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Bundesliga-Trainer Klopp Tiger im Käfig

 ·  Warum rasten Fußballtrainer immer wieder aus? Moralische Kategorien sind in Fällen, in denen das Stirnhirn vorübergehend ausgeschaltet ist, nicht besonders brauchbar.

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© dpa Vergrößern Unterkiefer vor: der Trainer bebt

Beim Dortmunder Triumph in der Champions League sah man wieder dieses Gesicht. Den weit geöffneten Mund, aus dem kein Wort dringt. Den Unterkiefer, der sich unwillkürlich nach vorne schiebt und die untere Zahnreihe freigibt. Die Mundwinkel, an denen die Muskeln zerren, erst links, dann rechts, dann an beiden Seiten gleichzeitig. Darunter der anschwellende Hals, an dem verloren eine Krawatte baumelt. Die Augen hinter der Brille sind starr, verengt wie Schlitze, einen fernen Punkt fixierend. Das ganze Gesicht unter dem kurzgeschnittenen Bart ist schief und in sich verzerrt, vor Erregung, vor Emotion, vor Aggression. Es ist das Gesicht von Jürgen Klopp, ein Gewinnergesicht im Moment der größten Freude. Borussia Dortmund hat gerade eines seiner drei Tore gegen Donezk geschossen, was den Klub zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder in das Viertelfinale der Champions League gebracht hat. So also kann Freude im Fußball aussehen: Ungezähmt. Gefährlich. Hässlich.

An diesem Tag sind ständig Kameras auf Klopp gerichtet, so wie immer. Sie wollen seine Mimik einfangen, seine Körpersprache. Es gibt in Deutschland vermutlich keinen Fußballtrainer, der so häufig am Spielfeldrand aufgenommen wird wie Klopp. Und so kommen an diesem Tag zu den Tausenden Klopp-Bildern noch ein paar Dutzend hinzu; aggressive, angespannte, gelöste, charmante, herzliche, fröhliche Gesichter.

Oft steckt eine ungeheure Energie in diesen Bildern, in den Gesichtern pulsiert das Leben, sie erzählen ungefragt existentielle Geschichten. Auf diesen wenigen Quadratzentimetern werden in aller Öffentlichkeit Dramen sichtbar, mitunter Abgründe. In den Gesichtern von Jürgen Klopp lässt sich immer wieder erkennen, was außerhalb des Fußballs und des Sports unsichtbar bleibt, was buchstäblich kein Gesicht hat und auch gar kein Gesicht haben will. In der Wirtschaft und der Politik fangen die Kameras jeden Tag nur Gesichter ohne Emotion, ohne Aggression ein. Masken, die über Milliarden und Menschen entscheiden. Wir sehen nur Rollengesichter vor Abgründen, aber in die Abgründe schauen wir nicht.

Joachim Bauer ist Neurobiologe, Internist und Psychotherapeut, und als er sich ein Bild von Klopp aus dieser Saison ansieht, wie der Trainer Auge in Auge dem vierten Offiziellen am Spielfeldrand gegenübersteht, ganz von Wut erfüllt und mit gebleckten Zähnen - erstaunlich ähnlich dem Siegerbild vom Dienstag -, fängt Bauer an zu lachen. In diesem Bild blickt der Hirnforscher weit zurück in die menschliche Vergangenheit, zu ihren Anfängen. „Bevor unsere Vorfahren mit Sprache kommunizieren konnten, haben sie mittels Körpersprache, vor allem mit ihrer Mimik und mit Gesten, kommuniziert. Wenn sie wütend waren, haben sie vermutlich Geräusche produziert, die nach einem Bären oder Tiger geklungen haben - und wenn sie guter Laune waren, haben sie behagliche Geräusche von sich gegeben“, sagt Bauer. „Wenn wir heute extreme Affekte erleben, fallen wir leicht in die früheren, primärprozesshaften Formen der Kommunikation zurück. In Extremfällen schaltet unser Gehirn sogar in den Reptilienmodus zurück, dann sprechen nur noch die Emotionszentren. Auch einem klugen Mann wie Jürgen Klopp kann es mal passieren, dass er in seiner Erregung in den Primärprozess zurückfällt.“

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