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Bundesliga Gutmensch im Kampfanzug

02.05.2003 ·  Ein falsches Wort genügt, und das Gesicht des FC Bayern färbt sich rot. Die Augen fixieren den Gegner mit unverhohlener Kampfeslust, als käme ihnen nie eine andere Aufgabe zu. Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern München, hat aber auch ein ganz anderes Gesicht.

Von Michael Horeni und Peter Heß
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Ein falsches Wort genügt, und das Gesicht des FC Bayern färbt sich rot. Die Augen, die in dem Gesicht einen zu geringen Platz erhalten haben, fixieren den Gegner mit unverhohlener Kampfeslust, als käme ihnen nie eine andere Aufgabe zu. Der schweigende, geschrumpfte Mund, der eigentlich kein Mund mehr ist, sondern ein lippenloser Strich, wartet nur auf das passende Stichwort, um seine Waffen aus den Tiefen eines bebenden Körpers zu entlassen. So einschüchternd kann Uli Hoeneß aussehen, wenn er sich für den FC Bayern in die Kampfzone stürzt und jede Ähnlichkeit mit dem anderen Gesicht des FC Bayern abhanden gekommen ist.

Das andere, das sympathische Gesicht des FC Bayern, verbirgt sich lieber. Am vergangenen Samstag jedoch, als die Münchner ihre achtzehnte deutsche Fußball-Meisterschaft feierten, wagte es sich an die Öffentlichkeit, und es zeigt ein gesichtsfüllendes Lächeln eines in sich ruhenden Menschen mit sanftem, sentimentalem Blick. Aber solche Momente im öffentlichen Leben gönnt sich das Gesicht von Uli Hoeneß nur noch selten. "Man kann doch nicht ständig als Sonnyboy durch die Welt laufen, wo es nur Neider gibt, die darauf warten, uns eins auszuwischen", sagt der Manager. Aber an diesen besonderen Tagen, wenn die Kampfzone ruht, "dann erkennen auch alle Neider an, was in diesem Verein geleistet wird".

Karin Potthoff ist die Sekretärin von Uli Hoeneß. Mit ihm sitzt sie seit 13 Jahren Tür an Tür, direkt an der Kampfzone. Könnte man meinen. Aber sie sieht dort nur das freundliche Gesicht des FC Bayern. Denn was auch immer die Neider sagen, welcher Krach auch gerade Schlagzeilen macht, "auf das Büro wirkt sich das nicht aus". Weder der Streit in dieser Saison um den geheimen Vertrag mit Kirch noch die Auseinandersetzungen mit der Deutschen Fußball Liga. Nur bei der Sache mit Christoph Daum, da sei das mal anders gewesen.

In den zweiten Stock an der Säbener Straße kommen auch keine Neider oder Scheinheilige, wie Hoeneß die Menschen zu nennen pflegt, die den FC Bayern öffentlich zu kritisieren wagen. Oder wenn sie als vorurteilsbeladene Neider vielleicht doch dorthin kommen, verwandeln sie sich in seinem Büro. "99 Prozent der Menschen, die auf dieser Couch sitzen, sagen oder schreiben kein schlechtes Wort mehr über mich", sagt der Manager.

Es ist schwer, dieses eine Prozent zu finden. Willi Lemke gehört zwar dieser Minderheit an, er äußert sich aber nicht mehr öffentlich über Hoeneß. Er habe keine Lust mehr, sich weiter als erster Bayern- und Hoeneß-Kritiker vereinnahmen zu lassen, teilte der Bremer Senator für Bildung und Wissenschaft sowie Aufsichtsrat von Werder Bremen, dessen Manager er viele Jahre lang war, ermüdet mit - nachdem beide noch im Winter wie in alten Zeiten aneinandergeraten waren. Als Hoeneß 120 bis 150 Millionen Euro statt der von Sat.1 gebotenen 50 Millionen für die Fernsehrechte gefordert hatte, sah Lemke darin "die alte Position des Uli Hoeneß, der offenbar nicht mitbekommt, was in Deutschland los ist". Lemke scheute auch vor persönlichen Attacken nicht zurück und sah in ihm den egoistischen Kämpfer für bayrisches Großkapital.

Das freundliche Gesicht hat die Bayern in dieser Saison in mehr als einem halben Dutzend Benefizspielen antreten lassen. Wenn Vereine, ob groß oder klein, in Not geraten, ist auf Hoeneß mit seinen Bayern Verlaß. Verletzt sich ein Profi eines anderen Klubs schwer, schicken die Münchner Blumen oder spielen sogar, wie für den an einer Nervenkrankheit leidenden Wolfsburger Nowak. Hoeneß spendet auch aus seinem persönlichen Vermögen, viele seiner Hilfen bleiben anonym. Er hat sich um frühere Kollegen wie den einst alkoholkranken Gerd Müller gekümmert und ihm eine Perspektive verschafft. Er bot Mehmet Scholl in dessen persönlichen Krise an, bei ihm zu wohnen. Er nahm den Dänen Lars Lunde, der in den achtziger Jahren bei den Bayern spielte, nach einem Verkehrsunfall bei sich auf und pflegte ihn. Es gibt noch viele ähnliche Beispiele.

"Ich habe keine natürlichen Feinde außerhalb des Fußballs", sagt Hoeneß. "Er polarisiert, und das hinterläßt Spuren", sagt Gerd Niebaum, der Präsident von Borussia Dortmund. Also, wo sind die Feinde, die Spuren? In Wien? In Leverkusen? In Dortmund? Christoph Daum, der Gegner in Hoeneß' größtem Kampf, stürzte als designierter Bundestrainer im Jahr 2000 über eine Drogenaffäre, die der Bayern-Manager mit einer öffentlichen Andeutung ins Rollen brachte. Aber auch Daum kennt dessen beide Gesichter. Als Feind gibt er sich nicht zu erkennen. "Ich kenne ihn durch viele Spieler und weiß, wie er sich für sie menschlich einsetzt."

Beide Gesichter hat er erstmals 1986 erlebt. Im Aktuellen Sportstudio waren sie aufeinandergetroffen. Gemeinsam eingeladen, weil Daum als junger Kölner Trainer Bayern-Coach Jupp Heynckes kritisiert hatte. Und der Manager übernahm die Verteidigung seines Angestellten. "Ich hatte bis dahin nie etwas mit Hoeneß zu tun. Deshalb war ich überrascht, wie er Heynckes verteidigte, sich zu seinem Anwalt machte und sich dabei nicht scheute, mit seinen Argumenten ständig unter die Gürtellinie zu gehen", sagt Daum heute. Aus dieser Überraschung erwuchs in Sekunden seine Erkenntnis: "Hoeneß schützt bedingungslos und mit allen Mitteln seine Familie. Und seine Familie darf man durchaus Bayern München nennen." Dabei ziehe er rücksichtslos alle Register, die ihm zur Verfügung stünden.

Uli Hoeneß, sagt Daum, "ist immer am besten informiert". Das war auch in der späteren Daum-Affäre so. Hoeneß sei besser informiert gewesen als er selbst. "Bei einem Anruf hätte ich Hoeneß verdeutlicht, daß es sich bei meinem Kokainproblem um einen weniger bedeutsamen Vorgang gehandelt hat. Und wenn er mich nach Rücksprache dennoch aufgefordert hätte, wegen meines Fehlers auf den Bundestrainerposten zu verzichten und bei Bayer Leverkusen zu bleiben, dann hätte ich das wahrscheinlich getan." Es kam anders. Daum wurde verfolgt, geächtet und schließlich der Prozeß gemacht. Hoeneß war der Auslöser. Aber dennoch sagt Daum: "Ich würde mich auf jeden Fall mit ihm aussprechen, weil es meiner menschlichen Einstellung entspricht. Ich kann ihm verzeihen, obwohl er mir und meiner Familie unendlichen Schmerz zugefügt hat." Daum meint zu spüren, daß dies einer weiteren Erklärung bedarf. "Ich kann sein Vorgehen ja verstehen. Er tat es, um die Bayern oder in dem Fall den deutschen Fußball zu schützen. Und ich kann sehr wohl zwischen Hoeneß, dem Fußballmanager, und der Person Hoeneß unterscheiden." Ein Feind?

