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Brasilien Zu alt, zu zart, zu schwach

 ·  Nach dem 1:2 in Wembley dämmert Brasilien, dass aus dem Traum vom WM-Titel ein Albtraum werden könnte.

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© AFP Vergrößern 100 Spiele: Ronaldinho mit TR9ikot

Luiz Felipe Scolari rief seinen Spielern die letzten Kommandos zu und winkte dazu mit den Armen. Dann setzte er sich resigniert auf die Bank. Dies war nicht der Tag, um gehört, gesehen oder gar verstanden zu werden. Doch solche Tage kennt der zur brasilianischen Nationalmannschaft zurückgekehrte Cheftrainer schon länger. „Ich bin daran gewöhnt, meine Premieren zu verlieren“, sagte der 64 Jahre alte Fußballpatron am Mittwochabend nach dem 1:2 gegen England im Londoner Wembleystadion, „danach kommen die Siege und die Erfolge in großen Wettbewerben.“

Da dem Mann mit dem dünnen grauen Schnauzbart und dem ruppigen Humor ein gewisses Macho-Charisma zueigen ist, beruhigte er die sonst nach Pleiten der Seleçao notorisch aufgeregten brasilianischen Journalisten im Bauch der riesigen Arena. Sie alle erinnerten sich daran, dass Scolari 2001 bei seinem ersten Einstand als Nationaltrainer seines Landes eine 0:1-Niederlage gegen Uruguay kommentieren musste und zwölf Monate später, nach dem 2:0 im Finale gegen Deutschland als Coach des damit fünfmaligen Weltmeisters gefeiert wurde. Was gut war, soll möglichst wiederkommen, der Champion von gestern soll 2014 bei der WM im eigenen Land endlich wieder das große Ziel erreichen. Wenn es einer schaffen kann, allen Handicaps zu trotzen, sagen sie sich im fußballverrücktesten Land der Welt, dann der furchtlose Glücksbringer Scolari.

Wie 2002, als echte Stars wie Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho für ihn spielten. Aber diesmal? Scolari hat es bei seinem Comeback in London mit dem reaktivierten Ronaldinho, anderen Rückkehrern wie Stürmer Luis Fabiano und Torhüter Julio Cesar sowie der jugendlichen Hinterlassenschaft seines im November geschassten glücklosen Vorgängers Mano Menezes versucht. Nach einer Mannschaft mit Profil aber muss Scolari weiter suchen.

Zweite Chance für Ronaldinho

Ronaldinho, inzwischen 32 Jahre alt, erinnerte nur äußerlich mit Stirnband und Haarzopf an jenen Ballkünstler, der 2004 und 2005 Weltfußballer des Jahres war und die Fans mit seinen zauberhaften Tricks betörte. Was 87.433 Zuschauer in der ausverkauften Arena von dem zuletzt bei Atletico Mineiro noch einmal aufgeblühten Artisten am Ball zu sehen bekamen, hatte mit dem Original nichts mehr zu tun. „Hat er gespielt?“, fragte sich am Tag nach dem Spiel nicht nur „O Globo“ in Rio de Janeiro. Hat er, aber aufgefallen ist Ronaldinho nur durch einen vom englischen Keeper Joe Hart parierten Handelfmeter (19. Minute) - und durch eine Serie fehlgeleiteter Pässe.

Scolari aber will ihm eine zweite Chance geben, „wenn er weiter an sich arbeitet“. In London stand der verhinderte Spielgestalter bei seinem hundertsten Länderspiel dem elf Jahre jüngeren Neymar eher im Wege als zur Seite, vor allem, als er sich beim Elfmeter vor den eigentlich hierfür bestimmten Wunderknaben des FC Santos drängte. Der trägt auf seinen schmalen Schultern Brasiliens Hoffnungen auf eine neue Epoche voller Fußballglanz. Gegen England, das dank der Tore von Rooney (33.) und Lampard (60.) bei einem Gegentreffer von Fred (48.) verdientermaßen gewann, wirkte Neymar aber zu verspielt, zu zart besaitet, zu schwach auf den Beinen gegen Britanniens Defensive.

Lob für Dante

Bei so vielen Defiziten einer Seleçao gab sich Scolari dem Anschein zuwider dennoch „sehr zufrieden“. Er machte geltend, dass für sechs seiner in Brasilien beschäftigten Profis die wochenlange Spielpause gerade erst zu Ende gegangen sei. „Ein Teil meiner Jungs ist derzeit nicht in der erforderlichen körperlichen Verfassung. Erst im März kann man sehen, was möglich ist. Vorher will ich kein Urteil über meine Spieler abgeben.“

Einen lobte er aber doch: Dante, den Abwehrchef von Bayern München, der im Wembley-Stadion für die Seleçao debütierte. „Ich glaube“, sagte Scolari, „wir haben einen weiteren sehr guten Innenverteidiger für die Zukunft gefunden.“ Dante wird wiederkommen dürfen und für sein Ziel, bei der WM daheim dabei zu sein, „weiter konzentriert und hart arbeiten“. Scolaris Auftrag geht weiter, er hat ihn unmissverständlich definiert: „Wir haben die Verpflichtung, den Titel zu gewinnen.“ Wie das klappen soll, bleibt bis auf weiteres sein Geheimnis.

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