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Bundesliga Schluß mit der Schönfärberei!

25.04.2005 ·  Der Bundesliga fehlt es an Glanz, den Großklubs angeblich am Geld. „Ich hasse das Wort Solidarität inzwischen wie die Pest“, sagt Rummenigge und schürt mit seiner Forderung nach mehr Fußball-Kapitalismus den Klassenkampf gegen die Kleinen.

Von Michael Ashelm
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In schwierigen Zeiten werden solche Nachrichten gerne verbreitet. Am Mittwoch ließ die Deutsche Fußball Liga (DFL) verlautbaren, daß sie allen 36 Profiklubs, deren Schuldenberg inzwischen auf rund 700 Millionen Euro angehäuft ist, eine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit für die kommende Spielzeit zutraut und selbst den lange Zeit vom Bankrott bedrohten Dortmundern die Lizenz ruhigen Gewissens erteilen kann.

Die positiven, für manche überraschenden Erkenntnisse der internen Finanzprüfung können nach außen den allgemeinen Schwächezustand nicht verbergen. Der Marke Bundesliga fehlt Glanz und Glamour, der sportliche Wettbewerb kommt nur sporadisch über dröge Durchschnittsinszenierungen hinaus, die besten Klubs des Landes halten dem internationalen Spitzenvergleich nicht stand. Eigentlich keine Neuigkeiten so kurz vor Saisonschluß, aber es sieht nicht danach aus, als könnte sich an der großen Langeweile bald etwas ändern.

„Die 300 Millionen bislang sind ein Witz"

Ohne erkennbare Strategien und Reformkraft kämpft die Bundesliga gegen den Negativtrend. Ein neuer Richtungsstreit droht zudem den Verbund der Vereine zu spalten. "Wir haben in der Bundesliga ein Problem: Die kleinen Klubs sind in der Majorität und bestimmen, wo es langgeht", bemängelt Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des Branchenführers FC Bayern. "Wir machen die Schwachen nicht stärker, wenn wir die Starken schwächen." Wenn im Herbst der Poker um die Fernsehrechte an der übernächsten Saison 2006/2007 und weiteren Spielzeiten beginnt, soll sich aus Sicht des sicheren Meisters einiges ändern. "Wir müssen im ersten Schritt mehr Geld reinholen", sagt Rummenigge. "Wenn die deutschen Spitzenklubs in Europa wettbewerbsfähig sein sollen, dann muß die DFL dafür sorgen, daß wir vom Fernsehen mehr als aktuell pro Saison erhalten. Die 300 Millionen bislang sind ein Witz."

Im zweiten Schritt müsse der Verteilungsschlüssel für die TV-Einnahmen zugunsten der leistungskräftigen Vereine korrigiert werden. "Wir beim FC Bayern machen diesen Wahnsinn nicht mehr mit. Einerseits sind wir als Zugmaschine willkommen, um die Stadien zu füllen. Wenn es um die Verteilung der Fernsehgelder geht, höre ich nur noch das Wort Solidarität, welches ich inzwischen hasse wie die Pest. Fußball ist ein kapitalistisches System - mit einem kommunistischem Verteilerschlüssel in der Bundesliga", so Rummenigge.

Das englische Modell funktioniert

Mehr Marktwirtschaft, mehr Fußball-Kapitalismus - die Kleinen sind aufgescheucht. "Im Sinne eines fairen Wettbewerbs ist das undenkbar", sagt Dieter Meinhold, Vorstandsmitglied beim VfL Bochum, und viele seiner Kollegen würden ihm zustimmen. Aber was ist fair? "Große Klubs wie die Bayern, Schalke, Hertha BSC oder Stuttgart müssen für ihre Verdienste belohnt werden", findet Rummenigge. Und das Beispiel der englischen Premier League, die sich ebenfalls einer zentralen TV-Vermarktung verpflichtet, zeigt, daß ein stärker an Leistung, Fernsehpräsenz und Attraktivität einzelner Klubs ausgerichtetes Verteilungssystem funktioniert.

