06.09.2010 · Am Dienstag (20.45 Uhr) spielt die Nationalelf nach drei Monaten wieder in Deutschland. Gegen Aserbaidschan sind drei Punkte Pflicht. Im F.A.Z.-Interview spricht Bastian Schweinsteiger über die WM, Michael Ballack und einen Wechsel ins Ausland.
Mit dem 1:0 in Belgien ist der Start in die EM-Qualifikation gelungen. In Köln präsentiert sich der WM-Dritte am Dienstag gegen Aserbaidschan (20.45 Uhr / FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) erstmals seit der WM vor eigenem Publikum. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Bastian Schweinsteiger zuvor über das gewachsene Selbstbewusstsein im Nationalteam und flache Hierarchien.
Theo Zwanziger hat nach dem erfolgreichen Auftakt in die EM-Qualifikation in Belgien gesagt, er schaue so optimistisch in die Zukunft wie seit zehn Jahren nicht mehr. Teilen Sie diese Einschätzung des DFB-Präsidenten?
Ich denke schon. Wir haben eine junge Mannschaft, die aber auch schon eine gewisse Erfahrung hat. Wenn man Miro (Klose) sieht oder Philipp (Lahm), Poldi (Lukas Podolski) und mich - wir haben schon ein paar Turniere gespielt, sind aber trotzdem noch relativ jung. Die Mischung passt sehr gut, und auch die Philosophie, die der Trainer hat, passt zu den Spielern. Natürlich muss man immer noch ein paar Dinge verbessern, besonders wenn man gegen Mannschaften spielt wie die Spanier. Wir haben zweimal gegen sie verloren, weil sie doch noch ein Stück besser eingespielt sind. Aber wenn wir im nächsten Turnier wieder auf sie treffen und etwas mehr Zeit haben, uns vorzubereiten, sehe ich dem zuversichtlich entgegen. Physisch sind wir schon stärker.
Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist die Chance also gut, dass der Europameister 2012 Deutschland heißen könnte?
Es ist besser, man schaut erst einmal auf die Qualifikation. Ich habe natürlich großes Vertrauen in die Mannschaft und weiß auch, dass wir sehr gut spielen können, aber man muss es auch immer wieder abrufen. Gegen Belgien haben wir das gezeigt. Ich hatte das Gefühl, wir wussten: Okay, wir gewinnen hier, selbst wenn es knapp wird. Wir hatten es irgendwie drin, dass wir besser sind.
Wann spürt man so etwas?
Das merkt man relativ früh.
Aber nur, wenn man eine Mannschaft ist, die ein gutes Gespür für sich selbst und die eigenen Fähigkeiten entwickelt hat?
Und ein gewisses Selbstvertrauen hat. Man hat schon gespürt, die Belgier sind stark, und wenn man die einzelnen Spieler durchgeht, merkt man, dass sie besser sind als ihr Ruf. Es ist eine Qualität, dass man so ein Spiel dann 1:0 gewinnt.
War das schon eine deutsche Mannschaft, die ihr Gesicht, ihren Stil kennt und darauf vertraut?
Die Mannschaft weiß, wie sie zu spielen hat. Aber natürlich sind wir alle nicht auf dem Topniveau, das wir bei der WM hatten. Das ist jedoch normal.
Was ist von den Auftritten in Südafrika noch dagewesen, woran man sich festhalten konnte?
Du siehst schon, dass wir versuchen, schnell umzuschalten, kompakt zu stehen, den Gegnern nicht so viele Freiräume zu lassen - und dass wir auch unsere spielerische Qualität immer wieder zeigen wollen. Das haben wir getan.
Mit ein bisschen Abstand: Wie erklären Sie die rasante Entwicklung der Mannschaft während der WM?
Ich denke, dass wir einfach an Qualität gewonnen haben. Wenn man sieht, wie sich seit der EM 2004 unser Fußballstil entwickelt hat, ist das enorm. Und es ist zu sehen, dass wir sehr gute Spieler haben, die noch jung sind und Potential nach oben haben. Deswegen hat Theo Zwanziger auch gesagt, dass er zuversichtlich in die Zukunft schaut.
Aber wie war diese Steigerung bei der Weltmeisterschaft innerhalb weniger Wochen möglich?
