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Beckenbauer zum 60. Magier unter der Sonne

09.09.2005 ·  Franz Beckenbauer wird ein „Sechziger“ und formuliert seine eigene Relativitätstheorie. Seine Geburtstagswünsche: Den von ihm bewunderten Papst Benedikt XVI. kennenlernen und „daß sich die Menschen nicht so wichtig nehmen“.

Von Roland Zorn
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Auf seinem Gedankenflug durch Zeit und Raum steuert Franz Beckenbauer auf die Sonne zu. Das paßt zu einem hellichten Tag, der ein Postkartenidyll von oben strahlend ausleuchtet. Der milde „Kaiser“ hält hof mit dem Wilden Kaiser im Rücken - so sieht das Szenenbild aus in Beckenbauers Lieblingshotel unweit seines Tiroler Bauernhofs in Oberndorf bei Kitzbühel. Hier in Going zieht der Alleskönner des Fußballs kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag am Sonntag Zwischenbilanz und schaut schon wieder nach vorn oder nach oben: zur Sonne, zum Licht.

„Unser Sonnensystem ist nur eines von Millionen. Mit einer Geschwindigkeit von 900.000 Stundenkilometern sausen wir durchs Weltall. Unvorstellbar. Ein Phänomen. Wir auf der Erde sind von oben überhaupt nicht sichtbar. Uns gibt's ja gar nicht. Und da meinen viele, sie hätten die Welt erfunden. Dabei sind wir alle gleich, Brüder und Schwestern aus dem göttlichen Staub.“

„Ich wäre gern Physiker geworden

Beckenbauer, dem die Welt des Fußballs zu Füßen liegt, ist sich der Relativität seiner kosmischen Bedeutung wohl bewußt. Und so staunt er über den blauen Planeten, der nur ein winziger Punkt im Samtschwarz des Alls ist, und sagt Sätze wie: „Hätte ich die Möglichkeit gehabt, ich wäre gern Physiker geworden.“

Bildergalerie: Franz Beckenbauer zum 60.

Den Astrophysiker Franz Beckenbauer hat die Menschheit nicht kennengelernt, wohl aber den charismatischen Fußballprofi mit galaktischem Talent. In kurzen Hosen und als Kapitän des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München sowie der Nationalmannschaft hat der Filius eines Giesinger Oberpostsekretärs seine Welt mit einer Leichtigkeit erobert, die deutschen Balltretern vorher und nachher fremd war.

Daß er nach der trophäengesäumten Zeit mit fünf deutschen Meisterschaften und vier Europapokalsiegen sowie den Triumphen als Europameister 1972 und Weltmeister 1974 in seiner zweiten Karriere als Teamchef genauso erfolgreich war und die Nationalelf 1990 in Rom zum WM-Titel führte, schien seine Laufbahn schon gekrönt zu haben. Dann aber setzte der Weltmann Beckenbauer noch einen drauf, ließ sich 1994 zum Präsidenten seines FC Bayern wählen, den er als seine „Lebensgrundlage“ bezeichnet, und 1998 an die Spitze des deutschen Bewerbungskomitees für die Weltmeisterschaftsendrunde 2006 berufen.

„Jetzt bin ich auch noch ein Sechziger“

Von dort aus glückte ihm, wie er selbst sagt, der größte Erfolg, als er die WM im Juli 2000 tatsächlich nach Deutschland holte. Wo es etwas für ihn, seine Mannschaften und sein Land zu gewinnen gab im großen, globalen Fußball, war Beckenbauer, so etwas wie der deutsche „Kaiser Midas“ des Fußballs, immer dabei. „Wenn du als Schüler und Jugendlicher besser bist als die anderen, wirst du nach vorn geschoben“, erinnert sich der Meister ohne belehrende Attitüde an seine Anfänge auf dem Fußballplatz, „und das ist so geblieben. Verantwortung zu übernehmen war mir nie fremd.“ Aus dem deutschen Jahrhunderttalent, das als Aktiver zum Aufbrausen neigte, als Trainer seiner Ungeduld nicht immer Herr wurde und als Fußballfachmann nicht regelmäßig zum wohlbedachten Wort neigte, ist längst ein Gentleman geworden, der sich seine Neugier und seine Freude an der täglichen Arbeit nicht nehmen läßt.

