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1899 Hoffenheim Phantasialand ist ausgebrannt

28.03.2010 ·  Mangelnder Teamgeist, fehlende Selbstkritik und Grüppchenbildung: Das vielgepriesene Hoffenheimer Modell steckt in der Krise. Torhüter Hildebrand mangelt es an Anreiz - denn der Klub spielt gegen den Abstieg. Von einem Klub, der Besseres erwartet.

Von Thomas Klemm, Sinsheim
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Ein Gespenst geht um in Deutschland; eines, das man bei der TSG 1899 Hoffenheim höchstens vom Hörensagen kennt, das aber trotzdem irgendwie in den Hinterköpfen herumspukt. Der Bundesligaklub steht auf Tabellenplatz elf, er hat zehn Punkte Abstand auf die Abstiegszone, aber diese für Hoffenheimer Verhältnisse ungewohnte und unerquickliche Lage im Liga-Mittelmaß genügt, um für innere Unruhe zu sorgen.

„Wenn wir in Nürnberg gewonnen hätten, hätten wir mit dem Abstieg nichts mehr zu tun gehabt“, sagte Trainer Ralf Rangnick rückblickend auf das 0:0 am vergangenen Spieltag. Manager Jan Schindelmeiser fordert von der Mannschaft, die im Laufe der letzten Monate in der Tabelle von Platz vier stetig abgerutscht ist, „ein Bewusstsein, dass wir hellwach sein müssen“.

Und Linksverteidiger Christian Eichner setzt sogar noch einen drauf und hat sich und die Seinen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, indem er eine Zwangspause vom kreativen Spiel forderte, für das Hoffenheim in der vorigen Saison gerühmt wurde. „Jetzt hat auch der Letzte kapiert“, sagte Eichner, „dass der Verein zum ersten Mal in einer Situation steckt, in der wir beißen und dagegenhalten müssen.“

Was ist bloß in den Klub gefahren, der vor etwas mehr als einem Jahr zum Phantasialand des deutschen Fußballs hochgejubelt wurde, sich nun aber schwer tut beim Blick auf die Realität? „Vor einigen Wochen hatten wir die Situation noch anders eingeschätzt“, gibt Rangnick zu. Dann kam das 0:1 gegen Mainz, was sogar den TSG-Mäzen Dietmar Hopp mächtig zürnen ließ.

Die Folgen des Schocks

Hoffenheim spürt noch drei Wochen danach die Folgen des Schocks, den die Heimniederlage gegen den Aufsteiger ausgelöst hatte. Bis dahin hatte der Klub seine relative Erfolglosigkeit noch mit den Verletzungssorgen einiger Stammkräfte erklären können oder mit der schweren Erkrankung von Rangnicks Vater, die den 1899-Trainer auch bei der Arbeit belastete. Doch bei ihrem blutarmen Auftritt gegen Mainz zeigten die Profis praktisch nichts von dem, was das vielgepriesene Hoffenheimer „Modell“ theoretisch ausmacht: nämlich „das Bewusstsein, dass man etwas nur erreichen kann, wenn alle konsequent in die gleiche Richtung streben“, wie Bernhard Peters sagt.

Von dem, was der ehemalige Hockey-Bundestrainer, spätere Sportdirektor von Bundestrainer Klinsmann und heutige Hoffenheimer Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung im Allgemeinen anspricht, ist im Speziellen wenig zu spüren. Längst wurden selbst von 1899-Spielern mangelnder Teamgeist, fehlende Selbstkritik oder eine Grüppchenbildung kritisiert: hier die Brasilianer, dort die Afrikaner, dazu die Balkan-Clique. Mit der Vertragsverlängerung von Nationalspieler Tobias Weis bis 2012 hat der Verein am Freitag auf den Mentalitäts-Mischmasch reagiert: Die TSG will künftig verstärkt auf deutschsprachige Spieler setzen.

Der Riss im Gefüge ist nicht repariert

Wie sehr sich manche Ballkünstler als kleine Stars fühlen und das erwünschte Gemeinwesen ignorieren, führte zuletzt Carlos Eduardo vor. Der Brasilianer, der in diesem Jahr weniger durch seine Taten auffiel als vielmehr durch seine Ankündigung, er wolle zu den besten zehn Spielern der Welt gehören, verschwand vor einer Woche nach seiner Auswechslung grußlos in den Katakomben des Nürnberger Stadions. Dass Carlos Eduardo den Schlusspfiff nicht draußen mit den Kollegen abwartete, quittierte Rangnick mit einer Rüge, aber nicht mit einer Geldstrafe. Repariert ist der Riss im Gefüge noch nicht.

Nach nur zwei Siegen aus den vergangenen vierzehn Bundesligabegegnungen ist die gute Stimmung von einst wie weggeblasen. Peters nennt es eine „Unzufriedenheit, weil wir unser Leistungsvermögen nicht abrufen“. Der gemeinsame Spaß am Spiel sowie die Leidenschaft, die kollektiv Kreativität freisetzt, blieben zuletzt nur eine Erinnerung an vergangene Tage. Zwar meint Manager Schindelmeister jüngst erkannt zu haben, dass „die Jungs versuchen, an bessere Zeiten anzuknüpfen“.

Doch statt des Pressings, dem die Hoffenheimer früher ihre Gegner aussetzten, herrscht der Druck nur intern. Vor allem deshalb, weil die Mannschaft ohne die wochenlang angeschlagenen Stürmer Demba Ba und Chinedu Obasi keine Tore mehr schießt. Von den anderen Offensivkräften versagten vor allem Vedad Ibisevic und Carlos Eduardo reihenweise vor dem gegnerischen Tor. Nur der SC Freiburg, der an diesem Sonntag in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena antritt, hat in diesem Jahr weniger Liga-Treffer (sechs) erzielt als 1899 Hoffenheim (sieben). Aber Freiburg ist Tabellensiebzehnter und damit kein Gradmesser für Rangnicks Team. Dementsprechend hat 1899-Torhüter Timo Hildebrand seinen Frust geäußert: „Für mich ist es kein Anreiz, gegen den Abstieg zu spielen.“

„Nicht so viel quatschen“

Was sich im Kraichgau abspielt, müssen andere Klubs, die tief im Tabellenkeller stehen, als Panikmache empfinden: Klubs wie Bochum oder eben Freiburg, die das Abstiegsgespenst nicht von Ferne erahnen, sondern als ständigen Begleiter kennen. Doch wechselhafte Zeiten und schicksalshafte Wendungen, wie sie Vereine, die über weniger Mittel und Möglichkeiten verfügen als die TSG, über viele Jahre durchlebt und durchlitten haben, erscheinen den Emporkömmlingen wie neu. „Die Wellentäler haben bei uns in der zweiten Bundesligasaison heftiger zugeschlagen, als wir es uns gewünscht haben“, sagt Peters. „Wir müssen sie analysieren und damit umgehen lernen.“

Bei den Hoffenheimern weiß einzig Christian Eichner, wie normal sich Abstiegskampf anfühlen kann. Der Führungsspieler, der gegen Freiburg wohl wieder auf die Bank zurückkehren muss, war 2007 mit dem Karlsruher SC in die erste Liga auf- und nach dem verflixten zweiten Jahr wieder abgestiegen. Und so weiß Eichner auch, worauf es in der Krise ankommt: „Nicht so viel quatschen, sondern sich dem Sturm stellen.“ Und warten, ob der wahre Geist von Hoffenheim wieder zurückkehrt.

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