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Bastian Schweinsteiger Reifeprüfung für den kleinen Chef

 ·  Die Kapitänsbinde bekommt er wohl nicht. Aber Bastian Schweinsteiger ist dennoch in der Nationalelf-Hierarchie aufgestiegen. Er ist auf dem besten Weg, in der Fußball-Nationalmannschaft eine Hauptrolle zu übernehmen.

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Die vergangenen Monate bei Bayern München waren eine gute Übung für das, was auf Bastian Schweinsteiger in der Nationalmannschaft zukommen könnte, jetzt, da Kapitän Michael Ballack für die Weltmeisterschaft in Südafrika ausfällt. Schweinsteiger galt als ein Kandidat für das vakante Amt des Spielführers, das Bundestrainer Löw nun wohl dem Klubkameraden Philipp Lahm anvertrauen wird. Schweinsteiger wäre unterdessen ebenfalls ein geeigneter Kandidat gewesen, nicht nur wegen seiner 73 Länderspiele (Lahm hat bislang 64), sondern weil er auch auf dem Platz die Rolle von Ballack übernehmen wird - im Zentrum des Spiels.

„Auf dieser Position ist Bastian Schweinsteiger noch mehr in der Verantwortung“, erklärte Joachim Löw im Trainingslager. Der Bundestrainer hatte zwar ohnehin längst erkannt, dass der Münchner in der Mitte am wertvollsten ist, aber etwas gezögert, weil das Zusammenspiel mit Ballack womöglich nicht ganz konfliktfrei gewesen wäre. Nun kann er nicht, jetzt muss er Schweinsteiger in die Machtzentrale befördern. Als zweiten Mann in der Mitte hat sich Löw wohl auf Sami Khedira festgelegt (siehe: Sami Khedira: Stratege und Beschleuniger), zumal der mögliche Ersatzmann Christian Träsch sich auch noch verletzt hat (siehe: Malader DFB-Kader: Fluch über der Nahtstelle).

In Stuttgart gehört der Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers mit seinen 23 Jahren schon zu den Leistungsträgern, aber international ist er mit drei Länderspielen noch ein Novize. Es sei nicht alles in Stein gemeißelt, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. „Die Trainer haben in der Vorbereitung zwei, drei Systeme üben lassen.“ Für die neue Mittelfeldachse fehlte allerdings bisher der wichtigste Protagonist. Schweinsteiger stößt erst diesen Mittwoch zur Nationalmannschaft. Zum ersten Mal werden Khedira und der Münchner gegen Ungarn am Samstag zusammenspielen.

Lange zuständig für Frisur- und Modetrends

Die WM könnte Schweinsteigers große Reifeprüfung werden, die kleine in Europa, die hat er in den vergangenen Monaten bereits erfolgreich abgelegt. „Ich denke“, hatte er zu Beginn des Jahres dem Fachblatt „Kicker“ gesagt, „den Schweini gibt es nicht mehr. Ich habe mich verändert.“ Lange war er das Teenager-Idol, außerdem zuständig für Frisur- und Modetrends beim FC Bayern. Deshalb und auch wegen seiner Model-Freundin brachte er es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Lifestyle-Magazine.

Er wurde beim deutschen Sommermärchen von 2006 zusammen mit Lukas Podolski als lustige Boy Group inszeniert, schien aber lange nicht zu kapieren, dass irgendwann der Sommer und das Märchen vorbei waren, für eine große Karriere Ernsthaftigkeit gefragt ist. Das öffentliche Bild, sagt er, „war anders, als ich in Wirklichkeit war“. Aber er arbeitete auch nicht hartnäckig genug, um das Image zu korrigieren, und blieb das Talent mit mehr Tiefs als Hochs.

Gar nicht der Mann für das Spektakuläre

In dieser Saison, so hatte er sich im vergangenen Sommer vorgenommen, sollte das anders werden. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, seine Freundin ebenfalls, und sagte. „Jetzt komme ich in das Alter, in dem ich beweisen will und muss, dass ich das Zeug zum Champion habe.“ Aber vielleicht hätte es Schweinsteiger noch immer nicht zu einem Champion gebracht, wäre nicht Louis van Gaal Bayern-Trainer geworden.

Der Holländer ernannte den deutschen Nationalspieler zunächst zum dritten Kapitän und fand dann für ihn auch noch die richtige Position. Seit Schweinsteiger zusammen mit Kapitän Mark van Bommel im Zentrum wirkt, ist das Mittelfeld der Münchner kompakter, das hilft der Abwehr. Die Versetzung ist außerdem ein Glücksfall für die deutsche Nationalmannschaft.

Es hat lange gedauert, bis er dort angekommen ist, wo es aus Sicht von Sportdirektor Christian Nerlinger „in Europa wirklich keinen Besseren gibt“. Bis vor ein paar Monaten hatte Schweinsteiger als Mann für den Flügel, rechts oder links, gegolten, sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft. An den Seiten verdribbelte er sich aber häufig, weil ihm die Antrittsgeschwindigkeit fehlt. Zwar hatte ihn einst Felix Magath schon mal in der Mitte ausprobiert, später auch Ottmar Hitzfeld, aber da musste Schweinsteiger stets weiter vorne spielen, direkt hinter den Spitzen. „Ein Zehner wie Zidane oder Diego, das ist mir zu offensiv“, gibt er nun zu. „Ich bin mehr ein Sechser oder Achter.“

„Für mich hat Defensivarbeit Vorrang“

Van Gaal hat erkannt, dass Schweinsteiger nicht der Mann für das Spektakuläre ist. Dessen Qualitäten liegen eher im Strategischen. Schweinsteiger kann den Ball gut behaupten. Er hat eine glänzende Übersicht, ist der Spieler beim FC Bayern mit den meisten Ballkontakten und einer der zweikampfstärksten in der Liga. Er ist mehr unterwegs als Arjen Robben, dessen Bewegungsradius meist nur die gegnerische Spielhälfte umfasst, und läuft kaum weniger als Ivica Olic, der Marathonmann der Münchner.

„Jetzt kann ich ein Spiel mittaktieren, weil ich immer in der Nähe des Balles bin. Außen fand ich mich immer ein bisschen zu abhängig.“ Dass er nun viel seltener als früher in eine gute Schussposition kommt, nur drei Pflichttore in dieser Saison erzielte, stört ihn nicht. „Für mich hat Defensivarbeit Vorrang“, sagt er. Schweinsteiger kann das nicht oft genug betonen, denn noch immer hat er den Ruf, offensiv orientiert zu sein.

Schweinsteigers Ansehen ist in den vergangenen Monaten in der Mannschaft gestiegen, er wird nun als Führungsspieler anerkannt, vor allem, weil er nun endlich dort spiele, sagt Philipp Lahm, „wo er seine Stärken am besten einbringen kann“. Gleiches könnte er nun in der Nationalmannschaft schaffen. Schweinsteiger ist auf dem besten Weg, den letzten Schritt zu unternehmen vom sorglosen Boy-Group-Mitglied 2006 zum gereiften Führungspieler 2010.

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