http://www.faz.net/-gtl-78o8z

Borussia Dortmund : Kollaps, Rausch - Zerfall?

Das Bild trügt: Mario Götze kommt nicht, sondern er geht Bild: dpa

Wenn die heile Fußballwelt nicht mehr genug ist: Nach dem Triumph gegen Real Madrid verdichten sich die Anzeichen, dass Borussia Dortmund nach Mario Götze auch Robert Lewandowski, Mats Hummels und Ilkay Gündogan verlieren könnte.

          Um zu verstehen, wie all das möglich war an diesem Abend, diese grenzenlose Begeisterung der Fans etwa, deren letzter Funken Glauben an das Gute in der Welt durch den Transfer von Mario Götze zu Bayern München doch pulverisiert worden war und die ihre Mannschaft trotzdem bedingungslos unterstützen; um zu verstehen, wieso ein Team, das offenbar auseinanderfällt und sich so der romantische Gedanke in Luft auflöst, die Erfolge der vergangenen Jahre, der Weg dorthin und die besondere Atmosphäre hätten für einen Zusammenhalt gesorgt, der nicht so einfach zu zerstören sei, wieso ein solches Team aufspielt, als sei all das, was in den vergangenen Wochen passiert ist, nur ein böser Albtraum gewesen.

          Um diesen besonderen Abend irgendwie zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurück gehen. Mainz 05 hatte 2003 zum zweiten Mal nacheinander den Aufstieg in die Bundesliga am letzten Spieltag verpasst, und diesmal war es noch dramatischer gewesen als im Vorjahr, weil Eintracht Frankfurt durch zwei Tore in der Nachspielzeit dank der besseren Tordifferenz noch an den Mainzern vorbei gezogen war.

          Eine ganze Stadt war in Tränen aufgelöst, eine ganze Stadt wollte am nächsten Tag mit seinen Spielern beim offiziellen Empfang weiter weinen. Dann trat Jürgen Klopp auf die Bühne, und als der Trainer seine Rede beendet hatte, war nicht nur eine Vorfreude auf die neue Saison zu spüren. Sie hätte auch am nächsten Tag gleich beginnen können.

          Keine Belastung für die Spieler

          „Jürgen braucht nur einen Tag um zu regenerieren. Dann ist sein unerschütterlicher Optimismus wieder da“, hat ihn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke einmal charakterisiert. Im Moment scheint dieser Wesenszug der einzige Strohhalm zu sein, an den sich die Borussia klammert, an den sich vor allem die Fans wieder aufrichten können, die momentan gar nicht wohin wissen mit ihren Gefühlen. Dortmund, aus den Ruinen nach einem Fast-Bankrott wieder auferstanden, feierte gegen Real Madrid ein Fußballfest, wie es man es selbst unter idealen Bedingungen nicht erwarten konnte und das wohl selbst Klopp kaum für möglich gehalten hat, auch wenn wer stets betont, er traue seiner Mannschaft immer alles zu.

          Auch abtrünnig? Robert Lewandowski (l.) und Ilkay Gündogan
          Auch abtrünnig? Robert Lewandowski (l.) und Ilkay Gündogan : Bild: dpa

          Seine Spieler scheint all das, was um sie herum und vor allem mit ihnen geschieht, nicht weiter zu belasten. Die Fans aber beschleicht das Gefühl, sie erleben gerade das Ende ihres großen Traums mit, und das dies möglicherweise mit einer grandiosen Abschiedsvorstellung geschieht, macht die Geschichte nicht einfacher. Denn die Frage bleibt: Warum? Warum scheinen plötzlich alle das Weite zu suchen, von denen die meisten doch immer wieder betont haben, wie einzigartig es sei, in diesem Stadion zu spielen. Die letzten zwei, drei Jahre hat Dortmund wie im Rausch erlebt, bei den Meisterschaftsfeiern war eine ganze Region auf den Beinen. Und nun droht plötzlich der größtvorstellbare Kater.

          Entdeckt und verloren

          Ein Menschenfänger, heißt es, sei Klopp, einer, der andere überzeugen und mitreißen kann. Nebenbei scheint er auch fachlich besondere Qualitäten zu besitzen, denn die keineswegs auf allen Positionen doppelt besetzte und deshalb körperlich stark belastete Dortmunder Mannschaft rannte und kämpfte ihren Gegner beeindruckend in Grund und Boden und war Real auch taktisch überlegen.

          Einer für Barcelona? Mats Hummels
          Einer für Barcelona? Mats Hummels : Bild: AFP

          Klopp und sein Trainerteam haben Robert Lewandowski in Polen entdeckt, der in Dortmund zum vielleicht begehrtesten Spieler weltweit aufstieg, er hat Ilkay Gündogan nach schweren Anfangsmonaten die Zeit gegeben, sich zu einem Weltklassespieler zu entwickeln, er hat eher als die Bayern erkannt, welche Fähigkeiten in einem Mats Hummels schlummerten. All das reicht offenbar nicht. „Wenn einer Schuld hat am Wechsel von Mario Götze, dann wohl ich“, sagte Klopp am Dienstag. Schließlich habe sich Götze nicht die Chance nehmen lassen wollen, mit einem außergewöhnlichen Trainer wie Pep Guardiola zusammen arbeiten zu wollen. Dass auch eine irrsinnige Summe Geld diesen Wunsch bekräftigt hat, geriet da zumindest vorübergehend aus dem Visier.

          Fluch der guten Tat

          „Man kann nicht Erfolg haben, und keiner merkt es“, sagte Klopp nach dem mitreißenden 4:1 gegen Madrid. Götze ist schon weg, die Spekulationen um Lewandowski reißen nicht ab, das Dementi von Hummels über Kontakte zu anderen Vereinen klang merkwürdig schwach, und selbst Gündogan, der unlängst erst bekannte, seinen Vertrag in Dortmund verlängern zu wollen, ist mittlerweile Gegenstand diverser Gerüchte. Es ist der Fluch der guten Tat, die Dortmund einholt. Nimmt man die beiden Halbfinalspiele zum Maßstab, dann hat Gündogan bei diesem Treffen der besten Mannschaften Europas den vielleicht nachhaltigsten Eindruck aller Mittelfeldspieler hinterlassen und zumindest seine beiden Nationalmannschaftskollegen Khedira und Özil um Längen übertroffen.

          „Diese Nacht wird uns keiner mehr nehmen“, sagte Klopp, „sie wird in die Geschichte des Vereins eingehen.“ Aber diese Nacht hat sie alle auch weltweit ins Schaufenster gestellt, und der Einzige, der keinen Zweifel daran lässt, dass er auch in der nächsten Saison in Dortmund tätig ist, heißt Jürgen Klopp. Gut möglich, dass er im Fall der Fälle am 26. Mai, dem Tag nach dem Finale in der Champions League, wieder eine flammende Rede halten muss.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Gala von Khedira – Neymar fliegt vom Platz

          Eurogoals : Gala von Khedira – Neymar fliegt vom Platz

          Neymar trifft für PSG und fliegt dann vom Platz. Sami Khedira mit erstem Dreierpack überhaupt. Auch Özil liefert eine Gala und Huddersfield düpiert Mourinhos Manchester United. Sehen Sie Europas Fußball-Wochenende im Video.

          Hand in Hand gegen Madrid Video-Seite öffnen

          Katalonien : Hand in Hand gegen Madrid

          Nach der angekündigten Machtübernahme durch die spanische Regierung wollen sich die Befürworter der Unabhängigkeit dem Druck nicht beugen. Tausende haben in Barcelona gegen die Pläne Madrids demonstriert.

          Heynckes und der neue Teamgeist

          Bayern München : Heynckes und der neue Teamgeist

          Beim Sieg in Hamburg hat sich Bayern München gequält. Dank Teamgeist sieht sich der Meister aber gewappnet für die kommenden Aufgaben gegen Leipzig und Dortmund. Für diese Spiele riskiert Trainer Heynckes sogar die Rotation.

          Alfa Romeo Stelvio Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : Alfa Romeo Stelvio

          Alfa ist auf dem Weg, sich ins Nichts eines emotionsarmen Konzerns von Buchhaltern zu verlieren. War auf dem Weg, muss man sagen. Ausgerechnet ein SUV fährt zurück ins Herz.

          Topmeldungen

          Wolfgang Kubicki will sich von der AfD nicht provozieren lassen.

          Bundestag : Kubicki rät zu gelassenem Umgang mit der AfD

          Heute dürfte FDP-Politiker Kubicki zu einem der Vizepräsidenten des Bundestages gewählt werden. Er rät, mit der AfD im Parlament „vernünftig und fair“ umzugehen. Abgeordnete bekräftigen ihre Ablehnung gegen den umstrittenen AfD-Kandidaten Glaser.
          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.
          Pirat an einer Küste Afrikas

          Nigeria : Piraten überfallen deutsches Containerschiff

          Das Schiff einer Hamburger Reederei ist vor Nigeria von Piraten angriffen worden. Die Seeräuber verschleppten sechs Besatzungsmitglieder, darunter ist auch der Kapitän.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.