http://www.faz.net/-gtl-8m77f

Borussia Dortmund : Unerwünscht und unersetzlich

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit dem „Diamantenauge“: Sven Mislintat Bild: firo Sportphoto

Bei Borussia Dortmund haben sich Trainer Tuchel und Chefscout Mislintat nichts mehr zu sagen. Der wichtige Mann aus der zweiten Reihe soll trotzdem bleiben.

          Wer die Verantwortlichen von Borussia Dortmund auf Spekulationen um den Chefscout Sven Mislintat anspricht, stößt in diesen Tagen auf Unverständnis. Das Thema gilt aus verschiedenen Gründen als heikel und wird offiziell nicht kommentiert. Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung, behauptet sogar, es gebe im Klub gar keine Personalie Mislintat. Immerhin hat es die Personalie, die keine ist, aber zum Dortmunder Medienthema dieser im Vereinsfußball spielfreien Woche geschafft. Selten hat ein Angestellter aus der zweiten Reihe bei einem derart großen Klub so viel Aufsehen erregt wie Mislintat, der sich gern verändert hätte, um bei einem anderen Klub beruflich aufzusteigen. Vor dieser Saison hatte er das Angebot, Sportchef beim Zweitligaverein Fortuna Düsseldorf zu werden, mit umfangreichen Kompetenzen für einen sportlichen Neuaufbau. Der Umworbene musste allerdings absagen; sein Vertrag beim BVB läuft noch fast drei Jahre. Jüngst wurde Mislintat mit dem Hamburger SV in Verbindung gebracht, bei dem die Stelle des Sportdirektors vakant ist.

          Um die Brisanz des Themas zu verstehen, muss man wissen, wer dieser Mann ist und was er in Dortmund macht. Mislintat arbeitet seit Jahren Sportdirektor Zorc zu, diskret und überaus erfolgreich. Mit seinem Team trägt er maßgeblich dazu bei, dass der BVB zuweilen früher als viele Mitbewerber auf junge, noch weitgehend unbekannte Spieler mit vielversprechender Perspektive aufmerksam wird. Einst entdeckte Mislintat den späteren Mittelfeldstar Shinji Kagawa in der zweiten japanischen Liga, in jüngster Zeit fiel sein Name im Zusammenhang mit der Verpflichtung hochkarätiger Talente wie Raphael Guerrero oder Emre Mor, die der BVB schon unter Vertrag genommen hatte, bevor sie bei der Europameisterschaft in Frankreich auf der internationalen Bühne das Publikum beeindruckten. Auch Ousmane Dembélé, aktuell der auffälligste Zugang des BVB und seit kurzem auch französischer Nationalspieler, ist dank des Dortmunder Früherkennungssystems im Ruhrgebiet gelandet.

          Der Cheftrainer: Thomas Tuchel
          Der Cheftrainer: Thomas Tuchel : Bild: dpa

          Besonders Sportdirektor Zorc weiß die Dienste seines engen Mitarbeiters Mislintat zu schätzen. Mit seinem „Diamantenauge“ hat der Scout sich über die Jahre ein derart starkes Standing erarbeitet, dass er sogar einen Konflikt aushält, der manch anderem vielleicht längst zum Verhängnis geworden wäre. Der Dreiundvierzigjährige, selbst Inhaber der Fußballlehrer-Lizenz, hat sich mit Cheftrainer Thomas Tuchel überworfen. Die beiden Männer haben einander seit Monaten nichts mehr zu sagen. In manchen Medien heißt es sogar, Tuchel betrachte den ihm missliebigen Mitarbeiter auf dem Trainingsgelände als „unerwünschte Person“.

          Nach Informationen des Fachmagazins „kicker“ geht der Streit auf den geplatzten Transfer von Óliver Torres zurück; die Vorbereitungen für einen Wechsel des 21 Jahre alten Mittelfeldspielers von Atlético Madrid zum BVB waren demnach im Winter weit vorangeschritten, doch letztlich kam das Geschäft nicht zustande. Torres wurde an den FC Porto ausgeliehen. Wie genau es zum Zwist kam, darüber schweigen alle, die es wissen.

          Offenbar haben beide Parteien dazu beigetragen, dass der Streit eskaliert ist und die Differenzen bis heute nicht ausgeräumt sind. Von Tuchel ist bekannt, dass er eine eigenwillige, manche sagen: sture Persönlichkeit ist. Aber auch Mislintat soll im Umgang nicht immer so unkompliziert sein, wie es sein locker-lässiges Aussehen vermuten ließe.

          Der Scout wird zum „Leiter Profifußball“

          Seit die Öffentlichkeit von dem Zerwürfnis weiß, liegt den Verantwortlichen viel daran, das Verhältnis zwischen Tuchel und Mislintat als eher nebensächlich darzustellen. Ihr Argument: Der Chefscout arbeite ja nicht dem Trainer zu, sondern Zorc und Watzke. Das soll er auch weiterhin tun, mögen der HSV oder Fortuna Düsseldorf oder sonst wer noch so attraktive Stellenangebote unterbreiten.

          Nach Informationen dieser Zeitung soll Mislintat mit zusätzlichen Kompetenzen ausgestattet werden. Der BVB plant, das Scouting zu intensivieren, Daten aus Training und Spiel sowie anderes Analysematerial noch genauer auszuwerten und auch zu archivieren. Der dafür zuständigen Abteilung, so der Plan, wird Mislintat als Koordinator vorstehen. Und ein Titel, der etwas hermacht, scheint auch schon gefunden: „Leiter Profifußball“ oder so ähnlich. Mislintat dürfte künftig beim BVB eine ähnliche Position einnehmen, wie sie Michael Reschke beim FC Bayern München und Jonas Boldt bei Bayer 04 Leverkusen bekleiden, zwei gut vernetzte Fachleute, die unauffällig, aber effektiv die Vorarbeit leisten, ehe die Klubführung einen Transfer vollzieht.

          Sollten Tuchel und Mislintat gehofft haben, ihre Wege würden sich vielleicht bald auf elegante Art trennen, haben sich beide wohl verschätzt. Der BVB hat jüngst erst seinen A-Junioren-Trainer Hannes Wolf, einen Mann von exzellentem Ruf, gehen lassen, nachdem ihn der Ruf des VfB Stuttgart ereilt hatte. Ein weiterer Abgang aus der Abteilung Talententwicklung kommt für Watzke derzeit nicht in Frage. „Sven Mislintat hat einen Vertrag bis 2019, er bleibt beim BVB. Punkt, aus, Ende.“

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.