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1. FC Nürnberg : Der Besuch der alten Dame

Trikot des Vaters in der Hand, Choreographie der Nürnberger Ultras im Hintergrund: Evelyn Konrad hat die Wirkungsstätte ihres Vaters Jenö besucht Bild: Foto: Klaus Schillinger

Die große Konrad-Choreographie: Der 1. FC Nürnberg setzt mit einem Ehrengast aus New York ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus. Evelyn Konrad erinnert an ihren Vater Jenö, eine Trainerlegende, die vor dem Nazi-Regime fliehen musste.

          Es kommt nicht oft vor, dass der Besuch einer alten Dame, und sei er auch aus Amerika, einen professionellen Fußballbetrieb auf Trab hält. Im Falle des 1. FC Nürnberg aber war das so in den vergangenen Tagen. Zumindest für diejenigen, die Evelyn Konrad begegneten. An deren 84 Lebensjahre mochten weder die Begleiter bei ihrer ausdauernden Erkundungstour durch die Stadt glauben noch die rund 200 Besucher, die in der vergangenen Woche vor allem ihretwegen in die Sporthalle des „Club“ am Valznerweiher gekommen waren. Dort gedachte der FCN seiner jüdischen Mitglieder, die Anfang 1933, früher als in vielen anderen deutschen Vereinen, ausgeschlossen wurden - mit Evelyn Konrad als Ehrengast.

          Evelyn Konrad ist die Tochter von Jenö Konrad, der 1930 als Trainer zum FCN geholt wurde - und diesen nur zwei Jahre später angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung Hals über Kopf verließ. Konrad, ein Ungar jüdischen Glaubens, war, aus Anlass zweier Niederlagen gegen den FC Bayern, ins Visier des „Stürmers“ geraten, jener Hetzpostille, die in Nürnberg von Julius Streicher herausgegeben wurde. Dort hieß es Anfang August 1932, als Leserzuschrift getarnt, dass es „bergab“ gehe mit dem „verjudeten Klub“.

          Flucht aus Nürnberg

          Als Jenö Konrad, und mehr vielleicht noch seine Frau, dieser Zeilen gewahr wurde, die in der Forderung gipfelten, ihm „eine Fahrkarte nach Jerusalem“ zu geben, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte - ein halbes Jahr, bevor die Nationalsozialisten förmlich die Macht erlangten. In der Nacht vom 5. auf den 6. August 1932 verließ Konrad mit seiner Frau Grete und der drei Jahre alten Tochter Verein, Stadt und Land. Es folgte eine Odyssee durch halb Europa, ehe der alte Kontinent der Familie nirgendwo mehr Sicherheit bot. 1940 nahmen die Konrads von Portugal aus das Schiff nach Amerika.

          Dass Evelyn Konrad nun, 81 Jahre nach ihrer Flucht, wieder nach Nürnberg kam und so allein durch ihre Anwesenheit ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus setzen konnte, war zwei Initiativen zu verdanken. Zum einen den Recherchen des Historikers Bernd Siegler, der mit Evelyn Konrad schon Mitte der 1990er Jahre für ein Buch über den „Club“ in Kontakt getreten war; Siegler war dann auch derjenige, der die Ausstellung im neuen „Club“-Museum zusammenstellte, in der neben allem Glanz eben auch dem dunklen Kapitel während der NS-Zeit erkennbarer Platz eingeräumt wurde.

          Sehr rührender Besuch

          Den Stein ins Rollen aber brachte eine Choreographie der Nürnberger Ultras vor dem Spiel gegen die Bayern im vergangenen November. Über die Breite der kompletten Kurve war da der Satz zu lesen, den Konrad nach seiner Flucht auf eine Autogrammkarte für die Vereinschronik schrieb: „Der Club war der erste. Und muss der erste werden.“

          Auf die Aufarbeitung der Vergangenheit gemünzt, kann man nicht behaupten, dass der „Club“ zu den allerersten gehörte. Da seien die Nürnberger „nicht langsamer oder schneller als andere Vereine“ gewesen, sagte Siegler. Der aktuellen Vereinsführung aber war die Einladung Evelyn Konrads eine Herzensangelegenheit, wie Sportvorstand Martin Bader versicherte.

          Von einem „sehr rührenden Besuch“ sprach die ebenso herzliche wie vornehme Lady, die in New York noch als Anwältin arbeitet: „Was der ,Club’ hier macht, ist sehr ehrenwert.“ Als wertvollen Akzent konnte man es über die persönliche Geschichte der Konrads hinaus sehen - gerade in Nürnberg, wo die Schatten der Vergangenheit noch ein bisschen deutlicher präsent sind als anderswo: Die Ruinen der Zeppelintribüne sind eine ständige Erinnerung an die braune Vergangenheit, und wer die paar Minuten Fußweg vom Vereinsgelände zum Stadion nimmt, kommt am wohl einzigen Burger-Restaurant im Lande vorbei, auf dessen Steinfassade sich noch die Silhouette des (1945 entfernten) Reichsadlers abzeichnet; das Gebäude diente einst als Umspannwerk für das Reichsparteitagsgelände.

          „Der Name hilft“

          Bader und Christian Mössner von der Ultra-Gruppe „UN 94“ hoben noch einen anderen, aktuellen Wert hervor: zu zeigen und zu erkennen, dass eben nicht immer nur Schlechtes ist, was dieser Tage aus deutschen Fankurven kommt. Bader kann sich sehr darüber echauffieren, dass jeder Hinweis auf Nazi-Symbolik oder Ähnliches - so sehr er das missbilligt - ein breites Medienecho nach sich zieht, eine positive Aktion wie die Konrad-Choreographie aber außerhalb des Stadions so gut wie keine Beachtung findet.

          Was freilich auch am etwas eigenwilligen Kommunikationsverhalten der Ultras liegt. Weil die nicht riskieren wollen, dass die gegnerischen Fans frühzeitig im Bilde sind, geben sie ungern im Voraus etwas preis. In diesem Fall führte das dazu, dass selbst die meisten Stadionbesucher rätselten, wer der Mann sein könnte, dessen Konterfei sich da meterhoch ausbreitete.

          Diesen kleinen Schönheitsfehler räumte auch Mössner ein. Und hatte dann noch diese eine Frage an Frau Konrad, die zum heitersten Moment des Abends führte. Ob sie denn ihren Vater erkannt hätte auf der riesigen Choreographie? Noch einmal schenkte Evelyn Konrad ihr freundlichstes Lächeln. Und sagte nur: „Der Name hilft.“

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