03.07.2004 · Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Joachim Fest über einen Nachmittag in Schwarz-Rot-Gold - am 4. Juli vor fünfzig Jahren, als das „Wunder von Bern“ seinen Lauf nahm.
Von Joachim FestDaß aus den Ereignissen des 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion das geflügelte Wort vom "Wunder" entstanden ist, hält Kardinal Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, als Theologe für bedenklich, "aber es drückt die Euphorie aus, die ich schon selbst gespürt habe".
Der Sohn des Dorflehrers war damals 18 Jahre alt geworden, spielte als begeisterter Fußballer im Turnverein Veringenstadt. Lehmann saß während des Finales bei Freunden vor dem Fernseher, die eigene Familie hatte kein Gerät. Noch heute wissen die damaligen Fernsehzuschauer oder Radiozuhörer die Aufstellung alle im Schlaf herzusagen, von Toni Turek bis Helmut Rahn.
Vom Erleben und Erinnern handelt der vierte und letzte Beitrag unserer Reihe. Fünfzig Jahre danach ist das Spiel in Filmen und Büchern gefeiert worden, sind Legenden gestrickt und Geschichten erfunden worden. Die spannende und emotionale Wirklichkeit hat bei jedem, der die WM - ob in der Schweiz oder aus der Distanz - verfolgen konnte, andere Spuren hinterlassen. Fest steht, daß der Erfolg der Nationalmannschaft, dessen Bedeutung weit über die Welt des Sports hinausreicht, das Bewußtsein der deutschen Bevölkerung beeinflußt hat.
Mitte Juni rief mich ein fußballvernarrter Kollege vom Rias Berlin an, wo ich kürzlich als Redakteur begonnen hatte. Er habe, sagte er, eine Fernseh-Kneipe an der Argentinischen Allee ausgemacht, die das Fußballendspiel übertragen werde; ob ich ihn begleiten wolle. Der Tischplatz koste fünf, der Thekenplatz drei Mark, von denen je die Hälfte auf den Verzehr angerechnet würde. Wir tauschten ein paar Überlegungen zur Endspielpaarung aus und einigten uns auf Ungarn gegen Brasilien. Von der deutschen Mannschaft war keine Rede. Am Ende sagte ich nach einigem Zögern zu.
Die folgenden vierzehn Tage waren ein Wechselbad zwischen Bangen, Enttäuschung, Unverhofftheiten und Triumph. Die größte Überraschung war, daß die Deutschen ins Endspiel gelangten, und eine Zeitlang wurde ich regelrecht mit Anfragen belästigt, ob ich in der Kneipe draußen in Zehlendorf nicht wenigstens noch einen Thekenplatz beschaffen könne. Zwei Tage vor der Begegnung rief mich mein Redaktionskollege an, wir müßten spätestens drei Stunden vor Spielbeginn an Ort und Stelle sein. Andernfalls bekämen wir lediglich einen der weit hinten gelegenen Plätze, "in der Blindenanstalt sozusagen", setzte er hinzu.
Schals und Sportmützen in Schwarz-Rot-Gold
Obwohl wir nahezu vier Stunden vor dem Anpfiff eintrafen, war das Lokal schon dicht gefüllt. In der Luft stand dicker Zigarettenqualm, es roch nach Bier und schärferen Sachen. Nur durch eine Art Zufall bekamen wir noch zwei Stühle an einem der vorderen Seitentische. Die meisten Gäste waren wie die Zuschauer irgendeiner Nord- und Ostkurve angezogen. Zum ersten Mal sah ich Schals und Sportmützen in Schwarz-Rot-Gold. Ein Pärchen hatte Schärpen in den gleichen Farben auf der Brust. Am Ende waren es über achtzig Personen. "So voll war es noch nie!" sagte der Wirt. Tröten waren auch da.
Der Raum hallte wider von wilden Fachsimpeleien. "Hoffentlich keine Blamage!" ließ sich der Dicke an unserem Tisch vernehmen, und sein glatzköpfiger Nachbar ergänzte, es gehe einzig darum, wie hoch das Malheur ausfalle. "Wenn wir neulich in Basel gegen Ungarn 8:3 verloren haben, kriegen wir heute die Kiste erst wirklich voll", mischte sich einer vom Nebentisch ein, worauf der nächste widersprach: Genau diese Arroganz, die auch die Ungarn zeigten, sei unsere Chance. Das Gefühl der Unbesiegbarkeit sei der sicherste Weg in die Niederlage, gab mein Redaktionskollege zu bedenken und bestellte, nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelnd, bereits das vierte oder fünfte Bier. "Hätten wir von Hitler lernen können", fügte er hinzu. "Haben wir vielleicht auch", unterbrach ich ihn, "aber hier geht es um die Ungarn!"
