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Bert van Marwijk Der unterschätzte Kartenspieler

11.07.2010 ·  Bert van Marwijk liebt das schöne Fußballspiel und schätzt die defensive Ordnung - was die Niederlande in ihr erstes WM-Endspiel seit 1978 geführt hat. Nur der Trainer war schon einmal Weltmeister - im Klaverjassen.

Von Christian Eichler, Johannesburg
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Jeder Trainer träumt davon, in einem WM-Finale zu stehen. Aber Bert van Marwijk wäre am Sonntag gegen Spanien (20.30 Uhr/ live im ZDF und FAZ.NET-WM-Liveticker) am liebsten gar nicht Trainer der niederländischen Mannschaft. Sondern Spieler. „Wenn ich wählen könnte“, sagte er am Donnerstag, „würde ich lieber auf dem Feld stehen.“ Er tat es in seiner eigenen Karriere allerdings nur ein einziges Mal im Oranje-Trikot. 1975 durfte er unter einem Bondscoach mit dem schönen Namen George Knobel einmal 45 Minuten für die Niederlande spielen, bei einem 0:3 in Jugoslawien. Zur Halbzeit sagte der Trainer zu dem 23-jährigen Linksaußen: „Es ist genug.“ Es war die Botschaft: Ein Star wirst du nie.

Nun, mit 58, wird er es vielleicht doch noch. Denn als Trainer hat van Marwijk nicht nur Knobel, sondern auch alle anderen Vorgänger im Oranje-Team statistisch weit überholt: mit einer Bilanz von zwanzig Siegen, sechs Remis, einer Niederlage und damit einem rechnerischen Durchschnitt von 2,44 Punkten pro Spiel. Dem 1:2 gegen Australien im September 2008 folgten 25 Spiele ohne Niederlage, zuletzt gar zehn Siege nacheinander. Sollte sich diese Serie am Sonntag fortsetzen, hätte der stille van Marwijk auch die schillernden Jahrhunderttrainer seiner aktiven Zeit übertroffen: Rinus Michels und Ernst Happel, die mit Holland die WM-Endspiele 1974 und 1978 verloren.

Sein Aufeinandertreffen mit dem spanischen Kollegen Vicente del Bosque macht das WM-Finale zu einem Duell der Anti-Mourinhos: dem zweier auffällig ruhiger, sonst völlig unauffälliger Trainer. Anders als der brillante Portugiese, der große Siege, wie den in der Champions League mit Inter Mailand, in Auftreten und Rhetorik gern als Erfolge eines Superhirns auf der Bank inszeniert, haben die beiden WM-Finaltrainer keinen Hang zu Psycho-Spielen oder Ego-Trips, zu rhetorischen Tricks und sonstigen Versuchen, Gegner oder Schiedsrichter zu beeinflussen.

Aber zumindest als Dressman beginnt van Marwijk mit dem stets elegant gekleideten Mourinho zu konkurrieren. Nach dem silbergrau schimmernden Maßanzug, den er in Südafrika trägt, ist eine solch große Nachfrage in den Niederlanden entstanden, dass der Ausstatter, der das Modell nur für die WM-Delegation entworfen hatte, es nun als Verkaufsmodell auf den Markt bringen will.

Glücksgriff van Marwijk

Es ist eine ungewöhnliche Spätkarriere. Van Marwijk war ein grundsolider Spieler, mit 500 Spielen in zwanzig Profijahren, davon 425 in der höchsten holländischen Liga, der Eredivisie. Er war zehn Jahre Jugendtrainer und acht Jahre Amateurtrainer, ehe er über die Stationen Sittard, Rotterdam und Dortmund auch nicht gerade die ganz große internationale Karriere als Coach machte, sieht man vom Gewinn des Uefa-Cups mit Feyenoord 2002 ab. Noch vor zwei Jahren schien er als Nachfolger von Marco van Basten die bestmögliche verfügbare Besetzung, um das Nationalteam nach dem abrupt beendeten EM-Höhenflug von 2008, als die Mannschaft in der Vorrunde grandios spielte und im Viertelfinale an Russland scheiterte, wieder zu erden.

Er wurde zum Glücksgriff. Unter ihm traut sich Holland erstmals, nicht immer wie ein Team aufzutreten, das alle an die Wand spielen muss, sondern vorsichtiger, ruhiger, schlauer. Das neue Motto: auch mal hässlich gewinnen. Diesem Team liegt erstmals, wie gegen Brasilien, die Taktik des Außenseiters. Das könnte auch für das Finale passen.

Teil der Außenseiterstrategie

Denn fast alle favorisieren die Spanier: die Wettbüros tun das und die meisten Experten, allen voran der größte Fußball-Holländer, Johan Cruyff. Auch die holländischen Spieler hatten sich Deutschland als Gegner gewünscht, außer Rafael van der Vaart, der in Madrid spielt und eine spanische Mutter hat. Und sogar Bundestrainer Joachim Löw erklärte kurz nach der deutschen 0:1-Niederlage im Halbfinale, er sei sicher, dass Spanien das Finale gewinnen werde. Sogar van Marwijk spricht von Spanien nur mit Bewunderung: „Sie sind das beste Team der Welt. Ich bin ein großer Liebhaber ihres Fußballs. Spanien und Barcelona sind für mich ein Vorbild, wie mein Team spielen soll: offensiv, attraktiv, und bei Ballverlust sofort mit allen Spielern Druck auf den Gegner ausüben.“

Dieser demonstrative Respekt ist der eine Teil der Außenseiterstrategie. Der andere ist trotziges Selbstvertrauen. Deshalb sagt van Marwijk auch: „Es interessiert mich nicht, wenn die ganze Welt ruft, dass Spanien Weltmeister wird. Wir haben Vertrauen in unser eigenes Können.“ Allerdings muss er sich einige Sorgen machen, ob der körperliche Zustand dieses Können auch zulässt, denn einige Spieler sind angeschlagen. Torwart Maarten Stekelenburg bestritt schon das Halbfinale gegen Uruguay mit einer Hüftverletzung, die seinen Einsatz im Endspiel nun gefährdet. Und Arjen Robben, der Flügel-Star vom FC Bayern, klagt immer noch über Schmerzen in seiner Wade, Folge eines Muskelfaserrisses, den er kurz vor der WM in einem Test-Länderspiel erlitten hatte.

Aber van Marwijk bleibt ruhig, schließlich weiß er ja schon, wie das geht: Weltmeister werden. Er war es 1975, zusammen mit seinem Vater, im Klaverjassen, einem in Holland beliebten Kartenspiel, das dem deutschen Klammern ähnelt. Und genau das ist Bert van Marwijk geblieben - einer, der sich nicht in die Karten schauen lässt.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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