Solche Sorgen möchte man haben. Nicht die Form von Boubacar Sanogo war das wichtigste Thema bei 1899 Hoffenheim vor dem Spiel gegen Energie Cottbus. Auch nicht, wie Trainer Ralf Rangnick gedenkt, die Abwesenheit seines Offensivtrios Ibisevic, Obasi, Eduardo zu kompensieren. Und auch um Timo Hildebrand, den neuen Torwart, ging es nur am Rande bei der Pressekonferenz vor dem Rückrundenauftakt. Die erste, offenbar dringlichste Frage, die Rangnick zu beantworten hatte, galt: dem Rasen im neuen Sinsheimer Stadion. „Knapp unter Wembley“, lautete Rangnicks Urteil - es war sarkastisch gemeint.
Wer die sandige Wiese am Samstag sah, konnte schon verstehen, dass Rangnick Zweifel hegte, ob das die Grundlage für das Kombinationsspiel des Herbstmeisters sein konnte. Seine Mannschaft kam dennoch zu einem verdienten 2:0-Sieg gegen Cottbus. Demba Ba gelang in der 28. Minute das erste Tor in der neuen Arena, Boubacar Sanogo ließ das 2:0 folgen (63.).
Das Wort „Verfolger“ mag Rangnick nicht
Es war kein glanzvoller, kein spektakulärer Erfolg gegen die biederen Lausitzer. Doch nach dem überraschenden 0:1 der Bayern am Freitagabend in Hamburg bedeutete es nicht nur die Rückkehr an die Tabellenspitze, sondern zugleich auch einen frisch erworbenen Drei-Punkte-Vorsprung auf die Verfolger aus München und deren zwei auf den HSV und Hertha BSC.
Verfolger? Das Wort mag Rangnick überhaupt nicht. Er sieht seine Mannschaft nach dem beinahe ungebremsten Tempolauf der Vorrunde nicht als Gejagten - und schon gar nicht als Herausforderer der Bayern. „Wenn nicht allen der Himmel auf den Kopf fällt“, sagt er, „werden die Bayern Meister.“ Lieber als auf die anderen zu schauen, hält er seinem eigenen Team den Spiegel vor. „Ich sehe es als die größte Herausforderung, dass wir die Leistungen der Hinrunde noch einmal zeigen können“, sagt Rangnick. „Wie viel Punkte das bringt, weiß keiner.“
Sanogo als Bestandsgarantie für den Offensivstil
Zu Jahresbeginn hatte er schon einmal angriffslustiger geklungen. Doch dann kam der verflixte 15. Januar: Vedad Ibisevic, in der Vorrunde mit 18 Toren die große Entdeckung, riss in einem Testspiel das Kreuzband, und Hoffenheim befand sich mit einem Mal „im Schockzustand“, wie Rangnick sagt. Er erwog sogar, das Spielsystem umzustellen und fortan mit grundsolider Defensivarbeit zum Erfolg zu kommen.
Dass die Stimmung derzeit zumindest wieder vorsichtig optimistisch ist, liegt vor allem an Sanogo. Der aus Bremen ausgeliehene Ivorer soll das Puzzlestück sein, das Ibisevic ersetzen kann. „Wir erwarten natürlich nicht, dass er 18 Tore macht“, sagt Rangnick. Das Wichtigste sei, „dass wir wieder so spielen können wie vorher, weil alle anderen wieder auf ihre 1-a-Position rücken können.“ Sanogo, tatsächlich ein ähnlicher Spielertyp wie Ibisevic, soll also die Bestandsgarantie sein für den Offensivstil. Gegen Cottbus stand er von Beginn an in der gewohnten 4-1-3-2-Formation und machte seine Sache ordentlich.
Hildebrand muss ausgewechselt werden
Sanogo für Ibisevic - wer Hoffenheim immer noch in erster Linie über seine finanziellen Möglichkeiten definiert, hätte ja womöglich einen spektakuläreren Transfer erwartet. Wer weiß schließlich, ob eine solche Chance wie in dieser Saison noch einmal wiederkehrt. Doch Rangnick und Manager Jan Schindelmeiser wirtschafteten konservativ.
Wie Sanogo wurde auch der 18 Jahre alte brasilianische Verteidiger Fabricio zunächst nur ausgeliehen, Hildebrand kam ablösefrei aus Valencia. Der frühere Nationaltorwart erwischte einen weniger glücklichen Einstand als Sanogo: Er verletzte sich bei einem Zusammenprall und musste in der 60. Minute mit Verdacht auf Schambeinprellung ausgewechselt werden. Noch am Abend wurde Hildebrand im Krankenhaus untersucht. Wie lange er ausfällt, steht noch nicht fest.
„Innere Wahrheit“ gegen „äußere Wahrheit“
Wenn in den nächsten Wochen der verletzte Obasi und der gesperrte Eduardo zurückkehren, ist der Hoffenheimer Kader gewiss nicht viel schlechter als in der Vorrunde. Doch Rangnick weiß, dass neben aller Qualität der Spieler auch die Eigendynamik des Erfolgs, der „Flow“, wie er sagt, eine Rolle spielt. Schon deshalb hatte er einen Sieg gegen Cottbus zur wichtigsten Voraussetzung für eine gute Rückrunde erklärt. Fürs Erste sieht es also so aus, als wäre alles wieder im gewohnten Fluss.
Ob daraus wieder der mitreißende Strom des ersten Halbjahres werden kann, hängt noch von ein paar anderen Faktoren ab: Dass es keine weiteren Verletzungen gibt, dass die Spieler sich nicht von Angeboten anderer Klubs die Köpfe verdrehen lassen - dass, wie Rangnick sagt, die „innere Wahrheit“ des Teams gegen die „äußere Wahrheit“ der Medien- und Beraterwelt verteidigt werden kann. Bleibt die Frage nach dem Rasen. Da, sagte Rangnick, könne man ja mal beim Botanischen Garten anrufen.