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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayer Leverkusen Abschied einer Ikone: Calmund hört auf

 ·  Reiner Calmund hat nach 27 Jahren bei Bayer Leverkusen seinen Rücktritt als Manager erklärt. Der 55jährige gab gesundheitliche Gründe für den Entschluß an. Sein Nachfolger wird Wolfgang Holzhäuser.

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Was nie jemand glauben mochte, hat er selbst wahr gemacht: Reiner Calmund, die Ikone des Fußball-Bundesligaklubs Bayer 04 Leverkusen, hört zum 30. Juni auf. Aus gesundheitlichen Gründen. Der für den Sport verantwortliche Geschäftsführer, 55 Jahre alt und seit Jahr und Tag mit ganzem Herzen für seinen Verein bei der Arbeit, kündigte am Dienstagnachmittag seinen Abschied an: "Ich bin nach 27 Jahren Arbeit an vorderster Front körperlich und mental nicht mehr in der Lage, die Anforderungen meines Jobs zu hundert Prozent zu erfüllen", hieß es in einer Pressemitteilung von Bayer 04.

Tatsächlich mußte der übergewichtige Manager seit längerem auf sein Herz achten, das vor allem im Dauerstreß des vorjährigen Abstiegskampfs und bei all dem Trubel um zwei verpaßte Meisterschaften sowie um den im Jahr 2001 wegen erwiesenen Kokainkonsums entlassenen Trainer Christoph Daum, nicht mehr so ruhig schlug wie es Calmunds Ärzte lieber gesehen hätten.

Holzhäuser sagt der DFL ab

Sprecher der Geschäftsführung ist ab sofort Wolfgang Holzhäuser, seit 1998 als Geschäftsführer für die Finanzen der Fußball-GmbH von Bayer 04 Leverkusen zuständig. Der 54 Jahre alte Hesse wollte eigentlich spätestens zu Beginn des kommenden Jahres auf den Posten des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) wechseln und hatte schon einen Dreijahresvertrag vorbehaltlich der Zustimmung der Bayer AG unterzeichnet. Dieses "Lebensziel", wie Holzhäuser gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte, ist ihm fürs erste aus dem Blick geraten. Bayer braucht den Mann, der an vorderster Stelle mithelfen soll, den zur Zeit notwendigen Konsolidierungskurs nach Jahren des Fußballbooms weiterzusteuern.

Wer demnächst als Nachfolger des zum 31. März 2005 aus seinem Amt scheidenden Wilfried Straub an die Spitze der DFL-Geschäftsführung treten soll, ist zur Zeit nicht absehbar. Denkbar scheint, daß Werner Hackmann, derzeit noch Ligapräsident und Vorsitzender im DFL-Aufsichtsrat, den ersten ehrenamtlichen gegen den ersten hauptamtlichen Posten in der DFL eintauscht.

"Absoluter Streßfresser"

Fürs erste stand am Dienstag Calmund im Blickpunkt, eine rheinische Type wie es sie im deutschen Profifußball, der mehr und mehr von Businessfachleuten geführt wird, so schnell nicht mehr geben wird. Der gewiefte Calmund war mit Leib und Seele Fußballmanager und blieb dabei immer ein Mann der Basis. Showallüren waren "Calli" dabei ebenso wenig fremd wie folkloristische Auftritte, etwa in vereinsinternen Karnevalssitzungen. Als Freund der Spieler bewies der umtriebige Frechener in den verschwenderischen Jahren rund um die Jahrhundertwende eine Großzügigkeit, die ihn nicht nur beim Publikum sondern auch bei den Hauptdarstellern seines Gewerbes überaus beliebt machte. "Ich habe Hochachtung vor ihm und weiß, wie schwer es ihm fällt, Bayer Leverkusen zu verlassen", sagte Holzhäuser am Dienstag über den "Dicken", mit dem er zwar in der Sache öfters über Kreuz lag, menschlich aber im großen und ganzen harmonierte.

Was Holzhäuser, der selbst weiß, was Krankheit bedeutet, "zu denken gibt", ist, daß Calmund für seine Passion Fußball "seine Gesundheit geopfert hat". Der 1,73 Meter große XXL-Manager war Bayer, und Bayer war Calmund. Dafür zahlte der "absolute Streßfresser" hohe Preise: Zwei Ehen scheiterten, bis er in der dritten Ehe sein Glück fand, die Ärzte nahmen sich seiner intensiver als erhofft an. Einmal gestand Calmund, daß er "schreckliche Angst vor dem Tod" habe.

Bayer braucht einen Fußballfachmann

Nun, da sein Verein sich von der Abstiegsnot, die 2003 vom TSV Bayer 04 Besitz ergriff, befreit hat und die Mannschaft wie schon früher wieder um die Qualifikation für die Champions League mitspielt, sah Calmund den Zeitpunkt gekommen, einen Punkt hinter sein unruhiges Leben als Markenartikel des Bayer-Konzerns zu setzen. "Er hat dem Verein zweifelsfrei seinen Stempel aufgedrückt", bekundete ihm Meinolf Sprink, der Sportbeauftragte der Bayer AG, seinen hohen Respekt.

Holzhäuser, der neue Boß im Führungszirkel der Fußball-GmbH, muß erst noch eine schlagkräftige Mannschaft um sich versammeln, um seine vielen Aufgaben angemessen lösen zu können. Calmund geht, Manager Ilja Kaenzig ist schon (zum Ligakonkurrenten Hannover 96) gegangen, Sportdirektor Jürgen Kohler soll noch gehen, um irgendwo als Trainer sein Glück zu suchen. Vor allem einen Fußballfachmann von Rang wird Holzhäuser, der gelernte Betriebswirt und frühere Ligasekretär beim Deutschen Fußball-Bund, auf jeden Fall noch finden müssen, um auf Dauer Erfolg zu haben.

"Meine erste Priorität ist wie bei Reiner Calmund der Sport", hat Holzhäuser gesagt, "doch im finanziellen Betreich müssen wir uns weiter den veränderten Bedingungen im Profibereich anpassen." Holzhäuser verspricht Kontinuität und Solidität, Tugenden, die auch unter dem Bayer-Kreuz gefragt sind. Dort werden selbst Calmunds größte Kritiker dem charismatischen Wirbelwind, der seine eigene Ordnung hatte, manchmal eine Träne nachweinen. Fußball mit Herz personifizierte Calmund. Deswegen haben die Menschen diese Seele des Vereins auch immer geliebt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2004 / Nr. 132
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