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50+1-Regel aufgeweicht : Profifußball geht auf Investoren zu

Teilerfolg: Martin Kind, Präsident von Hannover 96 Bild: dapd

Die sogenannte 50+1-Regel im deutschen Profifußball wird gelockert. Damit hat der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, in seinem jahrelangen Streit mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) einen Erfolg erzielt.

          Der deutsche Profifußball und seine Klubs öffnen sich interessierten Investoren, ohne allerdings die ablehnende Grundhaltung gegenüber dem freien Spiel der Kräfte aufzugeben. Dies kann aus dem Urteil zur sogenannten 50+1-Regel abgeleitet werden, zu dem am Dienstag das Ständige Schiedsgericht für Vereine und Kapitalgesellschaften der Lizenz-Ligen gekommen ist. So erhalten Klubs fortan die Möglichkeit, eng verbundene Finanziers, Sponsoren oder Mäzenen nach 20 Jahren Engagement im Verein die Kapitalmehrheit und Stimmenmehrheit an der Fußball-Kapitalgesellschaft zu übertragen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bisher war das als Ausnahme nur den beiden Werksvereinen Bayer Leverkusen (Bayer AG) und VfL Wolfsburg (Volkswagen AG) gestattet worden. Wie erwartet wurde damit nach jahrelangem Streit über eine Zulassung von Mehrheitsübernahmen durch private Investoren der Kompromiss gefunden. „Ich bin froh, dass wir jetzt Planungssicherheit haben. Das ist ein Urteil für die Bundesliga“, sagte Martin Kind, Präsident des derzeitigen Tabellenvierten Hannover 96.

          Der Hörgeräte-Unternehmer, Funktionär und Fußballinvestor hatte bei einer Anhörung Anfang Juli diesen Lösungsweg vorgeschlagen, nachdem er zuvor über Jahre als einsamer Kämpfer gegen die bestehende Beschränkung opponiert und auch den Gang vor ein europäisches Gericht nicht mehr ausgeschlossen hatte. Nach EU-Recht stellen sich natürlich Fragen, was das Kartellverbot und die Kapitalverkehrsfreiheit betrifft. Mit der aktuellen Entscheidung können nun aber alle leben. „Das Entscheidende ist: Die 50+1-Regel bleibt im Kern erhalten“, sagte Ligapräsident Reinhard Rauball.

          Der Vorsitzende des Schiedsgerichts, Udo Steiner, ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, sieht die Praxis mit deutschem Recht als auch mit europäischem Gemeinschaftsrecht vereinbar. Die leichte Lockerung dürfte auch diejenigen im deutschen Fußball nicht beunruhigen, die beim Thema Investoren stets vor Fremdbestimmung und Heuschreckengefahr warnen und Negativbeispiele in England oder Italien anführen.

          Mit der jetzigen Korrektur wären allerdings neue, spektakuläre Konstellationen möglich: So könnte zum Beispiel der langjährige Bayern-Sponsor und Minderheitsaktionär Adidas den Münchner Rekordmeister im großen Stil übernehmen. In Hannover hat sich derweil Kind seinen Weg schon geebnet. Bald soll eine Kapitalerhöhung in Angriff genommen werden, wie er mitteilte. Eigentlich ist der Hannoveraner Profibetrieb fest in der Hand von privaten Gesellschaftern. Dem Verein gehören schon jetzt nur noch 15 Prozent der Anteile an der Fußball GmbH und Co KGaA. Die Verbandsanforderungen hatte man aber dennoch durch ein kompliziertes Firmennetzwerk, an dem der Ursprungsverein an entscheidenden Stellen noch zu 100 Prozent beteiligt ist, erfüllt. „Die Umgehungstatbestände haben sich jetzt erledigt“, sagt der gewiefte Kind. Das Urteil macht für Fußballfinanziers wie ihn nicht nur einiges in der Umsetzung leichter, sondern sorgt auch für mehr Realitätsnähe.

          Die sogenannte 50+1-Regel in den Statuten der Deutschen Fußball Liga (DFL) soll verhindern, dass Investoren die Mehrheit an den als Kapitalgesellschaften organisierten Klubs erlangen. Damit soll eine Einmischung der Kapitalanleger in das Tagesgeschäft untersagt werden. Die Rechtsgrundlagen im Wortlaut:

          In § 8 („Erwerb und Ende der Mitgliedschaft“), Absatz 2 der Ligaverbands-Satzung heißt es: „Eine Kapitalgesellschaft kann nur eine Lizenz für die Lizenzligen und damit die Mitgliedschaft im Ligaverband erwerben, wenn ein Verein mehrheitlich an ihr beteiligt ist, der über eine eigene Fußballabteilung verfügt, und der im Zeitpunkt, in dem sie sich erstmals für eine Lizenz bewirbt, sportlich für die Teilnahme an einer Lizenzliga qualifiziert ist. Der Verein („Mutterverein“) ist an der Gesellschaft mehrheitlich beteiligt („Kapitalgesellschaft“), wenn er über 50 Prozent der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner verfügt.“

          In § 8, Absatz 5 lautet es: „Über Ausnahmen vom Erfordernis einer mehrheitlichen Beteiligung des Muttervereins nur in Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als zwanzig Jahren vor dem 1.1.1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Ligaverbandes.“

          Zudem ist in § 4 Rechtliche Kriterien, Absatz 10 der Lizenzierungsordnung festgehalten: „Für eine Kapitalgesellschaft gilt zusätzlich, dass ein Recht, Mitglieder in den Aufsichtsrat bzw. ein anderes Kontrollorgan zu entsenden („Entsenderecht“), nur dem Mutterverein eingeräumt werden darf. Der Mutterverein soll in dem Kontrollorgan der Kapitalgesellschaft mehrheitlich vertreten sein.“

          Quelle: FAZ.NET mit dpa

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