Dienstag als Vorsichtsmaßnahme einen Ordnungsdienst zum Training beorderte. Selbst viele Alemannia-Fans gehen davon aus, dass das Heimspiel gegen Wolfsburg das vorerst letzte in der Erstklassigkeit sein wird. Eine miserable Serie von sechs Niederlagen mit 3:19 Treffern, die schlechteste Tordifferenz aller Abstiegskandidaten, die schwächste Heimbilanz aller 18 Bundesligaklubs und die anhaltende Diskussion um Schlaudraff und Dum markieren eine schier aussichtslose Lage. 13 Monate nach der Rückkehr in die Bundesliga herrscht am Tivoli ausgeprägte Beerdigungsstimmung, abgesehen von den Oberliga-Kickern.

Dass die Profis überhaupt noch die Aussicht besitzen, in der Bundesliga zu bleiben, ist eigentlich eine großartige Leistung. Ein völlig unerwarteter Höhenflug bis auf Platz vier nach dem siebten Spieltag, starke Leistungen mit Schlaudraff an der Spitze, der acht teilweise spektakuläre Treffer schoss, ließen die Ambitionen aber überschäumen. Als die Alemannia, am 27. Spieltag noch auf Platz neun rangierend, vor drei Wochen auf einen Abstiegsrang fiel, entwickelten sich offenbar panische Reaktionen. Mit Schlaudraff zog Frontzeck, dem böse unterstellt wird, er sei nur der Assistenztrainer unter Schmadtke, seinen besten Spieler nach dem 0:4 gegen Hertha BSC Berlin freiwillig aus dem Verkehr, den effektiven Einwechselspieler Dum noch zusätzlich.

Fahrlässige Selbstzerstörung

Alles deutet auf fahrlässige Selbstzerstörung hin, denn es gibt keinerlei Hinweise, dass Schlaudraff oder Dum für einen Eklat gesorgt hätten. Es handelte sich um einen schleichenden Prozess, an dessen Ende ein Exempel statuiert wurde. Schlaudraff, der ablösefrei zum FC Bayern abwandert, war wiederholt auffällig geworden. Manager Schmadtke hätte ihn am liebsten schon in der Winterpause an die Münchner verkauft, wurde aber vom Aufsichtsrat gebremst. Direkt nach seinem Länderspieldebüt war Schlaudraff in Dortmund auf die Tribüne gesetzt. Im Februar geriet er in die Schlagzeilen mit einem Unfall seines Porsches, den Kollege Marius Ebbers unter Alkoholeinfluss gesteuert hatte.

Nun musste Schlaudraff mit Leihspieler Dum, der nach Leverkusen zurückkehren wird, exemplarisch als Opfer herhalten, obwohl gegen Berlin die gesamte Mannschaft das Kämpfen eingestellt hatte. Ein Sieg gegen die Wolfsburger, ebenfalls nicht frei von Turbulenzen, könnte die Perspektiven noch einmal aufhellen.

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