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Revolution in der Kreisliga: Alle Macht den Fans!

© Saron Duchardt

Alle Macht den Fans!

Von SEBASTIAN REUTER

25. April 2017 · Wer spielt von Beginn an? Und was kostet die Wurst? Beim Kreisligaklub TC Freisenbruch treffen die Anhänger alle Entscheidungen. Bislang ist das Projekt ein Erfolg – doch es hat auch schon ein Opfer gefordert.

Der Fußball der Zukunft wird noch auf einem Aschenplatz gespielt. Zumindest beim TC Freisenbruch glauben sie fest daran. Mit vierzehn Punkten Vorsprung führt der Klub aus dem Osten von Essen die Tabelle der Kreisliga B Süd an, der Aufstieg in die A-Liga steht unmittelbar bevor. Sein Heimspiel gegen Blau-Weiß Überruhr trägt der TCF an einem kalten Donnerstagabend im April im Stadion „Am Bergmannsbusch“ in einem kleinen Waldstück aus. Jeder Zweikampf erzeugt eine ordentliche Staubwolke. Auf der Ersatzbank wuchert das Moos, Trainer Mike Möllensiep hält beim Halbzeitstand von 1:1 in der engen, miefigen und dunklen Umkleidekabine eine deftige Ansprache, die Zuschauer zahlen für Bier und Bratwurst jeweils 1,50 Euro und der nächste Ligarivale spielt noch nicht einmal einen Kilometer entfernt. Anhänger von Fußballtradition und Ruhrpottromantik kommen hier auf ihre Kosten. Und trotzdem ist bei dem 1902 gegründeten Verein aus dem ehemaligen Bergbaustandort alles anders – was nicht nur an der neuen digitalen Anzeige direkt hinter dem Tor liegt.

© Saron Duchardt, F.A.Z. / Andreas Bayer Aufstellung, Eintrittspreise, neue Spieler: Seit Beginn der Saison wird ein Kreisligaverein aus Essen komplett von seinen Fans gemanagt. Was steckt hinter dem Projekt?

Der TC Freisenbruch gehört seinen Fans und wird seit dem Saisonstart im vergangenen Sommer komplett von ihnen gemanagt. Genauer gesagt: von einer mittlerweile fast 500 Mitglieder starken Online-Community. „Bei uns können die User wirklich über so gut wie alles bestimmen“, sagt Peter Wingen. Er hat sich das Konzept gemeinsam mit zwei Freunden ausgedacht und umgesetzt. Wer sich nun auf der Freisenbrucher Vereinshomepage anmeldet und fünf Euro im Monat zahlt, kann über fast alle Vorgänge in dem Amateurklub entscheiden: Vom Spielsystem und der Aufstellung für die Partien gegen Überruhr, Kettwig oder Kupferdreh-Byfang, über Preise für Eintrittskarten, Bier und Fanartikel, bis hin zu Investitionen wie Spieler- und Trainerverpflichtungen, einem neuen Kunstrasenplatz oder Trainingsanzügen für die Jugendmannschaften. „Wir sind das komplette Gegenstück zu Klubs wie RB Leipzig und dem generellen Kommerz im Profifußball. Unsere Mitglieder können tatsächlich über die direkte Zukunft des Vereins bestimmen“, sagt Wingen.

© Saron Duchardt, F.A.Z. / Andreas Bayer Wie gehen die Anhänger des TC Freisenbruch mit ihrer neuen Macht um – und welche Ziele haben sie mit dem Klub?

Mike Möllensiep hat dementsprechend deutlich weniger zu entscheiden. Der Spielertrainer bestimmt zwar weiterhin die Trainingsinhalte und begründet auf der Online-Plattform, wie und mit wem er gerne das nächste Spiel bestreiten will – letztendlich muss er aber das Urteil der User hinnehmen. „Natürlich habe ich als Trainer ab und an eine andere Vorstellung, gerade was das Spielsystem oder die Transfers angeht. Aber im Großen und Ganzen hat die Community bislang meist mit meinen Vorschlägen übereingestimmt“, sagt Möllensiep, der die Aufstellung wie die Spieler einige Stunden vor Anpfiff per SMS mitgeteilt bekommt.

Bis zur Halbzeit muss sich der zweimalige Bundesligaspieler an die Vorgaben der Online-Manager halten: Verletzt sich ein Spieler schon vorher, rückt der für die gleiche Position vorgesehene Ersatz mit den zweitmeisten Stimmen nach. Erst nach dem Seitenwechsel darf Möllensiep aktiv in den Spielverlauf eingreifen, Auswechseln und taktische Umstellungen vornehmen. „Gerade bei einem Rückstand sehnt man sich den Halbzeitpfiff schon manchmal herbei“, sagt er.

© Saron Duchardt Der Charme der Kreisliga: Das Ambiente beim TC Freisenbruch ist recht rustikal. Wohin geht die Reise? Ob der TC Freisenbruch mit seinem Manager-Projekt dauerhaft erfolgreich sein wird, ist noch ungewiss.