Es ist einfach eine Qualitätssache. Natürlich hatten wir renommierte Nationen als Gegner, einzelne Spieler sind bei England, Argentinien oder Spanien vielleicht auch stärker, aber was uns stark macht, ist das Kollektiv - nicht nur die elf Spieler auf dem Platz, auch die Jungs auf der Bank haben ihre Qualität, bringen positive Stimmung ein. Das ist vielleicht der große Unterschied zu anderen Teams. Sicher wussten wir vorher auch nicht, ob alles gleich so klappen würde, weil wir viele neue Spieler dabeihatten, Aber man hat so ein Gefühl, wie alles im Training so läuft. Dass es aber dann so gut würde, hätte man nicht gedacht.
Hat das auch etwas mit veränderten Hierarchien in der Mannschaft zu tun?
Nein. Wenn Spieler ausfallen aus Verletzungsgründen oder warum auch immer, dann können andere Verantwortung tragen. Das ist normal.
Aber es hat sich doch etwas geändert. Oliver Bierhoff hat kürzlich die flachen Hierarchien gepriesen, jemand wie Sami Khedira ist in den Vordergrund gerückt. Da hat sich doch etwas bewegt?
Natürlich. Aber jeder Spieler hat Respekt vor den anderen Spielern hier. Es spielt keine Rolle, ob einer fünf Länderspiele hat oder 70. Es geht nur darum, wie du auf dem Platz spielst. Natürlich gibt es in der Kabine oder im Kreis vor dem Spiel die Erfahrenen, die mehr sagen. Aber auf dem Platz kannst du die Mannschaft auch durch gute Leistung mitziehen, wenn du erst fünf Länderspiele hast.
Wie haben Sie die Diskussionen um Michael Ballack, um die Kapitänsrolle und seine mögliche Rückkehr ins Team, wahrgenommen?
Darüber ist viel zu viel gesprochen worden. Joachim Löw hat eine Entscheidung getroffen, und die sollte man akzeptieren. Das Thema beschäftigt die Mannschaft überhaupt nicht.
Aber fast jeder in der Mannschaft hat sich positioniert - Sie selbst haben sich zum Beispiel für Ballack als Kapitän ausgesprochen. Finden Sie die Entscheidung gut?
Ich glaube, es ist nicht entscheidend, ob ich es gut finde. So, wie der Bundestrainer es entschieden hat, muss es jeder Spieler akzeptieren.
Glauben Sie, dass Michael Ballack in die Mannschaft zurückkehrt?
Er war verletzt. Ich gehe davon aus, dass er, wenn er in guter Verfassung ist, wieder bei der Nationalmannschaft sein wird.
Das Gespann mit Ihnen und Sami Khedira im zentralen Mittelfeld hat bei der WM hervorragend funktioniert. Ist es denn überhaupt vorstellbar, dass dieses Team wieder auseinandergerissen wird?
Das sind Fragen, die nicht ich beantworten muss, sondern der Bundestrainer. Es gibt hier viele Spieler, mit denen man gut zusammenspielen kann. Sami ist ein guter Spieler, das hat man gesehen, es gibt aber auch andere.
Würden Sie ein Problem sehen, wenn Sami Khedira bei Real Madrid nicht regelmäßig spielen würde?
Das weiß ich nicht. Ich habe bei Bayern auch mal gespielt, dann wieder nicht gespielt und wieder nicht - und bei der Nationalmannschaft trotzdem sehr gute Spiele gemacht. Es ist natürlich von Vorteil, wenn man immer spielt, aber es ist kein Muss. Es gibt auch andere Beispiele.
Wenn Sie Khedira und Mesut Özil in diesen Tagen erleben: Ist da der Reiz des Auslands für Sie noch einmal gestiegen?
Ich spiele bei einem der besten Vereine in Europa, der in der vergangenen Saison besser war als Real Madrid. Deswegen fühle ich mich bei den Bayern sehr wohl. Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann einmal die Auslandserfahrung machen werde. Wann - ob während der Karriere oder danach -, das wird man sehen.
Ist die Bayern-Mannschaft in dieser Zusammensetzung stark genug, den Champions-League-Titel zu gewinnen, den sie im Sommer so knapp verpasst hat?
Wir sind auf jeden Fall wieder so stark, um so erfolgreich zu spielen wie zuletzt. Es wird sicher schwieriger für uns, aber die Qualität ist da. Und man hat natürlich noch diese kleine Wut des verlorenen Finals in sich.
Sowohl Joachim Löw als auch Louis van Gaal haben wenig verändert, die Mannschaften sind praktisch gleich geblieben, das System auch. Ist das der richtige Weg?
Beide Trainer hatten Erfolg in der vergangenen Saison. Da sollte man nicht so viel ändern.