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Brasilien vor der WM 2014 Ein Glück, dass es Pelé gibt

Bizarre Momente bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur WM in Brasilien: Der Verbandspräsident festigt mit antibritischen Äußerungen seinen Ruf als „bad guy“ der Fifa-Riege - und wird von allen für seine seltsamen Deals kritisiert.

© REUTERS Vergrößern Der bad guy der Fifa-Riege: Ricardo Teixeira (r.) mit dem brasilianischen Sportminister Orlando Silva

Pelé war auch im Saal. Klar doch bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien? Von wegen. Die Ikone des Landes, der daheim „O Rei“, der „König“, genannte Edison Arantes do Nascimento, war vom brasilianischen Organisationskomitee (LOC) der WM 2014 nicht um sein Erscheinen im Auditorium der Marina da Gloria an der Bucht von Rio de Janeiro gebeten worden. „Wenn ich nicht zu einer Party geladen bin“, sagte der 70 Jahre alte dreimalige Fußballweltmeister und Größte seines Sports tags zuvor, „dann komme ich auch nicht.“

Zum Glück aber hat Pelé, den die Welt des Fußballs seit Jahrzehnten ob seiner unwiederbringlichen Kunst verehrt, mächtigere Freunde im Land als den LOC-Boss und Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes (CBF), Ricardo Teixeira. Und erfreulicherweise ist dieser Mann seit Dienstag Ehrenbotschafter der Nation für die Titelkämpfe in drei Jahren. Dazu ernannt von der Staatspräsidentin Dilma Rousseff, die genau weiß, was sie an dieser immer noch vitalen Persönlichkeit mit der rauchigen Stimme und der meist guten Stimmung hat. Die Präsidentin bat den Fußballkönig vorbei an dem Betonsilberkopf Teixeira zur offiziellen Ouvertüre der WM am Samstagabend - und Pelé sagte natürlich nicht nein.

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Pelé löst seinen Auftrag majestätisch

Es waren bizarre Momente, die der hundertminütigen Feierlichkeit vor tausend Ehrengästen vorangegangen waren. Am Freitagmorgen hatte zunächst Teixeira, der Schwiegersohn von Joao Havelange, Joseph Blatters Vorgänger als Präsident des Internationalen Fußballverbandes (Fifa), seinen Auftritt. Der Zweiundsechzigjährige bestätigte dabei seinen Ruf als bad guy der an bösen Buben zuletzt nicht armen Fifa-Funktionärsriege. Von seltsamen Allmachtsphantasien beseelt, hatte der seit 1989 an der Spitze des CBF stehende Teixeira seinem Hass auf die britischen Medien freien Lauf gelassen. Die haben das altgediente Fifa-Exekutivkomiteemitglied wie Blatters frühere Vizepräsidenten Jack Warner (zurückgetreten) und Mohamed bin Hammam (auf Lebenszeit wegen versuchter Bestechung gesperrt) seit längerem besonders scharf aufs Korn genommen.

pele © AFP Vergrößern Auch Pelé war bei der Auslosung vor Ort: „Manche Leute reden mehr, als sie wissen.”

Der Reporter eines Boulevardblattes, der sich Teixeira nach dessen frechen Aussagen, dass er dem britischen Verband und den Journalisten des Vereinigten Königreichs das Leben während der WM 2014 „zur Hölle machen“ könne, hatte sich dem Brasilianer forsch genähert und einen Dialog eingefordert. Den lehnte Teixeira schroff ab. „Warum“, fragte der Reporter. „Weil Ihr alle korrupt seid.“ Inzwischen hat sich auch Fifa-Präsident Blatter der Scherben angenommen, die Teixeira mit Äußerungen, dass die Briten „Piraten“ und die BBC eine Staatsorganisation seien, freihändig verstreute. „Was Teixeira von sich gegeben hat, ist nicht im Sinne von Fairplay“, sagte der Schweizer sehr deutlich.

Am Freitagabend legte Pelé bei einer Pressekonferenz nach, als er, indirekt an Teixeira gewandt, sagte: „Manche Leute reden mehr, als sie wissen.“ Der Weltstar schätzte die antibritischen Äußerungen des provinziell daherkommenden Funktionärs richtig ein. „Diese Kontroverse tut Brasilien nicht gut. Ich hoffe, wir können das noch klären.“ Pelé, der good guy des brasilianischen Fußballs, löste so seinen ersten Botschafterauftrag majestätisch. Er hatte mit den Familien Havelange und Teixeira schon früher seine Händel. Ihm missfiel das Geschäftsgebaren und das Auftreten des Clans. Seinerzeit sperrte ihn der Fifa-Präsident Joao Havelange im Dezember 1993 von der Endrundenauslosung zur WM 1994 in den Vereinigten Staaten aus. Ein unfreundlicher Akt, der Pelé, zwei Jahre später Sportminister seines Landes, nicht beirrte. „Ich vertrete Brasilien seit 1958“, sagte er am Freitag in Rio - damals war der 17 Jahre alte Stürmer des FC Santos beim ersten brasilianischen WM-Titelgewinn der Fußballgeschichte die Entdeckung des Turniers in Schweden.

Teixeira in bester Vetternwirtschaft

Inzwischen prangert ein anderer Weltmeister des Landes, Romario, die seltsamen Deals des Ricardo Teixeira an, der neben seinem Verband als 99,99-Prozent-Anteilseigner mit 0,01 Prozent Beteiligung als Gesellschafter des WM-Organisationskomitees auftritt. Bei einem Gewinn, und davon darf auch Brasilien im dreistelligen Millionenbereich getrost ausgehen, fließen Teixeira fünfzig Prozent des Profits zu. Verluste werden im Verhältnis 0,01 zu 99,99 aufgeteilt. Diese Business-Konstruktion ist schon Gegenstand näherer Prüfungen des brasilianischen Parlaments gewesen, in dem mittlerweile Romario, der Champion von 1994, für die Sozialisten sitzt.

Pelé steht längst über den Dingen, die Teixeira (sein Onkel ist CBF-Generalsekretär, seine Tochter Joana Exekutivdirektorin des LOC) in bester Vetternwirtschaft vertritt; Romario attackiert ihn, und Blatter geht unüberhörbar auf Distanz zu dem Mann, der Brasilien bei der WM 2014 mitvertritt. Ein Glück, dass es Pelé noch gibt: das Gesicht des Landes und des Fußballs, von dem die ganze Welt geschwärmt hat. Pelé glaubt daran, dass die unter allerlei Geburtswehen von Cheftrainer Mano Menezes neu aufgebaute Selecao trotz ihres jüngsten Scheiterns im Viertelfinale der Copa America ihren Weg mit dem Ziel Weltmeister 2014 gehen wird. Fürs erste hat er alle 190 Millionen Brasilianer dazu aufgefordert, mit ihm zusammen „ein starkes WM-Team zum Wohle Brasiliens“ zu bilden. Nur einer allerdings wäre in diesem Massenensemble vermutlich nicht willkommen: Ricardo Teixeira.

Quelle: FAZ.NET

 
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