Für Peter Wingen ist diese Mischung aus den Entscheidungen der Community, der Verantwortung des Trainers und der Unvorhersehbarkeit jedes Spiels bislang das Erfolgsmodell des Projektes. Der gelernte Journalist hat die Software für den Online-Manager entwickelt, betreibt nun die Website und ist darüber hinaus beim TCF für die Pressearbeit zuständig. Aus einer Bierlaune heraus kam ihm und seinen beiden Partnern Peter Schäfer und Gerrit Kremer 2014 die Idee, ihr damaliges Lieblings-Computerspiel „Anstoß 3“ in die Realität umzusetzen – auch, wenn der Gedanke, die Geschicke des Vereins den Fans zu überlassen, nicht komplett neu ist: Fortuna Köln hatte vor neun Jahren als Regionalligaklub den gleichen Plan, auch Ebsfleet United aus der fünften englischen Liga hat sich zwischen 2007 und 2010 an einem solchen Projekt versucht.

© Saron Duchardt Initiator des Online-Managers: Peter Wingen hat sich das Projekt mit zwei Freunden ausgedacht – und setzt es beim TC Freisenbruch um.

Aber entweder scheiterten die Vereine an den damals noch eingeschränkten technischen Möglichkeiten und einem mit der Zeit stark einbrechenden User-Interesse – oder sie wollten, wie im Fall der Fortuna, die Macht nicht ganz an die zwischenzeitlich mehr als 12000 Manager abgeben und ließen doch den Trainer über die Aufstellung entscheiden.

Die drei Fußballfans aus Essen wollten aus diesen Erfahrungen lernen und arbeiteten knapp zwei Jahre an ihrem Konzept, bevor sie es dem TC Freisenbruch vorstellten. Der Klub war zuvor aus der Bezirksliga in die B-Liga abgestürzt, stand sportlich wie finanziell am Abgrund und gerade junge Spieler schlossen sich lieber Vereinen mit Rasen- oder Kunstrasenplätzen an. 99 Prozent der Mitglieder stimmten der geplanten Fußball-Revolution zu. Wingen und seine beiden Partner handelten über ihre schon zuvor gegründete Agentur einen Vertrag über zehn Jahre mit dem Klub aus, durch den die erste Mannschaft aus dem Verein aus- und in die Agentur eingegliedert wird – ähnlich wie bei vielen Profiklubs. Ein notwendiger Schritt, weil der TCF ansonsten durch das gewinnorientierte Prinzip des Online-Managers seine Gemeinnützigkeit verloren hätte.

© Saron Duchardt, F.A.Z. / Andreas Bayer Welche Erfahrungen haben der Trainer und die Spieler des TC Freisenbruch bislang mit dem Projekt gemacht?

Während in der Bundesliga die Fans jedoch häufig nicht einmal mehr beim Training zusehen dürfen, können die Freisenbruch-Anhänger nun theoretisch sogar darüber entscheiden, wann und wie lange die Spieler ihre Übungseinheiten absolvieren sollen. „Uns ist allerdings wichtig, dass nur über Dinge abgestimmt werden kann, die wir auch wirklich realisieren können“, sagt Wingen. Den Torhüter als Stürmer einsetzen? Die Mannschaft ins Trainingslager nach Dubai schicken? Bayern-Stürmer Robert Lewandowski ein Millionenangebot unterbreiten? Abstruse Träumereien haben im Freisenbrucher Projekt keinen Platz – dafür sorgen die Empfehlungen der Verantwortlichen, die passend zu jeder Abstimmung veröffentlicht werden und ihnen einen finanziellen oder taktischen Rahmen geben. Bislang sei noch kein Voting vollends aus dem Ruder gelaufen, erklärt Wingen und sieht den Grund darin vor allem in der Vielfalt der fast 500 zahlenden User: Vom gewissenhaften Pensionär aus der unmittelbaren Nachbarschaft, der bei allen Spielen und Trainingseinheiten dabei ist und sich vor den Abstimmungen mit seinen Ko-Managern austauscht; über Fußballpuristen aus Österreich, Amerika oder gar Neuseeland, die noch nie ein Spiel des TC Freisenbruch live gesehen haben, aber das Projekt spannend finden, bis hin zu Anhängern und Verantwortlichen der direkten Konkurrenz, die versuchen, Aufstellungen zu sabotieren oder Vereinsinterna herauszubekommen, gibt es beim TCF so gut wie jede Art von Online-Manager.

© Saron Duchardt Fußballtradition trifft auf Ruhrpottromantik: In Freisenbruch kommen Fans voll auf ihre Kosten.

Ob das Freisenbrucher Projekt wirklich eine Zukunft im realen Fußballgeschäft hat, tatsächlich zum Erfolg führt und womöglich auch andere Vereine auf das Modell aufmerksam werden, wird sich wohl frühestens in der kommenden Saison zeigen. Denn, dass die Mannschaft die B-Liga in diesem Jahr vor allem wegen der Entscheidungen der Online-Community derart dominiert hat, glaubt beim TCF niemand. „Natürlich sind wir gespannt, wie es sich auf das Abstimmungsverhalten auswirkt, wenn die Truppe dreimal in Folge verliert“, sagt Wingen. Doch, während die meisten Spieler bereits die Zusage der User für die kommende Spielzeit erhalten haben, hat der Trainer seinen Abschied zum Saisonende angekündigt. Mit dem Aufstieg vor Augen wollte Mike Möllensiep schon in der Winterpause mit dem Verein über die Zukunft reden – allerdings war die Abstimmung über seine Weiterbeschäftigung und mögliche Transfers erst für Anfang April vorgesehen. Zu spät für Möllensiep: „Der Verein konnte mir zu dem Zeitpunkt keine Sicherheit geben. Da habe ich realisiert, dass ich gerne wieder ein Trainer sein möchte, der selbst darüber entscheiden kann, wie seine Mannschaft aufläuft.“

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 25.04.2017 09:13 Uhr