Die Sonne war gerade hinter dem pompösen Gelände der "Aspire Academy for Sports Excellence" untergegangen, als der FC Bayern seine dritte Trainingseinheit in Doha beendete. Die Spieler tapsten durch die lauwarme Nacht zurück in ihr nobles "Grand Heritage Hotel", einige schnauften hörbar, denn Trainer Jupp Heynckes hatte zuvor zu einer laufintensiven Einheit gebeten. Einem aber waren die Strapazen nicht so anzumerken wie dem Rest, und es verwunderte schon etwas, warum ausgerechnet diesem Profi weniger Schweißperlen auf der Stirn standen. Es handelte sich um Breno.
Breno Vinicius Rodrigues Borges, mittlerweile 22 Jahre alt, hat selten auf dem Platz überzeugt, seit er sich im Winter 2007 dem FC Bayern angeschlossen hat. Seine Karriere wurde von Verletzungen, Formtiefs und nicht zuletzt dem rätselhaften Brand seiner Villa im Herbst vergangenen Jahres überschattet. Nur mit einer Sondererlaubnis wurden vor diesem Trainingslager die Kautionsauflagen gelockert, damit er überhaupt mit seinem Klub an den Persischen Golf reisen durfte. Schon oft wurde bei Breno der große Neuanfang deklariert, diesmal aber ist es seine letzte Chance, endlich Fuß zu fassen. Im Sommer endet sein Vertrag.
Breno ist fit, sagen alle, von Heynckes bis zu den Bayern-Bossen. Breno wirkt fit, sagen die Beobachter der Trainingseinheiten in Doha. Als er einst vom FC São Paulo wechselte, stutzten die Kiebitze beim Anblick dieses Ungetüms, das so wuchtig daherkam, dass man nachvollziehen konnte, warum Real Madrid auf einen Alterstest bestanden hatte, bevor man ein ernsthaftes Angebot einreichen würde. Die Münchner verzichteten auf so eine Maßnahme, vertrauten darauf, dass der junge Mann tatsächlich 18 Jahre zählte, blätterten 12,3 Millionen Euro für ihn hin - und seitdem fragt man sich, ob der Brasilianer das Geld wirklich wert war.
Angeblich nie abgeschrieben
Breno war oft verletzt, und war er einmal unversehrt, wirkte er dennoch eher stämmig und nicht richtig austrainiert. Seinen letzten Neustart geht er nun aber auf Spinnenbeinen an, die fast an die des Schlaks Thomas Müller erinnern. Er dürfe derzeit nicht über einen Gully gehen, sonst falle er hinein, witzelt Heynckes. So weit ist es noch nicht, und dennoch war der Abwehrspieler noch nie so rank und schlank wie in diesen Tagen.
Abgeschrieben, behaupten die Bayern, haben sie den Innenverteidiger noch nicht. Er blühe auf, berichtet Heynckes, der sich fest vorgenommen hat, das ewige Sorgenkind ans Licht zu führen: "Unter meiner Regie kann er es schaffen, Top-Niveau zu erreichen, denn ich weiß, wie südamerikanische Seelen ticken. So einen Spieler musst du bei der Hand nehmen, ihn führen, mit ihm kommunizieren." Besondere Fürsorge hat der Brasilianer in München bisher tatsächlich eher selten genossen, sagt auch Christian Nerlinger. "Bei ihm gab es immer wieder Enttäuschungen", erinnert sich der Sportdirektor, "so etwas erschwert eine Integration, das ist doch verständlich. Jetzt sieht es gut aus."
Er habe den Eindruck, Breno nehme die Herausforderung an. "Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem er kämpfen muss - und auch kämpfen kann." Heynckes will nicht einmal ausschließen, die Zusammenarbeit zu verlängern: "Warum nicht?"
Doch sollte sich bis zum Sommer nicht noch die große Trendwende einstellen, wird der Brasilianer am Ende eher in einer anderen Aufreihung in Erinnerung bleiben, nämlich als letztes Glied der Kette von Mazinho, Bernardo, Adolfo Valencia, Roque Santa Cruz, Paolo Guerrero, Martin Demichelis, Julio dos Santos bis Jose Ernesto Sosa. Neunmal haben die Bayern einen Südamerikaner direkt aus seiner Heimat importiert, so richtig glücklich wurden sie bei keinem. Inzwischen haben sie die Scouts aus der Region abgezogen.
Dabei hatte Breno beste Referenzen. Mit 16 Jahren wurde er in der Akademie des FC São Paulo ausgebildet, von dort stürmten Kaka, Julio Baptista oder Denilson nach Europa. In seinem ersten Profijahr in der Heimat riefen sie ihn dort "Beckenbauer". Schnell, ballsicher, variabel einsetzbar, lauteten die Attribute, die man mit ihm verband. Neben Real und den Bayern klopfte der AC Mailand an, doch die Münchner schafften es, bei Vater Claudio Borges schnell einen Stein im Brett zu haben. Bei der Vertragsunterschrift jubelte er: "Deutschland ist für uns ideal, wir mögen sogar die Kälte. Es kann nur gut werden." Ein Happy End ist in dieser Geschichte noch drin, aber die Zeit läuft ab.