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Borussia Dortmund Kollaps, Rausch - Zerfall?

Wenn die heile Fußballwelt nicht mehr genug ist: Nach dem Triumph gegen Real Madrid verdichten sich die Anzeichen, dass Borussia Dortmund nach Mario Götze auch Robert Lewandowski, Mats Hummels und Ilkay Gündogan verlieren könnte.

© dpa Vergrößern Das Bild trügt: Mario Götze kommt nicht, sondern er geht

Um zu verstehen, wie all das möglich war an diesem Abend, diese grenzenlose Begeisterung der Fans etwa, deren letzter Funken Glauben an das Gute in der Welt durch den Transfer von Mario Götze zu Bayern München doch pulverisiert worden war und die ihre Mannschaft trotzdem bedingungslos unterstützen; um zu verstehen, wieso ein Team, das offenbar auseinanderfällt und sich so der romantische Gedanke in Luft auflöst, die Erfolge der vergangenen Jahre, der Weg dorthin und die besondere Atmosphäre hätten für einen Zusammenhalt gesorgt, der nicht so einfach zu zerstören sei, wieso ein solches Team aufspielt, als sei all das, was in den vergangenen Wochen passiert ist, nur ein böser Albtraum gewesen.

Peter Penders Folgen:  

Um diesen besonderen Abend irgendwie zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurück gehen. Mainz 05 hatte 2003 zum zweiten Mal nacheinander den Aufstieg in die Bundesliga am letzten Spieltag verpasst, und diesmal war es noch dramatischer gewesen als im Vorjahr, weil Eintracht Frankfurt durch zwei Tore in der Nachspielzeit dank der besseren Tordifferenz noch an den Mainzern vorbei gezogen war.

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Eine ganze Stadt war in Tränen aufgelöst, eine ganze Stadt wollte am nächsten Tag mit seinen Spielern beim offiziellen Empfang weiter weinen. Dann trat Jürgen Klopp auf die Bühne, und als der Trainer seine Rede beendet hatte, war nicht nur eine Vorfreude auf die neue Saison zu spüren. Sie hätte auch am nächsten Tag gleich beginnen können.

Keine Belastung für die Spieler

„Jürgen braucht nur einen Tag um zu regenerieren. Dann ist sein unerschütterlicher Optimismus wieder da“, hat ihn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke einmal charakterisiert. Im Moment scheint dieser Wesenszug der einzige Strohhalm zu sein, an den sich die Borussia klammert, an den sich vor allem die Fans wieder aufrichten können, die momentan gar nicht wohin wissen mit ihren Gefühlen. Dortmund, aus den Ruinen nach einem Fast-Bankrott wieder auferstanden, feierte gegen Real Madrid ein Fußballfest, wie es man es selbst unter idealen Bedingungen nicht erwarten konnte und das wohl selbst Klopp kaum für möglich gehalten hat, auch wenn wer stets betont, er traue seiner Mannschaft immer alles zu.

Borussia Dortmund - Real Madrid © dpa Vergrößern Auch abtrünnig? Robert Lewandowski (l.) und Ilkay Gündogan

Seine Spieler scheint all das, was um sie herum und vor allem mit ihnen geschieht, nicht weiter zu belasten. Die Fans aber beschleicht das Gefühl, sie erleben gerade das Ende ihres großen Traums mit, und das dies möglicherweise mit einer grandiosen Abschiedsvorstellung geschieht, macht die Geschichte nicht einfacher. Denn die Frage bleibt: Warum? Warum scheinen plötzlich alle das Weite zu suchen, von denen die meisten doch immer wieder betont haben, wie einzigartig es sei, in diesem Stadion zu spielen. Die letzten zwei, drei Jahre hat Dortmund wie im Rausch erlebt, bei den Meisterschaftsfeiern war eine ganze Region auf den Beinen. Und nun droht plötzlich der größtvorstellbare Kater.

Entdeckt und verloren

Ein Menschenfänger, heißt es, sei Klopp, einer, der andere überzeugen und mitreißen kann. Nebenbei scheint er auch fachlich besondere Qualitäten zu besitzen, denn die keineswegs auf allen Positionen doppelt besetzte und deshalb körperlich stark belastete Dortmunder Mannschaft rannte und kämpfte ihren Gegner beeindruckend in Grund und Boden und war Real auch taktisch überlegen.

166893124 © AFP Vergrößern Einer für Barcelona? Mats Hummels

Klopp und sein Trainerteam haben Robert Lewandowski in Polen entdeckt, der in Dortmund zum vielleicht begehrtesten Spieler weltweit aufstieg, er hat Ilkay Gündogan nach schweren Anfangsmonaten die Zeit gegeben, sich zu einem Weltklassespieler zu entwickeln, er hat eher als die Bayern erkannt, welche Fähigkeiten in einem Mats Hummels schlummerten. All das reicht offenbar nicht. „Wenn einer Schuld hat am Wechsel von Mario Götze, dann wohl ich“, sagte Klopp am Dienstag. Schließlich habe sich Götze nicht die Chance nehmen lassen wollen, mit einem außergewöhnlichen Trainer wie Pep Guardiola zusammen arbeiten zu wollen. Dass auch eine irrsinnige Summe Geld diesen Wunsch bekräftigt hat, geriet da zumindest vorübergehend aus dem Visier.

Fluch der guten Tat

„Man kann nicht Erfolg haben, und keiner merkt es“, sagte Klopp nach dem mitreißenden 4:1 gegen Madrid. Götze ist schon weg, die Spekulationen um Lewandowski reißen nicht ab, das Dementi von Hummels über Kontakte zu anderen Vereinen klang merkwürdig schwach, und selbst Gündogan, der unlängst erst bekannte, seinen Vertrag in Dortmund verlängern zu wollen, ist mittlerweile Gegenstand diverser Gerüchte. Es ist der Fluch der guten Tat, die Dortmund einholt. Nimmt man die beiden Halbfinalspiele zum Maßstab, dann hat Gündogan bei diesem Treffen der besten Mannschaften Europas den vielleicht nachhaltigsten Eindruck aller Mittelfeldspieler hinterlassen und zumindest seine beiden Nationalmannschaftskollegen Khedira und Özil um Längen übertroffen.

„Diese Nacht wird uns keiner mehr nehmen“, sagte Klopp, „sie wird in die Geschichte des Vereins eingehen.“ Aber diese Nacht hat sie alle auch weltweit ins Schaufenster gestellt, und der Einzige, der keinen Zweifel daran lässt, dass er auch in der nächsten Saison in Dortmund tätig ist, heißt Jürgen Klopp. Gut möglich, dass er im Fall der Fälle am 26. Mai, dem Tag nach dem Finale in der Champions League, wieder eine flammende Rede halten muss.

Quelle: F.A.Z.

 
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