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Ein Jahr WM-Halbfinale : Brasilien feiert 365 Tage ohne deutsches Tor

Von der Titelseite der Zeitung „Metro São Paulo“ am 8. Juli 2015 Bild: Screenshot F.A.Z.

Das 7:1 (sätschi - um) im WM-Halbfinale gegen Deutschland hat tiefe Spuren in Brasilien hinterlassen. Auch zum Jubiläum ein Jahr danach scheinen die einzigen Mittel gegen den Schock: Selbstironie und Sarkasmus.

          „Ich war kurz auf dem Klo – und schon stand es 5:0“. Noch während der ersten Halbzeit des Halbfinales am 8. Juli 2014 zwischen Brasilien und der deutschen Nationalmannschaft breitete sich im Land des WM-Gastgebers ungläubiger Sarkasmus aus. Eine andere Reaktion schien auch gar nicht möglich auf das, was sich da auf dem Rasen in Belo Horizonte abspielte. Müller. Klose. Kroos. Kroos. Khedira. Und nach der Pause noch zweimal Schürrle. Rekordniederlage des Rekordweltmeisters. Eine Demütigung im eigenen Land. Schlimmer noch als der Maracanaço, das traumatische 1:2 gegen Uruguay in Rio de Janeiro im WM-Finale 1950.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wut auf die Deutschen kam keine auf. Zu klar war die Überlegenheit. Die Nationalmannschaft spielte so, wie die Seleção in brasilianischen Fußballträumen. Lukas Podolski, der während des Turniers seinen Twitter-Account auch auf Portugiesisch füllen ließ, wurde sogar zum Lieblingsspieler vieler Brasilianer.

          Hass auf den Schiedsrichter fiel nach der Niederlage als Ventil zum Ablassen der Enttäuschung aus, schließlich hatte der mit dem Verlauf des Halbfinals noch weniger zu tun als die brasilianischen Abwehrspieler, die vom deutschen Sturm umdribbelt wurden wie Hütchen im Training. Und weil die bald selbst genauso erbitterlich weinten wie die Kinder im Publikum, blieben der gedemütigten Fußballnation nur Sarkasmus und Selbstironie.

          Und bis heute wirken die nach. Das 7:1 - „sätschi - um“ auf Portugiesisch - ist zur Metapher geworden. Es steht für krachende Niederlagen und wird in den Leitartikeln brasilianischer Zeitungen ebenso verwendet wie auf der Straße. Der Triumph des aufmüpfigen Koalitionspartner gegen Präsidentin Dilma Rousseff wird kommentiert mit „PMBD 7 x 1 Dilma“; die Verhaftung von Fifa-Funktionären in der Schweiz wird zum 7-1 des FBI. „Gol da Alemanha. Tor für Deutschland“, sagen Brasilianer zu Missgeschicken.

          Entsprechend intensiv wird der heutige Jahrestag des sätschi-um in Brasilien begangen. Zeitungen erinnern auf ihren Titelseiten daran, im Fernsehen laufen Wiederholungen des Halbfinals, bei Twitter ist #7x1Day derzeit eines der meistgenutzten Stichworte. Und überall dominieren Selbstironie und Sarkasmus:

          „Herzlichen Glückwunsch“ titelt zum Beispiel die „metro São Paulo“. Und darunter: „Du kannst die Kerzen ausblasen, brasilianischer Fußball! Die größte Schande der Geschichte ist nun ein Jahr her und aus der Tracht Prügel der Deutschen bei der Weltmeisterschaft wurden keine Lehren gezogen.“

          Noch dramatischer wird das Boulevardblatt „Expresso“, das mit einer Todesanzeige für den brasilianischen Fußball aufmacht. „Die brasilianischen Fans, voll Trauer, laden Verwandte, Freunde, Witwer und Witwen zur Zeremonie, die im Hauptquartier des CBF (brasilianischer Fußballbund) stattfinden wird“. Unterzeichnet ist die Anzeige mit den Namen ehemaliger CBF-Präsidenten und Nationaltrainer.

          Die Internetseite „GloboEsporte“ erinnert auf Twitter an die internationalen Titelseiten vom Tag nach der Niederlage:

          Viele Fans erinnern sich mit Schrecken an den Scroll-Balken, der notwendig war, um alle deutschen Tore auf dem Fernsehbildschirm anzuzeigen - und wie schnell (in Bierschlücken gerechnet) sie fielen.

          Ein Klassiker unter den Internetwitzen in Brasilien ist das Cover des Albums „Chico Buarque de Hollanda“, auf dem der bekannte Sänger einmal lachend und einmal traurig zu sehen ist. Die Bildunterschrift in diesem Fall: „Ich dachte, das war die Wiederholung“ - „Es war noch ein Tor für Deutschland“.

          Auch mit dem Wort „gol“ wird gespielt - es steht im Brasilianischen für „Tor“ und ist zugleich eine Fluglinie. Dementsprechend wird dieses Flugzeug der deutschen Nationalmannschaft zugeschrieben:

          „Fox Sports Brasil“ twittert:

          „Schon seit 365 Tagen haben wir kein Tor mehr von Deutschland kassiert“, steht auf dem Schild. Und dass das tatsächlich ein Grund zu feiern sein könnte, beweist ein Blick auf die Seite www.brasilalemanhaeterno.com. Die zählt nämlich bis heute weiter Tore - so als wäre das Halbfinale Brasilien gegen Deutschland nie abgepfiffen worden:

          Brasilien x Deutschland für die Ewigkeit (Stand 8. Juli 2015 um 13.15 Uhr)

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