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Bayer Leverkusen Adler und Butt - im gesammelten Schweigen vereint

14.03.2007 ·  Leverkusener Zeitenwende im Tor: 150 Bundesligaspiele hat Hans-Jörg Butt in Serie absolviert. Dann sah er die Rote Karte. Ersatzmann René Adler brillierte und ist seitdem die Nummer 1. Auch heute (18.15 Uhr) im Uefa-Cup gegen Lens.

Von Sybille Kirschner, Leverkusen
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Früher, wenn Bayer Leverkusens Torwart Hans-Jörg Butt in seine ehemalige fußballerische Heimat Hamburg zurückkehrte, schlug ihm offene Fanfeindschaft entgegen. Grelle Pfiffe bei der Mannschaftsvorstellung, hämische „Butt-Butt-Butt“-Rufe bei jeder nicht ganz so gelungenen Aktion und die Spöttelei von Lotto King Karl. Der Barde schmetterte in seiner HSV-Hymne „Hamburg, meine Perle“ stets am lautesten die Zeile: „Wenn du aus Leverkusen kommst, lass deinen Torwart gleich zu Hause.“

Am vergangenen Sonntag war alles anders. Zum ersten Mal kehrte Hans-Jörg Butt als Reservist in die Hansestadt zurück. Die HSV-Fans ließen ihn in Ruhe, und Lotto King Karl feierte gesanglich lieber die Rückkehr von Sergej Barbarez.

Eine Rote Karte mit unvermuteten Folgen

So schnell geraten Fußballprofis in Vergessenheit. Dabei hat der Leverkusener Torwart alles dafür getan, im Gedächtnis zu bleiben. 150 Bundesligaspiele in Serie hat der 32 Jahre alte Profi für den Werksklub absolviert. Im hunderteinundfünfzigsten folgte gegen Eintracht Frankfurt ein Platzverweis.

Eine Rote Karte mit unvermuteten Folgen, denn mit der Sperre durch das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes war es für Butt nicht getan. Weil Ersatzmann René Adler bei seinem Bundesliga-Debüt „auf“ Schalke dank brillanter Paraden zum Mann des Spiels avancierte, verlängerte Trainer Michael Skibbe die Pause seines erfahrensten Torwarts. Seit jenem 1:0 schenkt Skibbe dem 22 Jahre alten Torwarttalent das Vertrauen, und dieser zahlt es ihm durch hervorragende Leistungen zurück.

René Adler spielte gar keine Rolle

Des Trainers Lobeshymnen auf den gebürtigen Leipziger geraten in diesen Tagen fast schon zur Routine. In Hamburg hielt Adler einen Elfmeter - die Krönung einer auch sonst bemerkenswerten Leistung. „René holt sich seine Perspektiven im Tor mit jedem guten Spiel“, sagt Skibbe. Dass Adler auch beim heutigen Rückspiel des Uefa-Cup-Achtelfinals gegen den RC Lens zwischen den Pfosten steht, ist längst eine Selbstverständlichkeit.

„Ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen“, hat Jörg Butt gesagt, als er von seiner Verbannung auf die Ersatzbank erfuhr. Tatsächlich hatte der frühere Nationalspieler (drei Einsätze) noch am Mittwoch vor dem Schalke-Spiel im Uefa-Cup vorzüglich gehalten. René Adler, das gibt Trainer Skibbe offen zu, spielte bis dahin in seinen Planungen überhaupt keine Rolle. Erst durch seine spektakuläre Vorstellung in der Schalker Arena rückte Adler ins Bewusstsein des Trainers.

Erst stand Benedikt Fernandez im Tor

Bis dahin hatte der Torwart als Mann der Zukunft gegolten. Dem Sachsen, der im Jahr 2000 zu Bayer kam und drei Jahre bei der Familie des Torwarttrainers Rüdiger Vollborn wohnte, wurde bei seiner Vertragsverlängerung im vergangenen Jahr (bis 2010) von den Bayer-Chefs gar ein künftiger Nummer-1-Status zugesichert. Ein Passus, der für Unbehagen sorgte, denn Adler hatte seit Anfang Mai 2006 nicht mehr gespielt.

Ein nicht entdeckter Haarriss in einer Rippe verursachte unerklärliche und nicht zu therapierende Rückenschmerzen. Die Ersten hatten seine viel versprechende Karriere schon für beendet erklärt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Im ersten Bundesligaspiel nach Butts Platzverweis gegen Frankfurt hatte noch Benedikt Fernandez im Bayer-Tor gestanden, Adlers Einsatz erschien als zu großes Risiko, er trat in der Regionalligamannschaft an.

Eine Titanplatte sicherte die Zukunft

„Ich danke meiner Familie, meiner Freundin Jule und Doktor Ludwig Seebauer“, hat René Adler dann nach seinem Debüt gesagt. Der Mediziner aus München hatte den Haarriss entdeckt und im Dezember operiert. Eine Titanplatte sicherte die Zukunft des „U-21“-Auswahltorwarts. „Ich genieße jede Minute, die ich spielen darf“, sagte Adler nach den ersten beiden Auftritten bescheiden. Seitdem sind die zwei Leverkusener Torleute im Schweigen vereint. Adler, weil er sich an den Bundesliga-Rummel erst noch gewöhnen muss. Butt, weil er Sportsmann genug ist, sich seinen Stammplatz nicht verbal, sondern im Training zurückzuerkämpfen.

Natürlich weiß der Elfmeterschütze unter den Torleuten, wie schwer das wird. Butt wird vernommen haben, dass Sportdirektor Rudi Völler seine Situation schon mit der von Frank Rost verglichen hat. Der frühere Schalker Torwart wechselte nach seiner Degradierung zum Hamburger SV und bot dort am Sonntag eine vortreffliche Leistung. Jörg Butt hat sich noch nicht von Bayer verabschiedet, aber wenn Adler gesund bleibt und weiterhin so phänomenal hält, wird ihm nichts anderes übrigbleiben.

Bayer Leverkusen - RC Lens (18.15 Uhr) Hinspiel: 1:2
Leverkusen: Adler - Castro, Callsen-Bracker, Juan, Babic - Ramelow (Schwegler), Rolfes - Schneider, Barnetta - Barbarez - Woronin (Kießling). - Trainer: Skibbe
Lens: Itandje - Barul, Coulibaly, Hilton, Tixier - Sidi Keita, Seydou Keita - Demont, Carriere, Monterrubio - Dindane. - Trainer: Gillot.
Schiedsrichter: Olegario Benquerenca (Portugal)

Quelle: F.A.Z., 14.03.2007, Nr. 62 / Seite 31
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