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Bayern mit Pep Der lange Weg nach Barcelona

 ·  Mit der Verpflichtung Pep Guardiolas hofft der FC Bayern München, seine Vision vom funkelnden Fußball auf dem Platz endlich umzusetzen. Aber ist der Barça-Stil überhaupt kopierbar?

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© AFP Sanfter Freund von Kunst und Poesie: Pep Guardiola

Einer der Ersten, die Karl-Heinz Rummenigge nach dem Coup anriefen, war Sandro Rosell. Der Chef des FC Barcelona gratulierte dem Chef des FC Bayern - zwar noch nicht für einen sportlichen, aber für einen personellen Erfolg über den Rest von Fußball-Europa. Das Telefonat war ein Zeichen dafür, dass die Bayern den Katalanen und damit dem Gipfel der Fußballmoderne näher gekommen sind: mit der Verpflichtung von Josep Guardiola, von 2008 bis 2012 Erfolgstrainer der weltbesten Mannschaft.

Der lange Weg der Bayern nach Barcelona begann mit einer schrecklichen Reise vor vier Jahren. Vor dem Viertelfinalhinspiel der Champions League am 8. April 2009 im Camp Nou schüttelten sich zwei Männer im ersten Berufsjahr als Klubtrainer die Hände: ein blonder Schwabe und ein Katalane, dessen pechschwarzes Haupthaar langsam schütter wurde. Beide, Jürgen Klinsmann und Pep Guardiola, galten auf ihre Art als Visionäre. Doch die Bayern hatten den falschen. Er ließ Lell gegen Messi spielen. Es wurde die schlimmste Demontage des deutschen Rekordmeisters im vergangenen Jahrzehnt.

Das Beste der Bundesliga reichte nicht mehr

Visionen hatte der FC Bayern in vier Jahrzehnten an der Spitze des deutschen Fußballs und auch in seinen besten europäischen Jahren nie gebraucht. Am Anfang reichte dafür das Glück, den besten Torwart, besten Torjäger und besten Spieler, die Deutschland je hatte, in einer Elf zu haben. Wer mit Maier, Müller und Beckenbauer spielen konnte, war von allein oben. Dann, in den Achtzigern und Neunzigern, fand der Klub vor allem dank der Vermarktungskunst von Uli Hoeneß zu dauernder Dominanz. Als Erfolgsrezept reichte, so gut zu wirtschaften, dass auf Dauer die besten deutschen Spieler (und passable Ausländer) früher oder später in München landeten. Das Prinzip der Selektion der Stärksten durch Finanzkraft reichte 2001 zum Gewinn der Champions League - weil es damals keine dominante Spielidee in Europa gab.

Ein paar Jahre später gab es sie. Der funkelnde Fußball des FC Barcelona, anfänglich mit dem Namen Ronaldinho assoziiert, schien sogar unabhängig von teuren Stars zu sein, er wurde noch besser, als der neue Trainer Guardiola den Brasilianer wegschickte. Und so begann man auch in München ein Gefühl dafür zu bekommen, dass es nicht mehr ausreichte, nur das Beste der Bundesliga einzusammeln. Mit Spielern wie Ribéry oder Toni wagte man 2007 erstmals teure Einkäufe im Ausland. Noch immer fehlte eine Idee inhaltlicher Erneuerung.

Sie sollte mit Klinsmann kommen, der visionäre Ziele verkündete, berühmt gewordene Buddhas aufstellen ließ - aber fußballfachlich nicht die Anforderungen erfüllte. Die Tücke jedes Visionärs aber ist seine Fallhöhe. Denn Visionen ohne Durchblick sind Sehstörungen. So wurde der Trip nach Barcelona sein Waterloo, bei dem die Bayern von Guardiolas magischer Truppe eine Halbzeit vorgeführt wurden wie eine Schülermannschaft. Zur Pause stand es 4:0. Wenige Wochen später war Klinsmann Bayern-Geschichte. Und Barcelona endgültig die neue Messlatte.

