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1. FC Nürnberg Der „Club“ nach Hecking

Nach dem Abgang von Dieter Hecking gewinnt das Trainerduo Michael Wiesinger und Armin Reutershahn Vertrauen beim 1. FC Nürnberg. Bleibt die Frage, was passiert, wenn alles doch nicht so läuft wie erhofft - etwa beim Spiel in Dortmund (20.30 Uhr).

© dpa Nürnberger Doppel: Armin Reutershahn (links) und Michael Wiesinger

Die Winterkluft und das leichte Schneetreiben machen die Unterscheidung nicht ganz leicht - zumindest aus der Ferne. Um wirklich auf Nummer sicher zu gehen, wer da gerade die Kommandos gibt beim Training des 1. FC Nürnberg, verlässt man sich besser auch auf seine Ohren. „Hohe Qualität, hohe Qualität!“ Die fast gebellte Mahnung bei der ersten Passübung hat einen rheinischen Einschlag - Armin Reutershahn. Bei den Spielformen dann kommt das wärmere Oberbaierische ins Spiel, dazu schneidige Bewegungen, die einen Mann erkennen lassen, dessen aktive Karriere noch nicht allzu lange zurückliegt - Michael Wiesinger. Wenn beide nicht gerade Anweisungen geben, kann man sie oft im Dialog beobachten. Während sie die Hütchen aufstellen oder die Tore nach den Linien ausrichten zum Beispiel.

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So sieht es also aus, wenn zwei mehr oder weniger gleichberechtigte Trainer am Werk sind, zumindest in der Nürnberger Variante. Seit dem 24. Dezember sind Wiesinger und Reutershahn das zweite Duo, das die Geschicke eines Bundesligaklubs leiten soll, nach Sami Hyypiä und Sascha Lewandowski in Leverkusen. Spricht man mit Martin Bader, dem Nürnberger Sportvorstand, erfährt man, dass das erfolgreiche Leverkusener Modell dem „Club“ die Entscheidung zwar erleichtert habe. Eine Kopie ist es deshalb keineswegs. Sondern eine Lösung, die maßgeschneidert sein soll für die eigenen Bedürfnisse - und für die sich der Verein ziemlich schnell entschieden hat: nur vier Tage nachdem der Wechsel von Dieter Hecking nach Wolfsburg feststand. Es war keine Krisensituation, es galt vielmehr, das Bewährte fortzuführen - und nach Möglichkeit weiterzuentwickeln. Da schien die interne Lösung mit dem Trainer der U23 (Wiesinger) und dem bisherigen Assistenztrainer (Reutershahn) das Naheliegende.

Den Zweiflern ist Wiesinger zu nett

„Es würde keinen Sinn machen, jeden Stein dreimal umzudrehen“, sagt Wiesinger. Es gehe vielmehr um „Nuancen“, um „Verfeinerungen“. Am Grundrezept des bodenständigen, aber schon mit 21 Punkten belohnten „Club“-Spiels werde sich nichts ändern. „Unsere Mannschaft wird weiterhin von der Kompaktheit leben, von diszipliniertem taktischem Verhalten, von der Arbeit gegen den Ball.“ Ein bisschen Würze aber dürfe ruhig dazukommen. „Neue Optionen im Spiel nach vorne“ nennt Wiesinger das, „noch mutiger werden“. An diesem Freitag (20.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) haben er und seine Mannschaft gleich die schwere Partie in Dortmund vor der Brust.

VfL Wolfsburg - Cheftrainer Dieter Hecking © dpa Vergrößern Zur Konkurrenz gewechselt: Dieter Hecking in Wolfsburg

Wiesinger ist derjenige, der die finalen Entscheidungen treffen soll. Und er vertritt das Duo nach außen. Damit wird er in der Öffentlichkeit weit mehr als „Chef“ wahrgenommen als sein Kollege - was dem „schnurz“ ist, wie er sagt. Reutershahn wirkt froh, dass er sich wieder mehr einbringen kann als unter Hecking. Bei Wiesinger, dessen Trainerkarriere bislang nur die Stationen Ingolstadt und eben Nürnberg ausweist, hat man das Gefühl, dass er seine Rolle noch ein bisschen sucht, dabei aber den festen Vorsatz hat, nicht von seinem Weg abzurücken. „Authentisch“, sagt er, möchte er sein. „Das macht einen Trainer aus - egal, ob in der Kreisklasse oder hier.“ Besonderen Kredit beim Publikum genießt er allemal. Schließlich hat der gebürtige Burghauser nicht nur sechs Jahre beim „Club“ gespielt, sondern auch dessen schwärzeste Phase mitgemacht: Wiesinger ging 1996 mit in die dritte Liga - und führte das Team binnen zwei Jahren in die Bundesliga zurück, als Kapitän.

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Den Zweiflern, von denen es durchaus ein paar gibt, ist Wiesinger eine Spur zu nett. Man tut der Mannschaft des „Club“ wohl nicht unrecht, wenn man sagt, dass sie eine etwas straffere Führung braucht. Sie weiß das selbst und wusste deshalb, dass Hecking ihr guttat - auch wenn ein eher kühles Verhältnis die Folge war. Gegenüber Wiesinger, so heißt es, habe es zu Beginn zumindest leise Vorbehalte gegeben. Eine produktive Trainingswoche in Spanien half, diese zu beseitigen. Zwar betont Wiesinger seinen „kommunikativen Führungsstil“ und lässt sich mit „Du“ und „Trainer“ anreden. Dass das Konsequenz nicht ausschließt, bewies er gleich zu Beginn der Rückrunde, als er Hiroshi Kiyotake, seinen besten Fußballer, wegen laschen Trainings auf die Bank setzte.

Was passiert bei den ersten Rückschlägen?

Als kurz vor Weihnachten die Nachricht von Heckings Abgang publik wurde, wirkte die Nürnberger Fußballwelt erschüttert. Nur einen Monat später scheint die innere Stabilität alles in allem wiederhergestellt. Natürlich wird mit großem Respekt von Heckings Leistungen gesprochen. Dass man ihn vermisst, wäre indes zu viel gesagt. Der „Club“ wirkt bereit, sich auf etwas Neues einzulassen. Und dass er sich dabei die Lösung mit Wiesinger und Reutershahn zutraut, kann man als Zeichen von Selbstbewusstsein interpretieren.

Bleibt die Frage, was passiert, wenn alles doch nicht so läuft. Wenn die ersten Rückschläge kommen und mit ihnen die Suche nach Rissen in der bislang harmonisch wirkenden Zusammenarbeit. Die Vereinbarung läuft vorerst nur bis zum 30. Juni. Und ist es nicht auch ein Zeichen von Misstrauen gegenüber Wiesinger, dass ihm der ewige Co-Trainer Reutershahn zur Seite gestellt wurde? Der sieht das genau andersherum. „Wenn man versucht, zwei gleichrangige Trainer auf eine Ebene zu holen, ist einem klar, dass da Kontroversen entstehen können“, sagt Reutershahn. Umso mehr sei es ein „besonderer Vertrauensbeweis“, es doch zu tun. Ihr Vertrauen untereinander beweisen sie sich unter anderem damit, dass sie sich ihre Interviews gegenseitig zum Lesen geben. Vorsorglich. Damit sie zumindest wissen, welche Zitate eines Tages gegen sie verwendet werden könnten.

Quelle: F.A.Z.

 
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