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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Beckenbauers Vorstopper Hartleibig und herzensgut: „Katsche“ wird 60

 ·  Weltmeister wird man in der Abwehr, und der klassische deutsche Aufräumer leistete 1974 ganze Arbeit: Vorstopper Hans-Georg Schwarzenbeck. Heute wird „Katsche“ 60 Jahre alt. Er wird den Ehrentag ab sechs Uhr in seinem Schreibwarenladen verbringen.

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Dreimal war Deutschland Weltmeister, und Weltmeister wird man in der Abwehr. 1954 räumte dort Werner Liebrich auf, man nannte das Mittelläufer. 1990 tat das Jürgen Kohler, da hieß die Position schon Innenverteidiger. Der wahre, der klassische deutsche Ab- und Aufräumer aber leistete seine Arbeit 1974. Das war Hans-Georg Schwarzenbeck, der ohne erklärbaren Grund seit seiner Jugend „Katsche“ genannt wurde. Seine Position hieß Vorstopper. Oder Ausputzer.

Die Rückennummer dieser Rollenbesetzung inspirierte das Publikum zu dem Reim: „Er ist kein Mensch, er ist kein Tier, er ist die Nummer vier.“ Diesen Donnerstag wird Schwarzenbeck sechzig Jahre alt. Es wird ein arbeitsreicher Tag wie jeder andere in der Ohlmüllerstraße 9 in der Münchner Au. Die ersten Pendler holen ihre Zeitung in Schwarzenbecks Schreibwarenladen schon um sechs Uhr ab. Später kommen die Schulkinder, um bei ihm Hefte und Kaugummi zu kaufen. Und dann die Rentner mit den Lottozetteln.

Blindes Verständnis mit dem großen Franz

Es ist ein kleines Glück, ein Leben fern dem Glamour des Mannes, mit dem Schwarzenbeck eine einmalige Symbiose eingegangen war, in der besten Zeit des deutschen Fußballs. Er war der, der sich mit „dem Franz“ blind verstand. Er war die treue Seele, die der große Libero brauchte für seine Freiheit. 15 Jahre Vorstopper, immer bei den Bayern, denen er noch heute zweimal in der Woche den Bürobedarf in die Säbener Straße liefert (und bei denen seine Tochter heute in der Rechtsabteilung arbeitet). Immer im Schatten von Beckenbauer, immer neidlos: „Wir haben doch alle vom Franz profitiert.“ In der besten deutschen Nationalelf in hundert Jahren war er der Stopper, obwohl es starke Konkurrenten gab, den Schalker Rüssmann, den Frankfurter Körbel. Doch Schwarzenbeck hatte Beckenbauer.

„Der vielleicht bescheidenste Nationalspieler, den der deutsche Fußball je hatte“, so nannte ihn der „Kicker“. Dabei war Schwarzenbeck nicht nur der „Putzer des Kaisers“. Er war ein einmalig erfolgreicher Sammler von Titeln. Schon mit 19, in seinem ersten Spiel als Profi, gab er Uwe Seeler keine Chance und wurde Pokalsieger, so wie zwei weitere Male; er war Weltmeister, Europameister, EM-Zweiter, viermal Europapokalsieger, Weltpokalsieger, fünfmal deutscher Meister. Seine Sammlung stellt alle in den Schatten; außer vielleicht Beckenbauer, der nie in irgendeines Schatten war.

„Der Ball is' zwischen alle durch, und dann war er drin“

Aber von den beiden ungleichen waschechten Münchnern war es nicht Beckenbauer, sondern Schwarzenbeck, der das wichtigste aller Münchner Tore schoss; und das größte aller Ausputzer-Tore. Heute braucht ein Verteidiger Balltechnik wie ein Mittelfeldmann, muss passen und schießen können, weil er es ist, der den Spielaufbau betreibt. Damals taten das die Spielmacher (oder die Liberos), weil sie noch Platz dazu hatten. Und wenn ein Vorstopper über die Mittellinie ging und ausholte, weil er sonst nichts wusste, dann johlte das Publikum, es erwartete den klassischen Stopper-Schuss: knallhart und meilenweit drüber.

Als Schwarzenbeck am Abend des 15. Mai 1974 im Brüsseler Heysel-Stadion ausholte, war es die 120. Minute im Finale des Europapokals der Landesmeister, die Bayern lagen 0:1 hinten gegen Atlético Madrid, und auch Beckenbauer fiel nichts mehr ein. Er schob den Ball zu Schwarzenbeck, 25 Meter vor dem Tor (in späteren Darstellungen, die nie von ihm selbst sind, ist daraus ein Solo über den halben Platz und ein Schuss aus mindestens 40 Metern geworden). Schwarzenbeck holte aus – und flach schlug es ein im linken Eck.

„Eckig wie eine leer gegessene Pralinenschachtel“

Wolf Wondratschek schrieb später ein „Gedicht für Georg Schwarzenbeck“, in dem hieß es: „Merkwürdig, dass so einer, eckig wie eine leer gegessene Pralinenschachtel, etwas trifft, das rund ist.“ Die Wiederholung der Partie war ein Kinderspiel, die Bayern besiegten die demoralisierten Spanier 4:0. Es war der erste deutsche Gewinn der wichtigsten europäischen Trophäe; der erste von einem Bayern-Hattrick. Alles wegen Katsche, alles wegen diesem einen Tor, das er nun sein Leben lang allen erzählen muss.

Wenn er es tut, dann braucht es höchstens einen Satz: „Der Ball is’ zwischen alle durch, und dann war er drin.“ Weil kurz nach seinem Treffer im Stadion das Licht ausgefallen war, entstand eine Münchner Redensart, die man spricht, wenn eine Glühbirne durchbrennt: „Hat der Katsche wieda d’Liachta ausgschossn.“ Der Mann mit der gewaltigen Nase, der erst die Buchdruckerlehre abschloss, ehe er für monatlich 250 Mark plus Prämien bei den Bayern anfing und der nach 15 Bayern-Jahren den Laden seiner Tanten übernahm, gewann große Popularität. Denn er war so, wie einer sein muss, auf den man sich verlassen kann: hartleibig und herzensgut.

Sogar zum Schauspieler taugte der Stopper. Er war der Briefträger in „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“ (1979). May Spils, die Regisseurin dieser Komödie, hatte zuvor einen frivolen Filmerfolg gefeiert, an dem er leider noch nicht mitwirkte. Dabei klang der Filmtitel wie die Quintessenz der Vorstopperkarriere von Hans-Georg Katsche Schwarzenbeck, dem Mann, bei dem ballverliebte Mittelstürmer nichts zu lachen hatten: „Nicht fummeln, Liebling“.

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