Hans Meyer hat an den FC Bayern durchaus gute Erinnerungen. In seinem allerersten Bundesligaspiel im Sommer 2001 hatte die Borussia unter seiner Regie die Münchner bezwungen. Nach jenem Heimsieg am ersten Spieltag machte Meyer sich und einen Sekthersteller einem großen Publikum bekannt. Er kündigte an, am Abend mit seiner Frau eine Flasche Rotkäppchensekt auf den unerwarteten Erfolg zu trinken. Ein paar Tage später schickte die Firma ihm eine ganze Wagenladung voller Flaschen. Einen Teil davon soll der Trainer in seiner Garage gelagert haben. Falls noch ein Rest davon übrig ist, könnte Meyer auch nach der jüngsten Auflage des alten Klassikers auf seine Mannschaft anstoßen.
Dank einer furiosen Schlussphase erreichten die Gladbacher gegen den FC Bayern München noch ein 2:2. Nach Toren von Luca Toni (21. Minute) und Franck Ribéry (65.) hatte der deutsche Meister vor 54.000 Zuschauern im Borussia-Park schon wie der sichere Sieger ausgesehen. Doch als niemand mehr damit rechnete, zeigte die Heimelf Mut und Moral. Rob Friend (79.) und Michael Bradley (81.) belohnten sich und ihre Mitstreiter mit zwei Kopfballtoren für das gemeinsame Aufbäumen in der letzten Viertelstunde. „Wenn man dann 0:2 hinten liegt, sagt man normalerweise: Das war's. Zum Glück ist dann sehr zeitig dieses 1:2 gefallen, und dann weiß man, was noch passieren kann“, sagte Meyer.
„Das müssen wir jetzt wieder korrigieren“
Für die Bayern markierte das Unentschieden das Ende einer Siegesserie. Sie hatten in der Bundesliga zuletzt fünf Spiele nacheinander gewonnen. „Eigentlich wollten wir keinen größeren Rückstand zur Tabellenspitze zulassen leider ist uns das nicht gelungen. Das müssen wir jetzt wieder korrigieren“, sagte Trainer Jürgen Klinsmann.
Die Münchner starteten zwar nicht so rasant wie knapp eine Woche zuvor in Schalke, wo sie schon in der dritten Minute den Führungstreffer erzielt hatten. Dennoch gab es eine Ähnlichkeit zu jener Partie. Auch im Borussia-Park nutzten sie ihre erste Torchance, und wieder profilierte sich Toni als Vollstrecker. Außenverteidiger Philipp Lahm, der in die Bayern-Elf zurückgekehrt war, spielte sein Mönchengladbacher Gegenüber Tobias Levels aus und brachte den italienischen Stürmer mit einem Rückpass in Position.
Die Bayern wiederum dosierten ihre Vorstöße
Der Treffer blieb die einzige auffällige Szene einer grauen ersten Spielhälfte; er untermauerte nach gut zwanzig Minuten die Verhältnisse, die sich auf dem Rasen vorher schon abgezeichnet hatten. Gladbach wagte sich nicht entschlossen und vor allem nicht weit genug vor. Es fehlte den Borussen an Witz und an Mumm.
Die Bayern wiederum dosierten ihre Vorstöße, als hätten sie ein Energiesparprogramm eingeschaltet; nicht einmal Franck Ribéry und Bastian Schweinsteiger, der seine Schienbeinverletzung überwunden hat, konnten Impulse geben. Die Torhüter hatten zumeist ihre Ruhe. Ab und zu eine hohe Flanke abfangen - mehr brauchten sie vor der Pause nicht zu leisten. Den Gladbachern fehlte die Klasse und den Bayern die Lust, ein gediegenes Angriffsspiel aufzuziehen.
Strafe für behäbiges, selbstzufriedenes Auftreten
Daran änderte sich auch nach dem Seitenwechsel zunächst nichts. Die Heimelf wurde zwar mutiger und versuchte, Druck aufzubauen. Die Bayern indes taten noch weniger als im ersten Abschnitt. Auf diese Weise erhielten sie dem Publikum wenigstens die Spannung. Doch auch damit schien es vorbei, als Ribéry in einem lichten Moment in den Strafraum vordrang und von Verteidiger Steve Gohouri mit einem Foul gebremst wurde. Der Münchner Franzose verströmte zwar nicht so viel Spielfreude wie sonst, es war ihm aber ein Vergnügen, den Elfmeter selbst zum zweiten Tor zu nutzen.
Scheinbar schon geschlagen, mobilisierten die Borussen zur Überraschung aller, vor allem aber der Bayern, den Mut der Verzweiflung und setzten der Münchner Routine plötzlich viel Biss entgegen. Mit einem Doppelschlag schufen sie innerhalb von zwei Minuten ausgeglichene Verhältnisse und begeisterten die Fans, die ihre Mannschaft am Ende frenetisch feierten. Da Toni in der letzten Minute mit dem Kopf knapp den Siegtreffer verpasste, erhielten die Bayern die Strafe für ihr behäbiges, selbstzufriedenes Auftreten.