„Du mußt genießen, was du tust“, sagt der mit fernöstlicher Philosophie vertraute „Konfuzianer“, „der Mensch ist geboren, um zu arbeiten und danach die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Was ich mache, tue ich mit Freude. Gibt's was Schöneres, als abends ein Glaserl Wein zu trinken, eine Zigarre zu rauchen und auf einen erfolgreichen Tag zurückzublicken?“

An seinem 60. Geburtstag ist der fleißige Lebensgenießer, wie an über 300 Tagen dieses Jahres, auch in offizieller Mission unterwegs - als Präsident des deutschen WM-OK beim Kongreß des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) in Marrakesch. „Der Fifa-Kongreß kommt mir sehr gelegen“, sagt Beckenbauer über den Trip nach Marokko. Denn was in seinen grünen Augen vor zehn Jahren noch „ein kleines Familienfest mit 1300, 1400 Leuten“ war, wäre diesmal zu einer Party für weit über 2000 Gäste angeschwollen. „Und noch mal so viele vergißt du dann“, sagt die dieser Tage allseits und auf allen Fernsehkanälen geehrte deutsche Sportikone. Daß er den Empfängen ihm zu Ehren (“Jetzt bin ich auch noch ein Sechziger“) nicht ganz entgehen kann, weiß er. Und so bitten kommende Woche der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude und der FC Bayern den Jubilar zu sich. „Wenn's schon sein muß, dann macht man das halt“, sagt Beckenbauer lapidar.

„Mit 60 menschlicher, rücksichtsvoller, geduldiger“

Der Mann, der mit seiner eleganten Ballkunst die Massen unterhalten hat, ist inzwischen auch als etwas anderer Sportpolitiker derart versiert, daß er sich gut vorstellen kann, 2007 einen neuen Olymp zu besteigen und damit die Präsidentschaft in der Europäischen Fußball-Union vom allmählich amtsmüden Schweden Lennart Johansson zu übernehmen. „Du wirst a bissel diplomatischer“, beschreibt der zum Sarkasmus neigende Beckenbauer seine Wandlung vom einst rasch in Wallung zu bringenden Antifunktionär hin zu einem autonomen Machtfaktor im System der Verbände, „irgendwann mußt du ja dazulernen. Es ist ganz normal, daß du mit 60 menschlicher, rücksichtsvoller, geduldiger wirst.“

Nicht wenige sehen in ihm längst eine nationale Legende, deren Bekanntheitsgrad auf diesem Planeten von keinem anderen Deutschen auch nur annähernd erreicht wird. Der aus kleinen Verhältnissen über die Lebensschule Fußball in die Elite aufgestiegene und doch über all die Jahre erdverbunden gebliebene Münchner nützt indes die Gelegenheit, seinen schieren Bewunderern die wahren Verhältnisse vor Augen zu führen: „Sicher ist mir mit dem Fußball und der Organisation der vor uns liegenden Weltmeisterschaft einiges gelungen, aber das ist kein Grund, aus mir etwas Besonderes zu machen.“

