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Bayern München Am finalen Nullpunkt

 ·  Stumme Vorwürfe, unweigerliche Verwerfungen - der FC Bayern München trägt nach dem Albtraum-Endspiel einen schweren Ballast: Unverkennbare interne Probleme, die der deutsche Rekordmeister mit in den Sommer nimmt.

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© dpa Viel Redebedarf: Bayern-Trainer Heynckes (im Foto links) und Robben

Es war ein tristes Gemälde, das sich abzeichnete auf der grellgrünen Leinwand der Münchner Arena; kurz vor Mitternacht an einem Abend, den man im deutschen Fußball nicht vergessen wird. Flutlicht und Fernsehkameras erlaubten kein Entkommen, sie zeigten ein Standbild der Auflösung einer Mannschaft in einzelne, erstarrte Gestalten. 120 Minuten lang war der FC Bayern ein gefühlter Gewinner - und deshalb danach ein so erschütterter Verlierer wie 13 Jahre zuvor in Barcelona. Und wieder gegen ein englisches Team: damals in der Nachspielzeit gegen Manchester United, diesmal im Elfmeterschießen gegen Chelsea.

Der erfolgreichste Fußballklub Deutschlands hat binnen nur sieben Tagen die beiden schmerzhaften Extreme darin erlebt, wie man sich im Fußball als Verlierer fühlt. Beim Pokal-Debakel gegen Dortmund war es ein Gefühl der Unterlegenheit, das sich mit selektiver Wahrnehmung wenigstens schön reden ließ. Beim Champions-League-Drama gegen Chelsea war es viel schlimmer, das Gefühl der Überlegenheit, des verschenkten Sieges - eines, gegen das keine Worte mehr halfen.

Alleine in der Niederlage

Und jeder war, wie immer in solchen Momenten, in der Niederlage allein. So wie es Arjen Robben schon in dem Moment war, in dem er den Sieg wegwarf. Die Stille vor dem Schuss, sie war eine fast gespenstische, ja ängstliche Stille: vor jenem Elfmeter, den Robben in der Verlängerung vergab. Sie wich der Leere nach der Niederlage. Einsam, wie ein vergessenes Möbelstück bei einer Haushaltsauflösung, stand Robben auf dem Rasen.

Pressestimmen: „Wahnsinn! Irre! Unfassbar!“

Am finalen Nullpunkt einer abermals titellosen Saison zeigten die Bayern-Akteure alle verschiedenen Facetten der Niedergeschlagenheit, die eine Niederlage auslösen kann. „Was soll in mir vorgehen? Da is’ nix“, sagte Thomas Müller, der es noch am lockersten nahm. Er hatte wie der große Gewinner ausgesehen, als er nach seinem 1:0 in der 83. Minute ausgewechselt wurde. Auf der Bank sah er, wie die Kollegen den verdienten Vorsprung verspielten. Aber auch in der bittersten Niederlage verlor er den Humor nicht völlig. Wie die Gemütslage sei? „Eher medium.“ Es hätte der Tag des Torschützen werden können und wurde es nicht.

Wider Willen zum Elfmeterpunkt

Oder der des Torwarts, der von Manuel Neuer, der im finalen Showdown einen Elfmeter hielt und einen verwandelte und doch am Ende nur „totale Leere“ in sich fand und ein „ganz komisches, sehr bitteres Gefühl“. Oder der Tag der Ersatzspieler. Der von Anatoli Timoschtschuk und Diego Contento, die als Notlösungen in der Abwehr ihre Sache gut machten. Oder von Ivica Olic, der in seinem Abschiedsspiel für die Bayern spät eingewechselt wurde und in der Verlängerung die Siegchance vergab. Am Ende musste er wider Willen zum Elfmeterpunkt - und verschoss.

FAZ.NET-Torvideo: Schweinsteigers Fehlschuss

Und auf die schlimmste, die schuldlose Art musste sich Franck Ribéry als Verlierer fühlen. Der beste Bayern-Spieler der Saison holte in der Verlängerung den Elfmeter heraus. Verletzt hinaushumpelnd, musste er zusehen, wie Robben, nicht sein Lieblingskollege, kläglich vergab.

