Vorher hatte alles auf ein Torhüterspiel gedeutet. Kein Wunder: René Adler war für einen Nachmittag nach Leverkusen zurückgekehrt. Dorthin, wo er zwölf Jahre lang zuhause und in seinen besten Zeiten als großer Rückhalt der Werkself gefeiert worden war. Das ist der 27 Jahre alte, 1,91 Meter lange Sachse seit Saisonbeginn beim Hamburger SV. Auch am Samstag machte Adler einen exzellenten Job, doch das half ihm am Ende wenig. Zu mächtig war die Offensive der Rheinländer, zu ohnmächtig die Abwehr vor Adler.
So war der 3:0-Erfolg des Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga nach Treffern von Kießling (27./66. Minute) und Schürrle (36.) fast zwangsläufig. Während die Leverkusener ihren Spitzenplatz neun Punkte hinter dem FC Bayern München am letzten Hinrundenspieltag eindrucksvoll festigten und Kießling mit zwölf Toren die Spitze der Torschützenliste übernahm, steht der HSV vorerst nur für Ligamittelmaß.
Adler, inzwischen auch wieder im Kreis der Nationalmannschaft eine feste Größe hinter Manuel Neuer, hatte sich „mehr auf dieses Spiel als auf irgendein anderes gefreut“, und entsprechend freundlich wurde die frühere Nummer eins in der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes am Samstag auch in der BayArena begrüßt.
Er, der vor seinem Wechsel nach Hamburg einen Rippenbruch zu verkraften hatte, der ihn die Teilnahme an der WM 2010 kostete, und danach monatelang an einer Verletzung der Patellasehne litt, glaubt inzwischen, einen „Fitnessstand wie noch nie“ erreicht und seine „innere Mitte“ wiedergefunden zu haben. Die brauchte er auch am Samstagnachmittag angesichts der Konzentrationsmängel und Fehlerhaftigkeit seiner Kollegen.
„Ich finde es beeindruckend, wie sich René zurückgekämpft hat“, hob sogar Bernd Leno hervor, der Nachfolger Adlers in Leverkusen. Der 20 Jahre alte Schwabe, für den Bayer vorige Saison fast acht Millionen Euro an den VfB Stuttgart überwies, ist inzwischen wie Adler einer jener Keeper, die das Zeug dazu haben, Neuer zumindest unter steten Konkurrenzdruck zu setzen. Doch während Leno sich bis auf einen Pfostenkopfball von Rudnevs (28.) die erste Hälfte gemütlich anschauen und danach sporadisch sein Können zeigen konnte, war Adlers Wiedersehen mit Leverkusen mit einer Reihe von Schreckensminuten verbunden.
Schürrles Warnschuss gegen den Pfosten schon nach drei Minuten verstanden die Norddeutschen keineswegs als Weckruf. Sie schlummerten weiter, so dass das erste Tor für Bayer nur eine Frage der Zeit war. Wie die drei Leverkusener Angreifer Schürrle, Castro und Kießling beim 1:0 (27.) die wehrlose Hamburger Deckung aushebelten, sah erstklassig aus.
Schürrle flankte, Castro ließ den Ball abtropfen, und Kießling vollendete frei vor Adler mit einem Rechtsschuss ins linke Eck. Beim 2:0 hatte der von Kießling freigespielte Schürrle freie Bahn vis à vis Adler (36.). Sein Schuss prallte vom Innenpfosten ins Netz. Und wieder wirkte die HSV-Defensive nahezu unbeteiligt, so dass der zuvor noch laut schimpfende Heimkehrer Adler nur noch mit dem Kopf schütteln konnte.
Hätte der Sachse nicht zwischendurch gut aufgepasst, als er Rolfes’ Schuss (15.) parierte und Benders Solo stoppte (30.), die Hamburger hätten bei Halbzeit noch deutlicher zurückliegen können. Das geschah dann nach dem Wechsel, als der in diesem Kalenderjahr beste Bundesligaschütze Kießling (25 Treffer) zum 3:0 (66.) nach Westermanns Stellungsfehler erfolgreich war. Die Fankurve beim HSV reagierte darauf unverbesserlich beleidigt und zündete Feuerwerkskörper. Auch dort ist man vom Anspruch an einen Spitzenklub noch weit entfernt.
Bayer Leverkusen: Leno - Hosogai, Wollscheid, Toprak, Boenisch - Bender, Rolfes, Hegeler - Castro (85. Renato Augusto), Schürrle (72. Kohr) - Kießling (83. Junior Fernándes)
Hamburger SV: Adler - Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam - Badelj (83. Rincón) - Skelbred (65. Ilicevic), Aogo - Arslan - Son (65. Beister), Rudnevs
Schiedsrichter: Aytekin (Oberasbach)
Zuschauer: 29.489
Tore: 1:0 Kießling (27.), 2:0 Schürrle (36.), 3:0 Kießling (66.)
Gelbe Karten: Hegeler (1) / Lam (1), Rudnevs (1)
Die Bay-Arena als Ort grosser...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 16.12.2012, 12:22 Uhr