„Je mehr wir unter Druck standen, desto ruhiger bin ich“

Wer „den Franz“ ab und zu so erleben möchte, wie ihn alle Welt kennengelernt hat - also auch mal grantelnd, zürnend und ohne Verständnis für so manche Entscheidung seiner Nachfahren -, muß nur genau hinhören, wenn der „Kaiser“ im ZDF als Analytiker der Spiele der deutschen Nationalmannschaft gefragt ist. Mag sein, daß er nicht mehr so drauflospoltert wie einst als damals noch mächtiger Präsident des FC Bayern - und doch ärgert er sich beim Fußball noch immer mehr oder zumindest erkennbarer als an den anderen Schauplätzen seines multilateralen Wirkens. Daß Bundestrainer Jürgen Klinsmann noch immer nicht entschieden hat, wer nun bei der WM im kommenden Jahr im Tor steht, „regt nicht nur mich, sondern einen jeden auf“, sagt Beckenbauer. Wenn er sich mit nun fast Sechzig echauffiert, dann immer noch so temperamentvoll und vital wie früher. So viel ist diesem Mann voller ausbalancierter Widersprüche nämlich stets bewußt: Geht es in Deutschland um seine Kernkompetenz Fußball, bleibt er auf Lebenszeit die erste, letzte und höchste Instanz.

Das genau ist das Metier, in dem ihm niemand etwas vormacht, in dem die von seiner geliebten und verehrten, inzwischen 92 Jahre alten Mama Antonie ererbte Gutmütigkeit an Grenzen stößt. Sonst jedoch gehört Beckenbauer zu den wenigen Menschen, die weitgehend streßresistent scheinen. Wenn um ihn herum seine Kollegen vom OK immer nervöser zu werden drohen, bleibt der Chef gelassen. „So war ich schon als Spieler“, sagt er, „je mehr wir unter Druck standen, desto ruhiger bin ich geworden.“ Urlaub, Entspannung im Nichtstun, das ist nichts für den Genscher der Neuzeit, der stets unterwegs ist - demnächst auf Visite bei allen 32 WM-Teilnehmern - und sein gebannt lauschendes Publikum bei seinen rhetorischen Ausflügen in die eigene Vergangenheit quasi mitnimmt.

„Die Seele bleibt“

Der Perfektionist, dem sein früherer Manager Robert Schwan das Lebensmotto „Du mußt früher kommen und später gehen als andere“ vorgegeben hat, regeneriert in Windeseile, wenn er erst wieder in sein Retiro in den Kitzbüheler Bergen zurückgekehrt ist. „Hier“, sagt er unter dem felsigen Massiv des 2.400 Meter hohen Wilden Kaisers, „fühle ich mich sauwohl, hier ist mein Zuhause“, das der Vater von fünf Kindern nach zwei gescheiterten Ehen mit seiner Lebensgefährtin Heidrun Burmester und seinen zwei Sprößlingen Joel Maximilian und Francesca Antonie teilt.

Der vom Extraterrestrischen und Übersinnlichen angezogene Magier des Fußballs, der an ein Leben nach dem Tod glaubt (“Die Seele bleibt“), ruht inzwischen in sich und glaubt sich doch kaum selbst zu kennen - wofür er eines Tages möglicherweise astrologische Hilfe in Anspruch nähme. „Ein guter Mensch“ will er am Ende seiner Tage gewesen sein; auf einem guten Weg dorthin scheint er allemal. Fürs erste aber hat der Mann, der alle Welt kennt, dessen Nähe jedermann sucht, die Bitte, „daß sich die Menschen nicht so wichtig nehmen. Das gilt für uns Sportler sowieso, denn wir sind ja nur Beiwerk. Das gilt aber auch für die Politiker und die Bosse aus der Wirtschaft.“ Der volksnahe „Kaiser“ mit der distanzierten Haltung des Souveräns und der manchmal jugendlich-naiven Neugier des Nimmermüden hat einen Geburtstagswunsch geäußert: Franz Beckenbauer möchte den von ihm bewunderten Papst Benedikt XVI. kennenlernen. „Wir sind Bayern, wir sind seelenverwandt“, sagt er, „käme da mal ein Treffen zustande, würde ich mich erstmals in meinem Leben vorbereiten.“

Quelle: F.A.Z. vom 10. September 2005
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