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1899 Hoffenheim Die Jäger des verborgenen Schatzes

29.10.2008 ·  Hoffenheim steht nicht nur für eine aufregende Fußballmarke. Der Aufsteiger und Spitzenreiter hat sich die Suche nach Talenten auf die Fahne geschrieben. Doch Unstimmigkeiten bleiben im Kampf um die Besten nicht aus.

Von Michael Ashelm und Oliver Trust, Hoffenheim
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Im Moment ist Bernhard Peters wieder oft auf der Autobahn unterwegs durch Deutschland. Zuletzt war er zu Besuch bei den Bundesligaklubs in Hamburg, letzter Gegner seiner TSG Hoffenheim 1899 am vergangenen Sonntag (siehe auch: 3:0 gegen Hamburg - Zirkus Hoffenheim bietet eine Sondervorstellung), und Wolfsburg, wo er sich informierte über deren Jugendinternate.

Aber den Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung interessierten auch ganz andere Talentschmieden wie der Olympiastützpunkt in Tauberbischofsheim mit seinem ruhmreichen Fechtzentrum und das Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf. „Es ist wichtig, dass man nicht nur das System im System sieht, sondern auch außerhalb schaut, warum andere Sportarten erfolgreich sind“, sagt Peters, ehemals Hockey-Bundestrainer und heute in Hoffenheim beschäftigt.

Nicht nur aufschließen, auch eigene Akzente setzen

Der aufstrebende Klub steht nicht nur für eine neue, aufregende Fußballmarke und die ehrgeizige Vision eines Milliardärs. Der Aufsteiger hat sich ganz speziell die Suche nach Talenten und deren Ausbildung auf seine Fahne geschrieben. Es ist nichts Neues, dass ambitionierte Fußballklubs mit viel Zeit, Geld und Personal in die Beine der Zukunft investieren, sich reißen um die besten Jugendkicker. Der Trend geht seit Jahren dorthin.

1899 Hoffenheim: Die Jäger des verborgenen Schatzes

Die erfolgreiche Start-up-Unternehmung will aber innerhalb kurzer Zeit nicht nur aufschließen zu den Großen im Geschäft, sondern eigene Akzente setzen. Der Hoffenheimer Manager Jan Schindelmeiser, der auch für das Scouting verantwortlich ist, sagt: „Um früher an den Talenten dran zu sein als andere, müssen wir extrem fleißig arbeiten und unser dichtes Netzwerk immer weiter ausbauen.“

Im Ausland die „kleine, aber feine“ Adresse rühmen

Konzentrische Kreise werden auf der Fußballkarte um Hoffenheim gezogen, eine stetig wachsende Zahl hauptamtlicher Talentsucher und Beobachter auf Honorarbasis hat ein Auge auf den Markt und sammelt Informationen über junge Spieler. Nutznießer am Ende aller Bemühungen soll der Trainer der Erstligamannschaft sein, derzeit Ralf Rangnick.

Die Sichtung des Aufsteigers aus dem Kraichgau dringt bis in den entlegensten Zipfel - mit Erfolg. Beispiele wie das des starken defensiven Mittelfeldspielers Luiz Gustavo, entdeckt in der zweiten brasilianischen Liga, oder des nigerianischen Stürmers Obasi, der in Norwegen aufgegabelt wurde, werden gerne von den Hoffenheimern angeführt, wenn sie ihre, so Peters, „kleine, aber feine“ Adresse rühmen.

Erlöse werden ins Hoffenheimer System reinvestiert

Die beiden Profis sind nicht nur eine Verstärkung für das Bundesligateam, sondern haben ihren Marktwert um ein Vielfaches gesteigert und können vielleicht irgendwann teuer verkauft werden. Vereine aus der Premier League von Arsenal bis Manchester United sollen ihre Fühler schon ausstrecken Richtung Kraichgau.

Aus diesem profitablen Kreislauf will der Klub seine Stärke schöpfen für die nächsten Jahre. Talente sollen früh erkannt und schnell gebunden werden, eine fundierte und umfassende, nicht nur auf den Sport fixierte Ausbildung erhalten und zu überdurchschnittlich begabten Profis reifen. Wenn sie dann nicht mehr zu halten sind, kann der Erlös gut in das Hoffenheimer System reinvestiert werden.

„Wir haben 1000 Jugendliche in Ausbildung“

Am aufwendigsten beackert der Verein das Feld in seiner nächsten Umgebung. Er richtet seine vielen Blicke ins badische, schwäbische, hessische oder pfälzische Umland. „Wir haben 1000 Jugendliche in Ausbildung“, sagt Schindelmeiser. Die Erfolgsquote für eine spätere Profikarriere liegt allerdings im „Promillebereich“, weshalb ein großer Teil des Inputs auch eine Art von Breitensportförderung und natürlich Imagepflege ist.

Bisweilen sorgen die hohen Ansprüche der stark expandierenden Hoffenheimer und ihr Ringen um Talente für Verstimmungen im Südwesten. Als der ansässige Rundfunk zum Interview im Trainingszentrum des Bundesligaklubs erschien, gab der „U19“-Nationalspieler Manuel Gulde, der vom VfL Neckarau in Mannheim kam, seine Meinung zum Zweikampf der konkurrierenden Interessenten VfB Stuttgart und Hoffenheim zum Besten.

