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WM-2006-Affäre : Mehr Distanz zum Kaiser

Redet viel, sagt wenig: Franz Beckenbauer bringt kein Licht ins Dunkel Bild: dpa

Jahrelang spielten die Deutschen im Fußball den Moralapostel. Doch im Zuge der Affäre um die WM-2006-Vergabe gibt es beim DFB derzeit niemanden, der sich von Franz Beckenbauer distanziert. Dabei wäre das dringend nötig.

          Jahrelang haben sich die Deutschen im Fußball als Moralapostel aufgespielt. Sie forderten Rücktritte, prangerten WM-Korruption an und erhoben den Zeigefinger gegen unsaubere Geschäfte – aber nur bei den anderen. Währenddessen sorgte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Rahmen seiner eigenen Weltmeisterschaft 2006 nicht nur dafür, dass der zwielichtige und inzwischen gesperrte ehemalige Fifa-Präsident Joseph Blatter Ehrenmitglied ihrer Organisation wurde, sondern dazu noch das Bundesverdienstkreuz der Republik verliehen bekam.

          Derweil saß Franz Beckenbauer vier Jahre bis 2011 im höchsten Gremium des Weltverbandes. Wie jeder heute weiß, einer dubiosen Männerrunde, in der zu dieser Zeit hochbestechliche Figuren ihrer Geldgier freien Lauf ließen und WM-Turniere sehr wahrscheinlich zur Handelsware korrupter Funktionäre verkamen.

          Die Wahrheit kommt nur scheibchenweise

          Wie schwer die Aufarbeitung der damaligen Verhältnisse ist, ließ sich am Freitag bei der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts der Kanzlei Freshfields erfahren. Die externen Anwälte stießen bei ihren Nachforschungen immer wieder auf eine Mauer des Schweigens. Nicht alle Befragten wollten mitarbeiten, und auch Franz Beckenbauer scheint nur Teile der Wahrheit scheibchenweise vorbringen zu wollen. Wenn überhaupt. Dabei steht er weiterhin im Zentrum der Machenschaften – mit seiner obskuren Geschichte zur 6,7-Millionen-Euro-Zahlung und den windigen Konstruktionen über seine Konten Richtung Qatar.

          Wenn Beckenbauer jetzt nicht den großen Schritt in die Öffentlichkeit macht, wird weiter spekuliert werden. Zu Recht. Das hat sich auch nach seinen Äußerungen in der „Bild am Sonntag“ nicht geändert. Man fragt sich, weshalb er nicht endlich alle Vorgänge mutig offenlegt. Es scheint für ihn keine Option zu sein. Dabei hätte der deutsche Fußball-Kaiser doch auf seiner Seite, dass damals eine andere Zeit war. Was heute anrüchig ist, galt vor 15 oder 20 Jahren in einigen Fällen als grenzwertiges Geschäftsgebaren. Was möchte Beckenbauer also in Zukunft? Wird es ihm reichen, als „Botschafter“ der russischen Gaswirtschaft mit Blatter und Platini von Putin als Gast zur Weltmeisterschaft 2018 nach Russland eingeladen zu werden?

          Fest steht: Beim Deutschen Fußball-Bund gibt es derzeit niemanden, der Beckenbauer vom Sockel stoßen würde. Niemand will mit dem Sturz der deutschen Fußball-Ikone persönlich verbunden sein. Das zeigt die Problematik eines engen Zirkels - und nicht vorhandener Ethikgremien. Dabei wäre jetzt zur Vertrauensbildung gefordert, dass sich der DFB von seinem Ehrenmitglied Beckenbauer distanziert. Auch der frühere Kanzler Helmut Kohl verlor über die CDU-Spendenaffäre im Jahr 2000 seinen Ehrenvorsitz in der Partei.

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          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

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