Nachhilfe aus Dortmund

Unter Louis van Gaal, der einst in Barcelona die jungen Xavi und Iniesta ins Team geholt (und den alternden Spielmacher Guardiola aussortiert) hatte, kam ein erster Barça-Hauch an die Säbener Straße. Dort wusste der Ball seit Ankunft des Niederländers endlich, wo er hinsollte auf dem in Planquadrate eingeteilten Trainingsgeläuf. Unter Jupp Heynckes, der den eher gleichmäßig berechenbaren Takt des Van-Gaal-Fußballs um Tempowechsel und Abwehrstabilität bereicherte, kam der FC Bayern dem FC Barcelona ein Stück näher. Das geschah auch, weil man zwei Jahre lang von den Dortmundern geärgert wurde und Nachhilfe in deren Spielweise nehmen musste, die mit blitzartigem Umschalten nach Ballgewinn und sofortigem Pressing nach Ballverlust dem Barça-Vorbild mit am nächsten kommt. Inzwischen spricht Heynckes davon, dass der FC Bayern nie „einen moderneren Fußball“ gespielt habe. Und dass sein Nachfolger „die nach Barcelona beste europäische Mannschaft“ vorfinde.

Wird Guardiola in der Lage sein, das entscheidende Wort in dieser Aussage zu ändern, das Wörtchen „nach“? Also: die mit Barcelona beste Mannschaft zu formen? Oder gar: die vor Barcelona beste Mannschaft? Die Vorfreude der Fans ist so berechtigt wie die Fragen der Skeptiker. Bisher hat Guardiola nur einen einzigen Klub trainiert. Kann er nur Barça? Ist er nach dem Druck der Vollkommenheit, dem er nach vier Jahren mit vierzehn Titeln in ein Sabbat-Jahr in New York entfloh, dem Druck der Unvollkommenheit gewachsen? Dem Arbeiten mit Spielern, die nicht, wie er selbst, eine perfekte Fußballidee schon mit der Muttermilch aufgesogen haben? Und letztlich die größte Frage an den Mann, der das Barça-Patent in der Tasche haben soll: Ist Barça überhaupt kopierbar? Diese Frage könnte die aufregendste im europäischen Fußball der nächsten Jahre werden: das bayrische Barça-Experiment. Das Risiko ist überschaubar, zumindest wirtschaftlich ist der Erfolg schon so gut wie sicher. Guardiolas Verpflichtung wird den Markenwert der Bayern einen Sprung nach vorn bescheren. Man ist endgültig in der Weltliga von Barça, Real Madrid und Manchester United.

Barça-Chef Rosell hatte schon vor Guardiolas Entscheidung die Hoffnung geäußert, sein früherer Coach werde bei Verstärkungen fürs neue Team das Augenmerk „nicht auf unsere Mannschaft richten“. Deshalb dürfte Rosell erleichtert sein, dass Guardiola zu einem Klub gewechselt ist, der für solides Wirtschaften bekannt ist und nicht für das Verbrennen fremder Milliarden wie Chelsea, Paris Saint-Germain oder Manchester City. Dass Guardiola sich für München entschied, zeigt, dass Bayern und Barcelona Geistesverwandte sind, eine Allianz gegen Attacken arabischen und russischen Geldes. Rummenigge betonte, was bei beiden Klubs im Mittelpunkt stehe: „Der Fußball allein“.

Zu viel Vision, zu wenig Wille - nicht mit Sammer

Aber natürlich auch: der Erfolg. Dass Guardiola, dieser sanfte Freund der Kunst und der Poesie, das Stilistische und Puristische, Romantische und Ästhetische des Fußballs nicht so weit treibt, wie es sein früherer Satz besagt, er würde „lieber verlieren“, als seine Philosophie zu verleugnen - dafür dürfte in München ein ganz anderer Visionär sorgen. Er hatte fast dieselbe Position auf dem Spielfeld wie Guardiola und hat inzwischen auch dieselbe sparsame Frisur, steht aber für etwas ganz anderes: für Fußball als Äußerung von Wille und Führung und der Bereitschaft, alles für den Erfolg zu geben. Als neuer Sportvorstand hatte er mit der Verpflichtung des Trainers noch nichts zu tun, das war Chefsache. Doch spätestens wenn die Bayern ein wenig zu sanftmütig und schöngeistig werden sollten auf dem letzten Schritt ihres langen Weges nach Barcelona, zu viel Vision, zu wenig Wille: Spätestens dann wird Pep Guardiola Matthias Sammer kennenlernen.

Klinsmann, der gescheiterte Bayern-Visionär, nennt Sammer den „vierten Elefanten“ in diesem schwierigen Klub, nach Beckenbauer, Hoeneß und Rummenigge. Und zeigt sich skeptisch, ob das gutgeht. Wer Barça zu den Bayern bringen soll, braucht nicht nur Willensstärke und Visionen. Er braucht vor allem ein dickes Fell.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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