Die Sache gehe diesmal 10:2 oder auch 12:1 aus
Dann kam die Rede auf Herberger. Einer wollte wissen, daß er die Spieler mit dem Absingen von Liedern wie "Das Wandern ist des Müllers Lust", "Jenseits des Tales" oder dem Kanon "Mein Hut, der hat drei Ecken" quälte. Als Sangesbrüder sollten sie zu jenem Freundeskreis werden, der den Erfolg verbürgt. "Reiner Masochismus!" rief einer, der gerade mit einem halben Dutzend frisch abgefüllter Biergläser vorbeikam. "Na ja", ergänzte der Glatzköpfige, "ein Psychologe ist ,der Chef' nun wirklich nicht", und der Dicke, der schon drei Minuten geschwiegen hatte, mußte nun auch sein Urteil abgeben: "Wie kann er nur", äußerte er geradezu aufgebracht, "den sensiblen Fritz (Walter) zu dem ruppigen Rahn aufs Zimmer sperren?!" Herbergers größte Verrücktheit, sagte wieder der vom Nebentisch, sei es aber gewesen, im ersten Spiel gegen Ungarn sieben oder acht Ersatzleute aufzustellen. Das müsse die Spieler doch für das ganze Turnier deprimieren. Daher gehe die Sache diesmal 10:2 oder auch 12:1 aus. Und so immer weiter.
Als unausgesetzt neue Voraussagen gemacht wurden, entschloß sich der Wirt, eine Wette auszuschreiben. Auf einer herbeigeschafften Schiefertafel notierte er die Quote. Sie sprang binnen weniger Minute von 6 über 14 auf 18 zu 1. Für Ungarn natürlich. Da wir sicher waren, setzten fast alle am Tisch zehn Mark, "aus Jokus", wie der Dicke sagte. Es hatte in der Fußballgeschichte zwei "Wunderteams" gegeben, das eine um Sindelar und dann das hier um den Major Puskas, mit Kosicz und Hidegkuti. "Bitte, keine Blamage!" konnte man von allen Tischen als Stoßseufzer hören, je näher der Spielanfang rückte.
"Der Himmel tut sich auf! Dem Fritz sein Wetter!"
Endlich erschien auf dem hochgestellten Fernseher das Bild, und einen Augenblick lang wurde es totenstill. Dann kam Herberger eine Treppe hoch. "Der lacht ja noch!" empörte sich einer der Trötenmänner und blies einen Unmutstusch. In seinem viel zu weiten Regenmantel machte Herberger ein paar Schritte auf den Rasen hinaus und prüfte ihn, wie ich verwundert feststellte, mit der flachen Hand. "Er prüft doch den Boden nicht", korrigierte mich der Gast mit der Schärpe. "Er spricht ihm gut zu. Handauflegen ist wichtig! Das weiß der Sepp." Und in fast verschwörerischem Ton: "Der kennt die Stollenfee persönlich. Sie verrät ihm das Stollengeheimnis, verstehen Sie?" Ich verstand, daß er ein Spinner war und außerdem ein Pessimist, der nichts sehnlicher wünschte, als widerlegt zu werden. Und als es plötzlich zu schütten begann, war rundum ein Erlösungsschrei zu hören: "Der Himmel tut sich auf! Dem Fritz sein Wetter!"
Dann begann das Spiel. Und ehe man sich's versah, nach sieben oder acht Minuten, stand es 2:0 für Ungarn. Mein bekümmerter Nachbar vom Nebentisch stieß mich an: "Was habe ich gesagt! 10:2 mindestens!" Aber als ich gerade geantwortet hatte, ich sei schon schlechter Laune und brauchte seine Kommentare nicht auch noch, fiel, fast im Anschluß, das erste deutsche Tor. Es löste, wie ich mich erinnere, nur einen kurzen Jubel aus, und was dann folgte, war wie eine Andachtsstimmung. Sie hielt noch an, als Rahn das zweite Tor zum Gleichstand schoß. Man konnte es von allen Gesichtern ablesen: Hoffen, Zweifeln, Stoßgebete. Mein Kollege war beim siebten oder achten Bier und sagte ein ums andere Mal: "Ich halte das nicht mehr aus!"
