11.12.2009 · Hertha BSC Berlin sendet ein Lebenszeichen aus. Gegen Tabellenführer Bayer Leverkusen sichert sich das Schlusslicht in der Nachspielzeit immerhin einen Punkt. Leverkusen bleibt ungeschlagen, Hertha seit 15 Spielen sieglos.
Von Matthias Wolf, BerlinEin Zuschauer aus der Ostkurve des Olympiastadions hatte es bis zu Babak Rafati geschafft. Auf dem Weg in die Kabine bedrängte er ihn: „Können Sie nicht einmal fair und vernünftig pfeifen?“ Der Referee durfte froh sein, dass es sich um keinen gewöhnlichen Besucher der Stehränge handelte, wo man einen hemdsärmligen Umgang pflegt, sondern um Arne Friedrich. Der Kapitän von Hertha BSC Berlin hatte verletzt passen müssen und weite Teile der Partie gegen Bayer Leverkusen aus dem Fanblock verfolgt. „Das Beste für beide Parteien wäre, wenn Herr Rafati hier nicht mehr pfeift“, sagte Friedrich, der wohl seinen Frust loswerden musste.
Seit nunmehr fünfzehn Partien wartet der Tabellenletzte auf einen Sieg in der Bundesliga. Gegen den Ligaprimus war Hertha so nah dran wie lange nicht mehr - und doch auch in der 90. Minute wieder weit weg von neuer Hoffnung. „Ein Wahnsinn! Solche Krüppeltore kriegst du nur, wenn du ganz unten stehst“, sagte Friedrich nach einem 2:2, das sich anfühlte wie Sieg und Niederlage gleichzeitig.
Duell auf Augenhöhe
Das Duell der beiden, die die Tabelle einrahmen, war überraschend eines auf Augenhöhe. Adrián Ramos (8. Minute) schoss Hertha früh in Front, Leverkusen versuchte danach, ein Spiel aufzuziehen, was kaum gelang. Bei den Berlinern war, vielleicht erstmals seit der in nun neun Partien sieglose Friedhelm Funkel den Trainerjob übernommen hat, eine klare Handschrift zu erkennen: Sein Ensemble spielte endlich wie ein Abstiegskandidat, in positivem Sinne.
Die Berliner wehrten sich und spielten strukturiert aus einer kompakten Defensive. Der Leverkusener Trainer Jupp Heynckes sagte später anerkennend, Hertha habe „viel mehr Potential, als das der Tabellenplatz vermuten lässt“. Seine Werkself ließ hingegen an diesem Tag fast alles vermissen, was die ganze Liga zu ihren Fans gemacht hat. „Wir waren heute richtig schlecht“, gab Stefan Kießling zu.
Der angeschlagene Boxer Hertha BSC
Bayer kam durch Toni Kroos (76.) noch spät zum Ausgleich und dann durch Burak Kaplan (90.) sogar noch zum 2:1. Rafati hatte zwischenzeitlich den Berliner Heißsporn Gojko Kacar für Ballwegwerfen mit Gelb-Rot bestraft. Eine der vielen Szenen, in denen Funkel gesehen haben will, „dass im Zweifel gegen uns gepfiffen wurde“. Einen wirklichen Fehler aber konnte er, der in diesen Tagen schnell mit Schiedsrichterschelte bei der Hand ist, Rafati nicht ankreiden. Aber der Unparteiische aus Hannover hat keinen Kredit mehr beim Hauptstadtklub, seit er ihm kürzlich gegen den 1. FC Köln (0:1) einen Strafstoß verweigerte.
Seitdem taumelt Hertha wie ein angeschlagener Boxer. Doch dass „in uns noch Leben steckt“, wie es Abwehrmann Steve von Bergen formulierte, war in der 92. Minute zu sehen: Wieder traf Ramos, diesmal per Kopf. „Wir waren alle schon abgeschaltet“, sagte der 19 Jahre alte Kaplan, der sich schon zu früh gefreut hatte: Ein Tor zum Bundesligadebüt - und gleich das entscheidende. „Jetzt weiß ich, wie das ist im Profibereich“, sagte er, „Schluss ist erst, wenn der Schiri pfeift.“
Funkel glaubt an Aufholjagd
Nur 40.000 Fans waren gekommen, um die beste Elf der Liga zu bestaunen. Es schien, als habe die Stadt ihren Verein aufgegeben. Doch nun sagte Funkel, er habe ob der Atmosphäre in der Arena, die alsbald von totaler Unterkühltheit zu mitreißender Leidenschaft überging, gespürt: „Die Leute haben wieder Angst um uns, das ist ein gutes Zeichen.“ Er habe auch seinen Profis gesagt, „dass dieser Punkt uns noch helfen wird. Ich hoffe, dass wir heute ein Stück weit das Glück zurückgewonnen haben.“
In der Rückrunde will er die große Aufholjagd starten, mit drei neuen Spielern - dann noch 28 Punkte holen. Vor dem Spiel war er belächelt worden für solche Rechnerei, nun hat sich Hertha wieder Respekt erarbeitet. Und dem Gegner ein wenig die Träume genommen. Auf Dauer, sagte Heynckes, könne er die vielen Ausfälle nicht kompensieren. Vor allem Manuel Friedrichs Verletzung zeigte, dass ohne ihn auch Sami Hyypiä in der Innenverteidigung nur die Hälfte wert ist. Heynckes ist zwar immer noch unbesiegt mit seinem Team, aber er wirkte wie ein Zweifler. „Die Herbstmeisterschaft bedeutet mir gar nichts“, sagte er, es gehe nur darum, „die Mannschaft weiter zu entwickeln“ und das internationale Geschäft zu erreichen. Selten hat ein designierter Vorrundenmeister so wenig Zuversicht ausgestrahlt.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 22 | 33 | 49 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 22 | 23 | 46 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 22 | 1 | 36 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 22 | 3 | 34 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 22 | -2 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
Hamburger SV | 22 | -10 | 26 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 22 | -11 | 25 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 22 | -6 | 24 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Köln | 22 | -13 | 24 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 22 | -12 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 22 | -12 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 22 | -17 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |