28.04.2007 · Schalke 04 bangt nach seinem selbstverliebten Auftritt in Bochum um Tabellenführung und Titel. „Wir haben es nicht mehr selbst in der Hand“, sagte der niedergeschlagene Slomka zum spannenden Kampf um die Meisterschaft.
Von Richard Leipold, BochumWenn es für die Verlierer in dieser lauen Frühlingsnacht überhaupt einen Trost gab, dann war es der Blick auf das Klassement der Fußball Bundesliga. „Nach der heutigen Tabelle sind wir noch Erster“, sagte Mirko Slomka, der Cheftrainer des FC Schalke 04. Doch die Niederlage gegen den VfL Bochum warf eine bange Frage auf: Wie lange noch? Über viele Wochen hinweg hatten die Schalker sich in der Pole Position eingerichtet und nur auf ihr eigenes Fortkommen geachtet. Das 1:2 in Bochum hat die Perspektive überraschend verändert. „Zum ersten Mal ist es so weit, dass ich auch auf die Gegner schaue“, sagte Slomka. An diesem Sonntag wird sein Blick nach Bielefeld wandern. Dort kann Werder Bremen den FC Schalke von der Spitze verdrängen.
Slomka setzt, zumindest öffentlich, keine große Hoffnung in die Bielefelder Arminia, die im Kampf um den Klassenverbleib dringend Punkte benötigt. „Ich gehe davon aus, dass Bremen dort gewinnt und wir am Sonntagabend nicht mehr Tabellenführer sind.“ Für diese Vorhersage kommen zwei Gründe in Frage. Entweder die Niederlage hat Slomka so sehr getroffen, dass ihm die Phantasie fehlt, sich einen Fehltritt des jüngst im Europapokal schwer geschlagenen Mitbewerbers auszumalen. Oder der Trainer will taktieren und erklärt Werder vorab zum Sieger, um Bremen unter Druck zu setzen.
„Haben es nicht mehr in der Hand“
Der Wettstreit um die deutsche Fußballmeisterschaft erinnert in seiner Spätphase an den Tie-Break eines Tennisspiels. In dieser Metapher entspricht die Niederlage gegen Bochum einem sogenannten Mini-Break. Schalke ist nun auf Fehler der Mitbewerber Stuttgart und Bremen angewiesen. „Ich kann jetzt nicht mehr zu hundert Prozent davon überzeugt sein, dass wir den Titel holen. Wir haben es nicht mehr selbst in der Hand“, sagte Slomka. Der 39 Jahre alte Fußball-Lehrer wirkte niedergeschlagen.
Eine halbe Stunde lang hatte sein Personal gegen Bochum alles im Griff. Nach Kevin Kuranyis Führungstor (8. Minute) wirkte der Favorit hoch überlegen und siegessicher. Alles lief nach Plan, der zweite Treffer schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Aber die Leichtigkeit des Seins wurde zum Ursprung der Schalker Schwermut. Statt sich den anfangs hilflosen Gegner für den Rest der Zeit gefügig zu machen, jagten die Gelsenkirchener einem Schönheitspreis nach, der in dieser dichten, temporeichen, am Ende hektischen Partie nicht zu vergeben war. In ihrer stärksten Phase traten die Schalker zu selbstverliebt, zu selbstgefällig auf, um den Außenseiter nachhaltig auf Distanz zu halten. „Wir haben gedacht, es geht von alleine“, sagte Stürmer Gerald Asamoah.
Slomka zürnte dem Schiedsrichter
Von alleine ging plötzlich gar nichts mehr. Unterstützt von Tausenden weiß gekleideter Fans verloren die Schalker beim Ausgleichstor von Misimovic ihre Unschuld (33.), aufgrund des zweiten Gegentreffers von Gekas (41.) das Spiel und vielleicht sogar die Meisterschaft - wie vor sechs Jahren am selben Ort, als ein Unentschieden gegen den VfL die Königsblauen im Titelkampf vier Runden vor dem Saisonende entscheidend zurückwarf. Nicht nur wegen vieler vergebener Chancen bot auch die Niederlage am Freitagabend den Stoff, aus dem die Albträume sind. Zwei Pfostenschüsse (der VfL hatte allerdings auch einen) und zwei Strafraumszenen, die heftige Diskussionen, aber keinen Elfmeterpfiff hervorriefen: Bochum besitzt gute Chancen, sich für Schalke zum Unglücksort zu entwickeln.
Slomka zürnte dem Schiedsrichter und versuchte den Eindruck zu erwecken, als hätte Knut Kircher die Niederlage zu verantworten. Aber sosehr er sich auch aufregte (erst auf dem Platz, dann auf dem Podium): Der Trainer des FC Schalke hält an seinem Traum fest. „Wir geben nicht auf“, sagte er trotzig. „Wir sind ungerecht behandelt worden, aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass die Mannschaft einen Knacks bekommt.“
Der Blick in die Geschichte mag Zweifel an dieser Prognose wecken, die ein Wunsch bleiben könnte. Aber vielleicht hilft auch gegen die Zweifel ein Blick auf das Klassement. Am Sonntagabend will Slomka die Tabelle wieder lesen, „einen Strich ziehen und sehen, wo wir stehen“. Bis dahin erscheint in einem anderen, düsteren Licht, was vor einer jeden Saison zum Fundus der Floskeln gehört: Sie wissen nicht, wo sie stehen.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |