Die Erlösung drang schubweise in das Nürnberger Frankenstadion. Um zehn nach fünf ging ein Ruck durch die Südkurve, gefolgt von einem kollektiven Aufschrei. Unter den Fans von Bayer Leverkusen hatte sich die Kunde vom Siegtor der Hannoveraner in Bielefeld verbreitet, und nun waren sie sich endgültig sicher: Wir sind drin. Wenig später brach auch unten auf der Leverkusener Trainerbank Unruhe aus. Während die Kameraobjektive nach oben schwenkten, wo sich Bayer-Manager Reiner Calmund mit kalkweißem Gesicht an einer Wasserflasche festhielt, kramte Torwarttrainer Toni Schumacher sein Handy aus der Tasche. Dann war die frohe Botschaft auch am Spielfeldrand Gewißheit. Fäuste flogen in die Höhe, Schumacher fiel Sportdirektor Jürgen Kohler um den Hals. Klaus Augenthaler aber, der Mann im Zentrum der Leverkusener Rettungstat, blieb merkwürdig unbeteiligt. Ein leises Lächeln nur, mehr Regung erlaubte er sich nicht. Als die Partie fünf Minuten später zu Ende und seine Mission dank des hochverdienten 1:0-Erfolges fürs erste erfüllt war, verschwand Augenthaler augenblicklich von der Bühne. Erst später schilderte er seine Befindlichkeit in diesem für ihn mehr als skurrilen Moment: "Vor einem Jahr, am vorletzten Spieltag, haben sie mich in der Nürnberger Kurve für den Klassenerhalt gefeiert, das ist schizophren." Damals gewann der "Club" 1:0, und Bayer verlor im Frankenstadion die Meisterschaft.
Dieses Mal hielt das Drehbuch für Leverkusen ein Happy-End bereit. Und doch erlebten auch an diesem heißen Nachmittag zumindest langgediente Bayer-Kräfte ein Déjà-vu. 1996 hatte der Werksklub schon einmal am Abgrund gestanden, auch damals wendete Leverkusen in letzter Sekunde den Abstieg ab. Doch das Ungemach, das in dieser Serie über die Fußball-Traumfabrik der vorangegangenen Saison hereinbrach, war von beispielloser Wucht. "Streß auf einem ganz anderen Niveau", so beschrieb Reiner Calmund später die Achterbahnfahrt der letzten beiden Jahre. Noch lange nach dem Abpfiff in Nürnberg sah der schwergewichtige Manager aus, als wäre er eben aus einem Albtraum aufgewacht, noch nicht sicher, ob der Schrecken nun tatsächlich ein Ende hat. "Ich bin heilfroh, daß wir mit zwei blauen Augen davongekommen sind", sagte der Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, "für uns ist das so, wie wenn wir deutscher Meister wären." Dann wälzte sich Calmund in Richtung Südkurve, wo sich tumultartige Szenen abspielten, und mit jedem Meter schien er Ballast abzuwerfen.
Calmund und Augenthaler, das waren die beiden Hauptfiguren dieser atemlosen Inszenierung, die selbst einen hartgesottenen Profi wie Ulf Kirsten am Ende zu Tränen rührte. "Durchatmen, Fehler aufarbeiten, alles kritisch hinterfragen", sagte Calmund am Samstag über seine Aufgabe in den nächsten Wochen. Da kommt viel auf ihn zu. Nach den Verantwortlichen wird er freilich nicht lange suchen müssen. Er war es, der viel zu lange an Thomas Hörster festhielt und partout nicht wahrhaben wollte, daß Hörster der Anzug des Cheftrainers ein paar Nummern zu groß war. Immerhin kann man Calmund zugute halten, daß er gerade noch rechtzeitig die Kehrtwendung vollzog. Augenthalers Verpflichtung war eine glückliche Wahl. Erst mit ihm, dem wortkargen Niederbayern, kehrte Ruhe bei Bayer ein. Augenthaler legte dem freien Spiel der Leverkusener Kräfte taktische Fesseln an, er lehrte Sachlichkeit. Auch der Sieg in Nürnberg trug seine Handschrift. Mit bislang nicht gekannter Disziplin spielte Bayer seine Überlegenheit aus, die in dem Ergebnis nur unzureichend zum Ausdruck kam. Yildiray Bastürks Treffer in der 35. Minute blieb bis zum Schluß der einzige Ertrag aus einer Vielzahl von Torchancen. Der personell geschwächte "Club" hatte nicht das Format, den Zweiten der vergangenen drei Jahre ins Wanken zu bringen. Nur ein einziges Mal, bei einem Abseitstor von Cacau in der zweiten Hälfte, stockte den Leverkusenern der Atem. Immerhin widerlegten die Nürnberger mit ihrem hohen Einsatz den Verdacht, das Ergebnis könnte ein Werk von Manipulation sein.
Während sich die Nürnberger todunglücklich von ihren Fans verabschiedeten, blieb Augenthaler am Samstag seiner Linie treu, im Leverkusener Gefühlstheater den Emotionslosen zu geben. "War ja nicht schwer", sagte er, "wir mußten doch nur zwei Spiele gewinnen." Anders als Calmund ließ sich Augenthaler die Extremerfahrung der vergangenen Wochen nicht anmerken. Bei seiner Entlassung hatten sie in Nürnberg Geschichten von Weißbier-Exzessen aufgetischt und ihm nachgesagt, die Unterstützung der Fans inszeniert zu haben. Doch im Gegensatz zu den Nürnberger Führungskräften um Präsident Michael A. Roth hatte Augenthaler in seiner neuen Rolle als Bayers Nothelfer die Größe, auf Nachtreten oder auf Posen der Genugtuung zu verzichten. Er habe "ehrliche Arbeit" in Nürnberg geleistet, sagte er. Wohl deshalb hielt sich die Aversion der "Club"-Fans am Samstag in Grenzen.
Augenthaler war am Abend auch nicht in der Stimmung, gemeinsam mit der Mannschaft auf die erstklassige Zukunft anzustoßen. Es zog ihn heim, zu seiner Familie nach Vaterstetten. Doch auch viele seiner Spieler waren am Samstag so mitgenommen, daß ihnen nicht der Sinn nach einer Party stand. "Es ist so vieles schiefgelaufen in diesem Jahr", sagte Torwart Hans-Jörg Butt, "ich sehe keinen Grund zum Feiern."