Zur Halbzeitpause kam ein Nachbar ins Lokal, um sich mit weiteren Getränken zu versorgen. "Was!" rief er, "ihr hört den Bilderkommentar? Ich kombiniere Fernsehen mit dem Radiokommentar von Herbert Zimmermann. Großartig und verrückt wie immer! Müßt ihr auch machen!"
"Und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen!"
Infolgedessen habe ich die Jubelrufe Herbert Zimmermanns über die Abwehrtaten der Eckel, Posipal und Liebrich verpaßt, auch nichts von "Toni, dem Teufelskerl" und dann sogar dem "Fußballgott" mitbekommen. Aber sein viermaliger Torschrei in der 85. Minute, als Rahn auf Vorlage von Schäfer den Ball im Tor "versenkte", wird mir mitsamt dem Echo, das er ringsum auslöste, unvergeßlich bleiben. Desgleichen die anschließenden Minuten mit dem verzweifelten Anrennen der Ungarn und dem Abseitstor von Puskas. ("Mein Gott, das Abseitstor!", wie hinterher alle sagten: "Es war ein Herzstillstand.") Mein Redaktionskollege erhob die paar Minuten in einer schnellen Eingebung zur "Kanonade von Bern", die durch Glück, Kohlmeier und Toni Turek überstanden wurde. Als er gerade Goethe mit der berühmten Formel persiflierte: "Und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen!", kam der erlösende Schlußpfiff, gefolgt von dem wiederum viermal wiederholten "Aus! Aus! Aus! Aus!" von Herbert Zimmermann. Alle sprangen auf. Einer der Schalträger in Schwarz-Rot-Gold lag sich mit dem Glatzköpfigen als erster in den Armen, dann folgte das Pärchen, und alle schrien: "Wir sind Weltmeister!"
Im Fernsehen hoben sie den Bundestrainer auf die Schultern, und der Pessimist mit der Stollenfee meinte, er habe es ja immer gesagt: Der Herberger sei ein großer Psychologe. Die "Ersatzmannschaft" im ersten Ungarnspiel, wußte ein anderer, sei natürlich nur ein Trick gewesen, und die Pußtaleute hätten sich glatt reinlegen lassen. Und wie er den Fritz wild gemacht habe, der Sepp, sagte der Skeptiker vom Nebentisch: "Setzt dem Fritz einfach den ,Boß' aufs Zimmer und gleichsam in den Nacken! Genial!"
Und immer wieder fing einer zu kreischen an, und alle jubelten mit. Am äußersten Saalende begann einer "Nun danket alle Gott" zu singen, und die Trötenmänner bliesen eine Art Takt dazu. Am meisten beneidet wurde ein Gast zwei Tische weiter. Ganze vier der rund dreißig Wetten hatten auf einen Sieg der deutschen Mannschaft gesetzt. Fünf Mark hatten sie dafür lockergemacht, einer sogar zehn. Aber der Mann am übernächsten Tisch hatte zwanzig Mark gewettet und kassierte nun mit beifallsuchendem Blick in die Runde eine Art Monatslohn. Aber kaum einer beachtete sein doppeltes Glück. "Wir danken nämlich gerade Gott", sagte der Glatzkopf zu dem Wettkönig, weil der sich nicht genug gefeiert fühlte.
Als die Nationalhymne gespielt wurde, standen alle auf. Aber keiner jubelte. Eher herrschte eine Art verlegener Stille, die hörbar machte, wie ferngerückt das Pathos solcher Ereignisse trotz aller Feierstimmung war. Herbert Zimmermann sagte zuletzt, man dürfe nie vergessen, daß Fußball nur ein Spiel ist. Aber der Dicke am Tisch, der nun schon wieder mal einige Zeit nichts gesagt hatte und womöglich fand, daß es endlich an der Zeit sei, sich zu Wort zu melden, warf ein: Heute dürfe man das mit dem Spiel vergessen. "Heute endlich mal!" Etwas später korrigierte er sich: "In Wahrheit ist Fußball niemals nur ein Spiel!"
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |