Bernard Dietz ist als Fußballspieler eine Figur von außergewöhnlichem Rang. Nicht weil er seine Arbeit im Hochglanzformat zelebriert hätte oder ihn die Aura eines Helden umgeben hätte. Auch als Kapitän der Nationalelf, die 1980 Europameister wurde, ist Dietz immer Dietz geblieben: ein aufrechter, ehrlicher, bodenständiger, vielleicht ein wenig biederer Bergmannssohn aus der westfälischen Provinz, ein Fußballarbeiter mit viel Herz und ohne Allüren.
Als Dietz noch linker Verteidiger spielte, war sein Metier auch schon ein Geschäft, aber es war nicht so laut und so durchgestylt wie das, was die Vermarkter heute Business nennen. Mit seiner Art, Fußball als lauteren, fairen Wettbewerb zu interpretieren, wirkte er schon als Spieler wie jemand aus einer anderen Epoche - aus einer Zeit, die länger zurückliegt, als es sein Alter vermuten lässt. An diesem Samstag wird Bernard Dietz sechzig Jahre alt. „Einen wie ihn gibt es heute nicht mehr“, pflegt sein früherer Nationalmannschaftsgefährte Franz Beckenbauer über Dietz zu sagen.
Fast naive Begeisterung für das Spiel
Als Spieler ist er ein Arbeiter gewesen, der die Kraft für 495 Bundesliga-Einsätze und 53 Länderspiele aus einer fast naiven Begeisterung für das Spiel geschöpft hat; ein Profi, den einfache Menschen in der Kurve mögen, weil er auch als Prominenter (Star wäre hier das falsche Wort) einer von ihnen geblieben ist, ohne sich dafür verstellen zu müssen. In seiner Karriere hat Dietz nur einmal den Klub gewechselt. Der Transfer von seinem Stammverein MSV Duisburg zu Schalke 04 ist wohl nur zustande gekommen, weil Duisburg 1982 abgestiegen ist. Mit dem MSV in die zweite Liga zu gehen, dafür war nicht einmal der treue „Enatz“ bescheiden genug.
Der Fußball hat den gelernten Schmied Dietz berühmt und wohlhabend gemacht. Vielleicht wäre er sogar reich geworden, wenn er nach einem erfüllten Arbeitsleben als linker Verteidiger (77 Tore!) mehr Gefallen am Beruf des Cheftrainers gefunden hätte. Doch er wollte immer nur ambitionierte Nachwuchskräfte ausbilden. „Das Haifischbecken Profifußball ist nichts für mich.“ Die Fußballlehrer-Lizenz habe er nicht erworben, um sich vor Angeboten zu schützen. Dietz wollte „gar nicht erst gefragt werden“. Natürlich wurde er trotzdem gefragt. Beim VfL Bochum und beim MSV Duisburg sprang er auf Bitten der Klubführung als Nothelfer ein, in erster Linie aus Pflichtgefühl, wie er sagt.
„Dreißig Prozent Fußball und siebzig Prozent Show“
Als Sprungbrett hat er diese Gelegenheiten nicht gesehen. In beiden Fällen genügte es ihm, die Mannschaft wieder aufzupäppeln und ein paar Wochen später einem Nachfolger zu übergeben, den er selbst empfohlen hatte. In Bochum ließ er sich - bei einem zweiten Engagement - sogar dazu überreden, eine Planstelle als „Teamchef“ in der zweiten Liga anzunehmen. Nach wenigen Monaten trat er zurück.
Der Trainer Dietz konnte und kann es nicht fassen, dass manche Profis den Fußball nicht so lieben und leben, wie es der Spieler Dietz getan hat. Bei „dreißig Prozent Fußball und siebzig Prozent Show“ sieht er die Balance verloren gegangen. In der vergangenen Saison hat er es noch mal als Übungsleiter beim Regionalligaklub Rot-Weiß Ahlen versucht, aber schon nach wenigen Monaten gab Dietz auf und kündigte an, er werde nicht mehr auf die Trainerbank zurückkehren. Der Berufsfußball hat aufgehört, für diesen Romantiker ein riesengroßer Spaß zu sein.