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Borussia Dortmund „Robby“ lebt seinen Kindheitstraum

10.02.2012 ·  Bei der Borussia wollte Robert Lewandowski schon immer spielen. Für seinen Nationaltrainer ist Dortmund die Hauptstadt des polnischen Fußballs. An diesem Samstag spielt also Klein-Polen gegen Leverkusen (15.30 Uhr).

Von Richard Leipold, Dortmund
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© dapd Ein Pole für Dortmund: Robert Lewandoski hat sich durchgesetzt

Fußballlehrer wissen es meist zu schätzen, wenn sich die Neugier von Reportern auf das Sportliche beschränkt. Aber nicht immer. Jürgen Klopp, der beredsame Cheftrainer von Borussia Dortmund, sah sich nach einem Bundesligaspiel mal einem hartnäckigen Fragesteller aus Polen gegenüber.

Der Gast versuchte in ordentlichem Englisch, Klopp in ein Fachgespräch über die Vorzüge des Stürmers Robert Lewandowski zu verwickeln. Vor allem wollte er wissen, warum der Trainer den Torjäger nicht als Angreifer, sondern im zentralen offensiven Mittelfeld aufgeboten habe.

Klopp reagierte etwas gereizt und antwortete sinngemäß: Das sei seine Sache und eine Frage des Systems; dieses System gedenke er nicht wegen eines einzelnen Spielers zu ändern. Der Pole setzte nach, doch Klopp ließ deutlich erkennen, dass er sich auf keine Diskussion einlassen wollte. Gefehlt hätte nur, dass er seinen Worten ein krachendes „Basta“ hinterhergeschickt hätte.

Dieser Dialog stammt aus einer Zeit, in der Lewandowski beim BVB noch nicht „gesetzt“ war. In seinem ersten Bundesligajahr hatte er sich noch hinter Lucas Barrios, einem torgefährlichen Abwehrschreck, anstellen müssen, wenn es um die einzige Planstelle ganz vorn in der Spitze ging. Lewandowski musste ausweichen oder sich mit einer Rolle als Teilzeitkraft begnügen. „Dürften wir zwölf Spieler aufstellen, wäre Robert jede Woche in der Startelf“, sagte Klopp zu jener Zeit.

Chancentod auf dem Index

Die Verhältnisse haben sich geändert. Seit Beginn dieser Saison ist Lewandowski die erste Kraft im Angriff, auch an diesem Samstag im Heimspiel des Tabellenführers gegen Bayer 04 Leverkusen (15.30 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker). Barrios, der lange verletzt war, macht ihm inzwischen wieder Konkurrenz, doch der polnische Nationalspieler hat seine Chance genutzt. Vierzehn Tore in zwanzig Partien, dazu sieben Vorlagen - diese Ausbeute hat den anfangs unscheinbaren, schüchternen Stürmer lockerer und selbstbewusster gemacht. Den Begriff „Chancentod“ mussten seine Kritiker auf den Index setzen.

Lewandowski wusste immer, was in ihm steckt. Trainer Klopp und Sportdirektor Zorc haben es zumindest geahnt und ihn daran erinnert, wenn sie den Eindruck hatten, er spiele seine Stärken nicht konsequent genug aus. Aber jetzt sehen alle, was Lewandowski kann - auch Barrios, der vom Platzhirsch zum Herausforderer mit Außenseiterchancen geschrumpft ist. Fast hätte der Paraguayer den Zweikampf in der Winterpause schon verloren gegeben; erst in letzter Minute brachte er einen Wechsel zum englischen Premier-League-Klub FC Fulham zum Platzen, obwohl der BVB bereit war, ihn freizugeben.

Lewandoski wahrt die Ruhe

Lewandowski ist auf dem besten Wege, sich bei dem Verein durchzusetzen, von dem er sagt, er sei mehr als ein Arbeitsplatz. Für Dortmund zu spielen sei „ein Kindheitstraum“ gewesen und Matthias Sammer sein Idol. Der Dreiundzwanzigjährige gehört zu der Sorte Profis, die so etwas sagen können, ohne dass es plump, anbiedernd oder auswendig gelernt klingt.

