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Aktualisiert: 21.04.2017, 13:11 Uhr

Anschlag auf Mannschaftsbus Tatverdächtiger soll allein gehandelt haben

Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund hat wohl keinen terroristischen Hintergrund. Die Polizei nahm einen Mann fest, der aus Habgier auf fallende Kurse der BVB-Aktie spekuliert hatte. Bislang gibt es keine Hinweise auf Mittäter.

© EPA Hier in Rottenburg wurden die Ermittler schließlich fündig und nahmen am Morgen den 28-jährigen Tatverdächtigen fest.

Anderthalb Wochen nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligaklubs Borussia Dortmund hat die Polizei am Freitagmorgen im Raum Tübingen einen 28 Jahre alten Tatverdächtigen festgenommen. Laut Mitteilung der Bundesanwaltschaft scheint der mutmaßliche Täter wohl auf einen durch den Anschlag verursachten Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt zu haben, um dadurch einen Millionengewinn einstreichen zu können. An islamistischen oder anderen extremistischen Hintergründen bestünden erhebliche Zweifel.

Borussia Dortmunds Trainer Thomas Tuchel hat mit Unverständnis auf das mutmaßliche Motiv des Sprengstoffanschlags auf den BVB-Mannschaftsbus reagiert. „Es ist für mich nicht nachzuvollziehen, weder emotional noch rational“, sagte er am Freitag. Die Polizei hatte zuvor einen Verdächtigen festgenommen. „Es ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl, dass es offensichtlich einen Durchbruch gegeben hat“, meinte Tuchel.

Der Verdächtige sei Sergej W., ein Mann mit deutscher und russischer Staatsangehörigkeit, wohnt nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Freudenstadt im Schwarzwald. Ihm wird von der Bundesanwaltschaft versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Die Bundesanwaltschaft hat nach der Festnahme eines Tatverdächtigen bislang keine Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen und Mittäter bei dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Bundesligaklub Borussia Dortmund. Das teilte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Freitag in Karlsruhe mit. Die Ermittlungsbehörde behalte diese Frage aber weiter im Blick.

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Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze am Mannschaftshotel gezündet, während der BVB-Bus vorbeifuhr. Dabei wurde der Abwehrspieler Marc Bartra in dem Fahrzeug von Splittern getroffen und schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma.

Spekulation auf Kursverluste

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur liefen am Freitagmorgen Polizeiaktionen gegen insgesamt vier unterschiedliche Objekte in den Städten Tübingen und Rottenburg am Neckar in Baden-Württemberg. Laut Generalbundesanwalt waren an den Ermittlungen mehrere hundert Beamte des Bundeskriminalamtes sowie der nordrhein-westfälischen und der baden-württembergischen Polizei beteiligt. Sergej W. sei seit dem 13. April per Haftbefehl wegen 20-fachen versuchten Mordes und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion gesucht worden.

45978034 © dpa Vergrößern Spekulation auf Kursverluste als Motiv für den Anschlag

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wertete die Festnahme als „großen Erfolg“. Jetzt gehe es darum, „Beweise zu sichern und mögliche Hintergründe aufzuklären“, erklärte er. „Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein besonders widerwärtiges Tatmotiv.“

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat das mutmaßliche Motiv für den Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund scharf verurteilt. „Jedes Motiv für eine solche Tat ist abscheulich – sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft“, sagte der Minister am Freitag in Berlin. Maas mahnte: „Wir sind es insbesondere der gesamten Mannschaft von Borussia Dortmund schuldig, diese Tat und ihre Hintergründe umfassend aufzuklären.“

„Eine gute Nachricht für den Fußball“

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger hat die Festnahme als „gute Nachricht für den Fußball“ bezeichnet. Der Erfolg der Fahnder sei den intensiven Ermittlungen von Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und Polizei zu verdanken, erklärte der SPD-Minister am Freitagmorgen über den Kurznachrichtendienst Twitter. Die Festnahme zeige auch, wie wichtig es sei, in alle Richtungen zu ermitteln. Das mutmaßliche Motiv nannte er „verwerflich“.

