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Brentford-Coach Uwe Rösler Eine Karriere in England

Am Anfang waren Kassetten mit englischen Fangesängen. Später spielte Uwe Rösler für Manchester City in der Premier League und wurde in England heimisch. Nun nimmt seine Karriere als Trainer bei der Pokal-Überraschungsmannschaft Brentford Fahrt auf.

© AFP Vergrößern Uwe Rösler: Ein Trainer mit Vorliebe für junge Talente

Am Anfang waren Kassetten mit englischen Fangesängen. Die Premier League faszinierte Uwe Rösler schon immer, allein schon diese Stimmung in den Stadien. Aber als Schüler im Deutschland der achtziger Jahre, zumal im Osten des Landes, da war die englische Liga weit weg. Das Fernsehen zeigte die Spiele nicht. Aber da waren die Kassetten mit den Gesängen, die sich Rösler und seine Mitschüler besorgt haben und mitsangen so gut es ging, denn richtig Englisch konnten sie natürlich nicht.

Mittlerweile ist Rösler 44 Jahre alt und trainiert den Brentford FC. Am Sonntag spielte sein Klub gegen Chelsea um den Einzug ins Achtelfinale des englischen Pokals. Zwei Klubs aus dem Westen Londons: der eine Tabellendritter in der League One, der dritthöchsten englischen Spielklasse; der andere Tabellendritter in der Premier League und aktueller Sieger der Champions League. Und Röslers Team sorgte für eine kleine Sensation: Zweimal gingen die „Bees“ zuhause im mit 12.000 Zuschauern ausverkaufen Griffin Park in Führung, in der 83. Minute traf dann aber Fernando Torres zum 2:2-Endstand. „Ich war nicht überrascht von der Leistung, ich weiß, wie gut die Mannschaft spielen kann“, sagte Rösler nach der Partie.

Neue Chance in der Premier League

Zum Wiederholungsspiel am 16. Februar dürfen die „Bees“ nun an der nur zehn Kilometer entfernten Stamford Bridge auflaufen. Spätestens dann schnuppert Rösler zum ersten Mal auch als Trainer die Luft der höchsten Höhen des englischen Fußballs. Als Spieler hatte er das geschafft, als er sich vor fast zwanzig Jahren als einziger Deutscher in der Premier League in die Herzen der Fans von Manchester City schoss und „Juwi, Juwi“-Rufe durch das als City-Stadion an der Maine Road schallten.

Mit der Wende öffnete sich für Rösler, der im ostdeutschen Auswahlkader stand und für Leipzig und Magdeburg in der DDR-Oberliga spielte, auch sportlich das Tor zu einer neuen Welt. Zunächst spielte er in der Bundesliga, jedoch mit wechselndem Erfolg. In Dresden plagten ihn Verletzungen, in Nürnberg zwei lange Rotsperren. Die Chance, sich nach eineinhalb mageren Jahren zu rehabilitieren, bot ihm ausgerechnet - die Premier League. Rösler zögerte nicht, als ihn Manchester City, damals anders als heute ein Abstiegskandidat,  erst zum Probetraining und dann für die Stammelf auf die Insel holte.

22985025 © AFP Vergrößern Glück gehabt: Chelsea rettet sich nur knapp in einer Wiederholungsspiel gegen Brentford

„Ich mag den englischen Fußball: das sehr robuste, sehr schnelle Spiel“, sagt Rösler. „Es ist kein Taktieren, sondern ein offener Schlagabtausch.“ Ihm, dem Stürmer mit Drang zum Tor, kam diese Spielweise entgegen: In drei Spielzeiten nacheinander war er der erfolgreichste Schütze von Manchester City, in 177 Pflichtspielen traf er 65 Mal.

In England, wo zu dieser Zeit schon zwei Viererketten üblich waren, tat er sich offenbar leichter als in Deutschland, wo man noch mit zwei Manndeckern und Libero spielte. Als alleiniges Argument für seinen Erfolg lässt Rösler das aber nicht gelten: „Ich habe einfach super in die Mannschaft reingepasst.“

Treue im Abstieg

Rösler wurde heimisch im Verein und in der Stadt, seine Frau lernte er in Manchester kennen. Er fühlte sich so wohl, dass er sogar nach dem Abstieg von Manchester City im Klub blieb und sich damit womöglich um eine Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft brachte. Trainer Berti Vogts, der ihn zu Lehrgängen eingeladen hatte, riet ihm, sich einen Erstligaklub zu suchen. Rösler schlug das aus: „Das alles aufzugeben, Mannschaft, Frau, Freunde, wegen einer Nominierung, die vielleicht nie zustande gekommen wäre, das kam nicht in Frage.“

22984960 © AFP Vergrößern Auf der großen Bühne: Das Duell mit Chelsea und dessen Trainer Benitez ist auch eine Chance zur Eigenwerbung für Rösler

Erst als Manchester City dann ein weiteres Mal abstieg, wechselte Rösler zum damaligen deutschen Meister Kaiserslautern und erfüllte sich den Traum, in der Champions League zu spielen. Es folgten weitere Vereine in Deutschland, England und Norwegen, bis ein Tumor seine Karriere als Fußballer 2003 mit Anfang Dreißig jäh beendete.

Ehrgeiz als Trainer

Zur Ruhe setzte er sich deshalb nicht, er wollte weiterhin um Siege kämpfen und das Adrenalin spüren. Noch während er sich von der Chemotherapie erholte, machte er Trainerlehrgänge. „Der Trainerjob ist der beste Ersatz.“ Nach Engagements bei verschiedenen Klubs in Norwegen, dem Heimatland seiner Frau, lockte dann in Gestalt des Brentford FC wieder die Insel. Rösler zog zurück nach Manchester, wo noch viele seiner alten Freunde lebten, und lernte, dass es einem deutschen Trainer in England genauso geht wie einem deutschen Spieler in England: „Um akzeptiert zu werden, musst du besser sein als die Einheimischen.“

Fußball/ENGLAND/ © picture-alliance / dpa Vergrößern Torschütze für Manchester City: Uwe Rösler jubelt über sein 1:0 in einer Premier-League-Begegnung gegen Tottenham Hotspur

Rösler ackerte. Er übernahm den Londoner Verein im unteren Tabellendrittel, fuhr durchs Land und holte viele junge Spieler direkt von den Fußballakademien. Gerade steht sein Team auf Platz drei, seine Spieler sind im Schnitt gut 22 Jahre alt. „Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen“, sagt Rösler. Von Aufstieg aber will er nicht sprechen, sein Ziel für diese Saison: die Playoffs erreichen. Das Spiel gegen Chelsea am Sonntag sah er nur als „willkommene Abwechslung“ auf diesem Weg. „Spieler und Fans haben sich das verdient, das wird ein Feiertag, ein West-London-Derby hat es lange nicht mehr gegeben“, sagte Rösler vor der Begegnung.

Aber natürlich brachte das Spiel auch Aufregung nach Brentford, Journalisten riefen an und wollten Interviews, die Partie wurde im Fernsehen übertragen. „Das Spiel ist eine Bühne für die ganze Mannschaft“, sagte Rösler vorher. Dass er sich da mit einschloss, sagte er nicht, macht sonst aber keinen Hehl daraus, dass er auch als Trainer nach der Königsklasse des englischen Fußballs strebt: „Ich will Karriere machen und die Ligen nach oben klettern.“ Seine Faszination für die Premier League ist trotz Einzug internationaler Kapitalgeber ungebrochen: „Das ist die härteste Liga der Welt, egal wo du hinfährst, du musst alles geben - das passt zu mir.“

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Quelle: F.A.Z.

 
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