Ärger mit dem „Farmteam“ vom SV Sandhausen

Er habe den Eindruck gehabt, die Stuttgarter hätten sich nicht sehr bemüht, fand der mit der Fritz-Walter-Medaille für den besten deutschen Nachwuchsspieler ausgezeichnete Jungstar. Auf Stuttgarter Seite zeigte man sich erstaunt, glaubt der schwäbische Traditionsklub doch bis heute, alles unternommen zu haben, um Gulde an sich zu binden.

Vor zwei Jahren gab es Ärger mit dem SV Sandhausen, einer Fußballgröße aus alten Amateurfußballzeiten, als sich eine angestrebte Kooperation erledigte, weil die Hoffenheimer angeblich eine Beschränkung der sportlichen Ambitionen diktieren wollten. Man habe nicht auf ein „Farmteam“ reduziert werden wollen, sagte der Vereinspräsident (siehe auch: Polarisierendes Sportimperium: Was zum Teufel ist Hopp - ein Engel?).

Als „Dankeschön“ gibt es einen Kunstrasenplatz

Insgesamt hat man sich rund um Hoffenheim allerdings auf die neue Zeit eingestellt, schließlich nimmt der Bundesligaklub nicht nur, sondern gibt auch viel zurück. Dabei spielt die „Dietmar-Hopp-Stiftung“, die in allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv ist, eine wichtige Rolle. Millionen werden im Jugend- und Nachwuchsbereich für kleine Vereine lockergemacht.

So entstanden bislang sechs Förderstützpunkte für Jugendfußballspieler, auch einer für Frauen in St. Leon-Rot. Beim neuesten in Ludwigshafen investierte die Stiftung 2,4 Millionen Euro für Platz und Funktionsgebäude. Ein gutes Beispiel für die besonderen Aktivitäten bei der Talentsuche ist der VfL Neckarau, der auf einen Schlag sieben Jugendspieler, darunter der erwähnte Gulde, an Hoffenheim abgab und dafür als „Dankeschön“ (Schindelmeiser) einen Kunstrasenplatz für 600.000 Euro erhielt.

Viele Talent-Initiativen, um mehr herauszuholen

Der Trainer, der frühere Karlsruher Profi Stefan Groß, ist mittlerweile Leiter des Förderzentrums bei Waldhof Mannheim, welches ebenfalls von Hopps Stiftung bezuschusst wird. In neuer Umgebung und neuem Dress wurden nun die einstigen Neckarauer deutscher Meister in der B-Jugend. Neben der Zugehörigkeit des Vereins zu der A-Junioren- und B-Junioren-Bundesliga, in der lange nur die großen Traditionsklubs bestimmten, ist der Nachwuchstitel der bislang spektakulärste Coup für die Hoffenheimer.

Um noch mehr an Talenten in der Region herauszuholen, gibt es viele weitere Initiativen. In Sinsheim, wo das neue Bundesligastadion der Hoffenheimer entsteht, werden junge Elitekicker schulisch speziell begleitet. Kommen junge Hoffenheimer Spieler aus größerer Entfernung, Mannheim oder Darmstadt etwa, werden sie mindestens zweimal in der Woche von Trainern besucht, die mit ihnen individuell arbeiten.

„In der Realität ist das nicht immer möglich“

Wie ein Verband fördert der Bundesligaverein zudem die Fortbildung der Trainer in den kleinen umliegenden Vereinen, um die Qualität der Arbeit mit den jungen Kickern zu heben. Wie viele Spieler es am Ende in den Profifußball schaffen, ist natürlich nicht zu prognostizieren. Doch die Chance erhöht sich wohl durch die vielfältigen Maßnahmen. „Im Zweifel nehmen wir natürlich lieber Jungs aus der Region, aber in der Realität ist das nicht immer möglich“, sagt Schindelmeiser.

Deshalb erhoffen sich die Hoffenheimer mit der Eröffnung ihres neuen Internats im nächsten Herbst einen weiteren Schub. Dort sollen „Hochkaräter“ im Alter von 14, 15 oder 16 Jahren für den Spitzenfußball dann getrimmt werden.

Es zählt nicht nur die fußballerische Ausbildung

Mehr als sechs oder sieben dieser Supertalente sollen aber nicht kommen, um sich ganz auf sie zu konzentrieren - was in dieser pubertären Altersstufe viel Zeit beansprucht. „Es geht um eine sehr intensive emotionale Betreuung, deshalb muss auch der pädagogische Aspekt in der Ausbildung eine wichtige Rolle spielen“, sagt Peters. Deshalb zählt nicht nur die fußballerische Ausbildung.

Der junge Hoffenheimer Fußball ist in ständiger Bewegung. An diesem Mittwoch, bevor die erste Mannschaft ihre Tabellenführung in der Bundesliga in Bochum verteidigen will (20.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker), findet schon die nächste Veranstaltung statt. Interessierte Zehn- bis Zwölfjährige sind eingeladen zum „Tag des Torhüters“ - auf der Sportanlage des FC Zuzenhausen.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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