“Viele von uns haben ein richtig gutes Spiel gemacht“, sagte Müller, ein Satz, der Raum für die Frage ließ: Wer nicht? Eine der möglichen Antworten fiel besonders leicht. Abgesehen von einem Flachschuss, der Torwart Cech fast überrascht hätte und von dessen Fuß abgelenkt am Lattenkreuz landete, war Robbens Darbietung miserabel: Seinen Ecken, Freistößen, Schüssen fehlte jene Präzision, die auch im Druck eines Finales einen Schuss Lockerheit benötigt.

Auch anderen fehlte diese Lockerheit, aber keiner machte so halsstarrig weiter mit wilden Schüssen und wirren Hereingaben wie Robben. Es war ein verkrampfter Tag, an dem ein weniger egoistischer Spieler den Elfmeter einem anderen überlassen hatte. Er wollte es erzwingen - es hinterließ ein zwanghaftes Gefühl bleibenden Schadens.

Taub für Trost, blind für die Hand des Bundespräsidenten

Der, den die Niederlage am härtesten traf, war Bastian Schweinsteiger. Über Müdigkeit und Krämpfe hatte er sich hinweggekämpft, sich bei Robbens Elfmeter hingehockt, nicht hingeschaut, es half nichts. Am Ende musste er wie in Madrid beim fünften und letzten Schuss im Elfmeterschießen an den Punkt, diesmal ohne gutes Ende. Als das Spiel verloren war, sackte er in sich zusammen. Der Körper verlor die Spannung, der Blick den Fokus. Es war nur die Hülle des Bastian Schweinsteiger, die beim tristen Defilee der Verliererehrung die Medaille abholte, taub für Trost, blind für die Hand des Bundespräsidenten.

“Ein Albtraum“, sagte Sportdirektor Christian Nerlinger. „Deprimierend, schlimmer nicht vorstellbar. Das ist nicht mit dem heutigen Abend abgetan.“ Jedes Spiel habe einen Einfluss auf das, was folgt - bei wohl keiner anderen Bayern-Partie schien dieser Lehrsatz des alten Trainers Louis van Gaal so deutlich angebracht. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge empfand die Niederlage sogar „noch bitterer, noch brutaler“ als die 1999 gegen Manchester. Damals vergab man nur einmal einen Vorsprung. Diesmal waren es, so Neuer, gleich „drei Matchbälle“.

Unverarbeitete Wut, interne Probleme

Und diesmal gab es erkennbar auch unverarbeitete Wut und interne Probleme, die man nicht mit Pech abhaken kann, sondern mitnehmen wird in den Sommer - und womöglich mit in die nächste Saison. Es blieb reichlich mentales Übergepäck für die kurzen Ferien und die neue Saison: die Erkenntnis der nationalen Unterlegenheit gegen Dortmund; das Gefühl der verpassten einmaligen Gelegenheit in einem Jahr, in dem man „ein Finale dahoam“ spielen durfte und das beste Team der Welt, Barcelona, vorher ausgeschieden war. Dann die stummen Vorwürfe untereinander, vor allem wohl gegen Robben. Und die unweigerlichen Verwerfungen in einem Klub, der dieses Scheitern mit dem Anspruch eines FC Bayern nur als Versagen empfinden kann.

Eine „Vizekusen“-Saison beim Rekordmeister, das schien lange undenkbar. Nun ist es wahr, drei zweite Plätze. „Ich weiß, wie das nach einigen Tagen in Deutschland gewertet wird“, sagte Heynckes. „Die zweite Saison ohne Titel, das kann keine gute Saison sein.“ Er räumte ein: „Wir müssen uns hinterfragen.“ Aber wie? „Es ist schwer in Worte zu fassen“, sagte Thomas Müller. Er schaffte es dann doch: „Fußball ist nicht alles.“

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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