Wie erklärt sich Daum diesen Jekyll-and-Hyde-Charakter? "Ich muß da spekulieren. Aber ich glaube, es hängt mit dem immensen Druck zusammen, den sich Uli macht. Seine Aussagen nach dem Meisterschaftsgewinn in Wolfsburg waren für mich charakteristisch. Er sagte, Real Madrid würde sich nur vor Bayern München fürchten. Das ist wohl die Denkweise, die ihn bestimmt. Und mit Real und auch Manchester United mithalten zu müssen, die ein ganz anderes Imperium hinter sich haben, ist wirklich eine Belastung. Und nur ein mit allen Wassern gewaschener Manager kann das schaffen. Und so verhält er sich denn - entgegengesetzt zu seiner menschlichen Seite."

Hoeneß spürt, wie er in den letzten Jahren immer stärker auf "Habtachtstellung" geht, wie er sagt. Seit die Erfolge immer größer würden, würden seine Antennen dafür feiner. Er sieht, wie er trotz Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge immer stärker "als die Personifizierung des FC Bayern" betrachtet wird. Das ist ihm nicht recht, vor allem, "weil ich alleine für die Probleme beim FC Bayern stehe". Im Erfolg würden ein halbes Dutzend andere gleich mitgenannt. Wenn schon der menschgewordene FC Bayern, dann auch im Triumph. Das wäre gerecht.

Reiner Calmund, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, sieht in Hoeneß den "besten Manager der Bundesliga, zweifellos". Calmund sagt diese Sätze ohne Anflug von Bitterkeit. Nach dem Motto: Lieber weniger erfolgreich, dafür ein netterer Kerl. Im Gegenteil, Calmund gibt zu: "Ich wäre froh, ich könnte ein bißchen mehr so sein wie Uli Hoeneß. Aber ich will mich immer früher versöhnen." Ein Neider? Der Bayer-Geschäftsführer rühmt sich seines guten Verhältnisses zum BayernManager. Nur einmal war es nachhaltig gestört, während der Daum-Affäre. "Ich glaubte meinem Trainer und den Gutachten der Ärzte, aber Uli Hoeneß wußte mehr." Zwei Monate danach fand die Aussprache statt. Ein Vermittler hatte ein Gespräch arrangiert. "Uli Hoeneß holte mich auf der Straße ab, führte mich in seine Wohnung. Seine Frau spielte den Friedensrichter. Es war ein tolles Gespräch, seitdem ist alles ausgeräumt. Im privaten Gespräch kann Uli Hoeneß auch Fehler eingestehen."

Gerd Niebaum entdeckt sich selbst in Hoeneß. "Ich bin vielleicht einer der ganz wenigen, die seine großartige Leistung wirklich beurteilen können", sagt der Präsident der Borussia, des größten nationalen Konkurrenten. Er wisse zu genau, wie schwer es sei, mit den Jahren immer wieder "neues Feuer zu entfachen. Die Temperamente sind verschieden, aber die Mechanismen sind die gleichen". Sein Verhältnis zu Hoeneß nennt er "außergewöhnlich."

Der Mann mit den zwei Gesichtern sagt indes: "Ich bin berechenbar." Immer direkt und geradeaus, nicht nur zu den Gegnern des FC Bayern, sondern zuletzt auch gegenüber Franz Beckenbauer. Wenn es unangenehm werden könne, sagten viele lieber gar nichts. "Das stört mich in unserer Gesellschaft." Er riskiere immer etwas. Er könne nicht anders. Und er wolle es nicht anders. Und warum? "Weil ich der unabhängigste Mensch im Fußball bin. Weil ich alles für den FC Bayern tue, aber nichts für mich."

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