Eine Erhebung der Unternehmensberatung Deloitte & Touche weist aus, daß in der vergangenen Saison der Tabellenletzte Wolverhampton im Vergleich weniger als die Hälfte (etwa 19 Millionen Euro) vom Fernsehgeld des Meisters Arsenal London (etwa 48,5 Millionen Euro) zugeteilt bekam. In der Bundesliga ist die Differenz zwischen Erstem (etwa 16 Millionen) und Letztem (etwa 10 Millionen) wesentlich geringer. Wasser auf die Mühlen von Rummenigge, der den Rekordmeister im europäischen Vergleich stark benachteiligt sieht, weil zudem Spitzenklubs in Italien und Spanien durch Einzelverträge mit Sendern an die 100 Millionen pro Jahr erzielen.

Höhere TV-Einnahmen erwartet

Weniger Gleichmacherei fördert das Geschäft - dieser Meinung ist auch die Wissenschaft. "Eine stärkere Ungleichbehandlung bedeutet nicht den Untergang", sagt der Sportökonom Professor Bernd Frick von der Universität Witten/Herdecke. "Die Bayern sind auch mit sozialem Verteilungsschlüssel schon 18mal Meister geworden."

Die Gerechtigkeitskontroverse in der Bundesliga ist vorprogrammiert, gehen doch viele davon aus, daß in den bevorstehenden Verhandlungen mit den Fernsehsendern diesmal höhere Erlöse als die bisher 300 Millionen Euro pro Saison erzielt werden könnten. Wenigstens mal eine gute Nachricht. Stefan Ludwig aus der Sportdivision von Deloitte & Touche in Düsseldorf sieht eine "positive Entwicklung" auf dem TV-Markt. "Es gibt womöglich Konkurrenz für Premiere im Pay-TV, anderseits haben die ARD und das DSF hohe Einschaltquoten bei den Bundesliga-Highlights. Das ermuntert andere Sender, dann vielleicht mitzubieten", sagt der Unternehmensberater.

„Müssen auch unpopuläre Dinge überdenken"

Doch Bedingung für einen großen finanziellen Schub ist, dem Hauptfinanzier vom Bezahlfernsehen als Live-Berichterstatter mehr Exklusivität einzuräumen. Das heißt, die ersten Bundesliga-Bilder im frei empfangbaren Fernsehen spät am Samstag abend oder wie in Frankreich sogar erst Sonntag morgen zuzulassen. Das könnte die Kirchen und den Jugendfußball herausfordern, deren Veranstaltungen zur gleichen Zeit stattfinden. Und wird ein Engagement auf dem asiatischen Markt von der DFL ernst genommen, müßten erste Bundesligaspiele nach Vorbild der Premier League schon Samstag mittag zur besten Sendezeit in Fernost angepfiffen werden.

Erwin Staudt, Präsident des VfB Stuttgart, sieht deshalb "üble Diskussionen" auf Liga und Vereine zukommen, sagt aber: "Eine Gesellschaft braucht permanent Veränderungen, und deshalb müssen wir auch unpopuläre Dinge überdenken."

Bayern für Verkleinerung der Liga

Doch unter dem Dach der Liga existiert keine einheitliche Marschroute, um sich schnell auf neue Marktgegebenheiten einzustellen. "Jeder wurschtelt vor sich her", sagt Frick. Mal gilt die Einführung einer Play-off-Runde als Allheilmittel gegen die Langeweile, mal stürzen sich die Ligabosse auf das Thema Asien. Auf die im Winter angekündigte Reise einer Bundesligadelegation nach Fernost wird noch immer gewartet.

Derzeit behandelt ein DFL-Panel den Vorschlag, die Liga von 18 auf 20 Mannschaften aufzustocken, um der Wirtschaftlichkeit der Klubs in den großzügig geplanten WM-Arenen gerecht zu werden. Experten halten den Vorschlag für kontraproduktiv und raten zur Verknappung des Guts. "Man darf das Produkt nicht aufblähen", sagt Unternehmensberater Ludwig, "das zeigen auch Erfahrungen aus dem amerikanischen Profisport, der sich saisonal sehr begrenzt." Frick verweist auf empirische Untersuchungen: "Je niedriger die Zahl der Teams, desto höher der Spannungsgrad für die Zuschauer." Für die konflikterprobten Bayern müßte die Diskussion sowieso in eine ganz andere Richtung gehen. "Statt die Liga auf 20 Klubs zu erweitern, wäre eine Reduzierung auf 16 Klubs grundsätzlich ein Ansatz, um die Qualität zu fördern", sagt Rummenigge.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.04.2005, Nr. 16 / Seite 19
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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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