Lewandowski wirkt ruhig, zurückgenommen, auch wenn es mal nicht besonders gut läuft. Oder wenn ihm, wie jetzt, ein ehrgeiziger, tatendurstiger Barrios im Nacken sitzt, der beim Publikum überaus beliebt ist. „Robby hat seine Einstellung nicht geändert“, sagt Klopp. „Warum auch? Es gibt keinen Grund dafür.“

Ballsicher, schnell und technisch versiert

Am Anfang hatte Lewandowski eine Körpersprache gezeigt, die ihm leicht als Phlegma ausgelegt werden konnte. Mit seinem Kollegen und Konkurrenten im Angriff hat er nicht viel gemeinsam. Beide gieren nach Toren, doch in ihrer Mentalität unterscheiden sie sich deutlich. Barrios wirkt egozentrisch, impulsiv, strafraumfixiert; ein Fußballer, der vor allem seinem Instinkt folgt. Ein Spiel ohne (selbst erzieltes) Tor ist für ihn fast wie ein verlorenes Spiel. Lewandowski, der Vielseitigere von beiden, grenzt sich ab von seinem Rivalen, mit Worten und mit Taten.

Ballsicher, schnell und technisch versiert, hat er nicht nur das gegnerische Tor im Blick, sondern auch seine Mitstreiter, kurzum: Er spielt mit. Im modernen Fußball erschöpfe sich die Arbeit eines Angreifers nicht darin, Tore zu erzielen, sagt Lewandowski. Ein guter Stürmer müsse „auch Vorlagen geben und seinen Mitspielern helfen, das war schon in Posen so“.

Seine mannschaftsdienliche Art hinderte ihn nicht daran, für Lech Posen 32 Tore in 58 Ligaspielen zu schießen und schon mit Anfang zwanzig erstaunliche Vergleiche zu provozieren. „Dieser Bursche war für uns so wichtig wie Wayne Rooney für Manchester United“, behauptet Jacek Zielinski, der frühere Trainer von Lech Posen.

Torpremiere gegen Schalke

Teamfähigkeit machte Lewandowski, in Verbindung mit Toren, so interessant für den BVB. Klopp sieht in „Robby“, wie er ihn nennt, „den spannendsten polnischen Fußballer der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre“. Er war stets früh dran. Ob in der zweiten oder in der ersten polnischen Liga, ob im nationalen Pokalwettbewerb, im Europacup oder in der Nationalelf - bei jedem Debüt gelang ihm prompt ein Tor.

„Einer wie Robert trifft überall“, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. In Deutschland hat es ein wenig länger gedauert, bis Lewandowski in Form und in Fahrt kam. Und seinen ersten Bundesligatreffer feierte er ausnahmsweise nicht im ersten, sondern im dritten Spiel - aber eine Torpremiere im Derby, auswärts gegen den Dortmunder Erzrivalen Schalke 04, hat auch ihren Charme.

Im Jahr der Fußball-EM im eigenen Land schickt Lewandowski sich an, einen Leistungssprung zu machen: Er gehört zu den festen Größen einer Mannschaft, die gute Chancen besitzt, den Meistertitel zu verteidigen. Und schon wird er in das beliebte Gesellschaftsspiel hineingezogen, das daraus besteht, über einen Wechsel zu einem noch größeren Verein zu spekulieren. Ob ihn der FC Bayern München als Arbeitgeber reizen würde, hat der „Kicker“ jüngst gefragt. Lewandowski antwortete selbstbewusst. „Ich spiele beim deutschen Meister. Was soll ich bei den Bayern?“

Auch Polens Auswahltrainer Franciszek Smuda sieht den Stürmer bei seinem aktuellen Klub bestens aufgehoben - wie dessen Nationalmannschaftsgefährten Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek. Auch diese beiden Profis haben beim BVB zuletzt eine gute Entwicklung genommen und spielen derzeit regelmäßig von Beginn an. Dortmund sei „die Hauptstadt des polnischen Fußballs“, sagt Smuda. Manche Leute im Nachbarland sprechen auch von „Polonia“ Dortmund. Lewandowski & Co. üben ihren Beruf also in einer Art zweiten Heimat aus. Das hat Tradition, im Bergbau wie im Fußball. Und kalorienreiche Spezialitäten der Ruhrgebietsküche sind ihnen auch geläufig. „Currywurst zum Beispiel gibt es auch in Polen“, sagt Lewandowski.

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