Borussia Dortmund hofft nach der Festnahme auf eine schnelle und umfassende Aufklärung des Falls. Die Vereinsführung hoffe, „dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte“, erklärte der Verein. BVB-Kapitän Marcel Schmelzer wünschte sich, „dass wir die tatsächlichen Hintergründe des Anschlags erfahren“. Für alle, die im Bus gesessen hätten, „wären diese Informationen wichtig, denn sie würden den Verarbeitungsprozess deutlich erleichtern“.

45979583 © AP Vergrößern BVB-Kapitän Marcel Schmelzer (hinten) wünschte sich, „dass wir die tatsächlichen Hintergründe des Anschlags erfahren“

Laut Bundesanwaltschaft hat der Beschuldigte am 11. April - dem Tag des Anschlags gegen den BVB-Bus - 15.000 Verkaufsoptionen für 78.000 Euro in Bezug auf die BVB-Aktie erworben. Die Papiere hätten eine Laufzeit bis zum 17. Juni gehabt. Der Kauf der sogenannten Put-Optionen erfolgte demnach über die IP-Adresse des Hotels „L'Arrivée“, wo die Mannschaft von Borussia Dortmund gastierte. Der Beschuldigte habe die Papiere über einen am Anfang April 2017 aufgenommenen Verbraucherkredit finanziert, hieß es.

Der Käufer spekulierte laut Generalbundesanwalt auf fallende Kurse - die Höhe des Gewinns hänge von der Höhe des Kursverlustes ab. Bei einem massiven Verfall der Aktie von Borussia Dortmund hätte der Gewinn „ein Vielfaches des Einsatzes“ betragen. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn wegen des Anschlags Spieler schwer verletzt oder sogar getötet worden wären.

Zimmer mit Blick auf den Anschlagsort

Sergej W. habe im Mannschaftshotel des BVB in Dortmund bereits am 9. April ein Zimmer im Dachgeschoss mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen. Die BVB-Spieler waren kurz vor dem Anschlag mit ihrem Bus zum Champions League-Hinspiel gegen den AS Monaco abgefahren. Das Spiel war dann wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

45978309 © AP Vergrößern Anschlagsziel Mannschaftsbus: der mittlere der drei Sprengsätze war offenbar zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können.

Die Sprengsätze waren dem Generalbundesanwalt zufolge über eine Länge von zwölf Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Sprengwirkung der mit sieben Zentimeter langen Metallstiften bestückten Sprengsätze sei auf den Bus ausgerichtet gewesen. Ein Metallstift sei noch in einer Entfernung von 250 Meter aufgefunden worden. „Wir können von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert ist", hatte eine Sprecherin der Anklagebehörde gesagt.

Zwei der Sprengsätze befanden sich der Mitteilung zufolge in Bodennähe, ein Dritter war in einer Höhe von etwa einem Meter plaziert - zum Glück für die Spieler: „Damit war er zu hoch angebracht, um seine Wirkung voll entfalten zu können“, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Die Zündung sei nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung erfolgt. Zur Art des verwendeten Sprengstoffs lägen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor.

Es war in alle Richtungen ermittelt worden

Die verschiedenen nach dem Anschlag aufgetauchten Bekennerschreiben führten offenbar in die Irre. Am Tatort waren drei identische Schreiben gefunden worden, in denen ein radikalislamisches Motiv für den Anschlag angegeben wurde. Laut Bundesanwaltschaft bestanden nach islamwissenschaftlichen Untersuchungen dieser Schreiben „an einem radikalislamistischen Ursprung erhebliche Zweifel“.

© EPA, afp Tatmotiv Habgier: Verdächtiger wegen Anschlag auf BVB gefasst

Im Internet war zudem ein Bekennerschreiben aus der linksextremen Szene veröffentlicht worden, an dessen Echtheit aber ebenfalls erhebliche Zweifel bestehen. Auch bei den rechtsextremen Bekennerschreiben, die am 13. April bei mehreren Medien eingingen, deutet laut Bundesanwaltschaft „derzeit nichts daraufhin, dass es vom Täter stammt“.

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