Es gab ein paar Tage im Leben von Bastian Schweinsteiger, da blickte er in den Abgrund seiner Karriere. Es war der 16. März, als ein Münchener Boulevardblatt den Nationalspieler mit dem Fußball-Wettskandal in Verbindung brachte. Es war die ungeprüfte „Breaking News“ des Tages, weil die Zeit der Hysterie angebrochen war. Drei Monate vor der Weltmeisterschaft stand der gesamte deutsche Fußball unter Generalverdacht. Nach dem Fall des Schiedsrichterbetrügers Hoyzer schien auf einmal alles Undenkbare möglich, aber was heißt möglich: Es erschien sogar wahrscheinlich.
Die neuen, hochmodernen Stadien verwandelten sich plötzlich in Sicherheitsrisiken, die Nationalmannschaft wurde nach dem 1:4 gegen Italien zu einem hoffnungslosen Trümmerhaufen, und in dieser überspannten Atmosphäre trauten es die Medien und die Öffentlichkeit einem 21 Jahre alten Fußballmillionärs-Luftikus allemal zu, sich in düsteren Wettkneipen illegal zu bereichern.
„Unverschuldet zum Schwerverbrecher“
Als die Meldung durch Deutschland geisterte und sich wie ein Geschwür ausbreitete und vervielfachte, machte sich Bastian Schweinsteiger zunächst nicht viele Sorgen. Er war ja unschuldig. Erst über Nacht wurde ihm klar, was da gerade mit ihm passierte. Sein Ruf war bedroht, und die Karriere in Deutschland hing an einem seidenen Faden. „Die Zeit war nicht so leicht für mich. Ich habe gemerkt, wie man unverschuldet zum Schwerverbrecher gemacht wird“, sagt Schweinsteiger. Auch die Familie litt darunter, Hunderte von E-Mails kamen Tag für Tag an, aus manchen sprach der Haß.
Bastian Schweinsteiger, der Juniorchef des deutschen Fußballs
Acht Monate erst liegen diese bleiernen Momente hinter Bastian Schweinsteiger und der deutschen Nationalmannschaft. Tatsächlich aber ist es eine Geschichte aus einer lange vergangenen Zeit, sie wirkt schon fast unwirklich angesichts der seitherigen Entwicklung des Münchner Nationalspielers und der DFB-Auswahl. Wenn Bastian Schweinsteiger am Mittwoch (20 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) zum letzten Länderspiel des Jahres in Nikosia auf Zypern antritt, wird er der einzige deutsche Profi sein, der alle Länderspiele des Jahres 2006 mitgemacht hat - Schweinsteiger verkörpert den Wandel und nun auch die glänzende Perspektive der DFB-Auswahl wie sonst niemand in der Nationalelf.
Schweinsteiger will an die Spitze
Schweinsteiger ist es gelungen, nach der Weltmeisterschaft endgültig zum neuen und prägenden Gesicht des deutschen Fußballs zu werden. In Sönke Wortmanns Sommermärchen fällt ihm schon eine der Hauptrollen zu, obwohl die ältere Generation mit Michael Ballack, Torsten Frings oder Bernd Schneider sportlich noch wertvollere Dienste leistete - und es war sicher auch kein Zufall, daß Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Premierenfeier die Nähe zu Schweinsteiger zur Freude der Fotografen und Kameraleute ganz besonders suchte.
Das Image von Schweinsteiger beginnt sich allmählich zu wandeln. Es scheint, als wolle er sich nach dem Wechsel seines Beraters nicht mehr nur zu einem Teil des siamesischen Fußball-Zwillings Schweini/Poldi reduzieren lassen. Die wachsende Nähe zu Oliver Kahn, der im übrigen auf denselben Berater vertraut, fällt seit den Tagen der Weltmeisterschaft immer deutlicher auf. „Kahn ist ein Leader. Einer, der das Team zusammenhält. Er hat für mich eine Vorbildfunktion. Ich schaue mir alles genau an, was er macht. Von ihm kann ich immer lernen“, sagt Schweinsteiger über den vielleicht ehrgeizigsten deutschen Profi. Die Nähe zu diesem ausgeprägten Ehrgeiz und Führungswille zeigt die Richtung an, die Schweinsteiger in den kommenden Jahren einschlagen will: Der Juniorchef will an die Spitze.
Löw: „Er hat sich etabliert“
„Obwohl er vierzig Länderspiele hat, steht er erst am Beginn seiner Karriere“, sagte Bundestrainer Joachim Löw zuletzt. Aber der Reifeprozeß ist für den Bundestrainer unübersehbar. Beim Spiel gegen Georgien hätten sich die noch jüngeren Spieler schon bei ihm angelehnt. „Auf dem Platz übernimmt er Verantwortung. Aber außerhalb des Platzes eine Führungsfigur zu sein, ist ein Prozeß, der viele Jahre dauert“, sagt der Bundestrainer. So weit sei Schweinsteiger noch nicht. „Aber er hat sich etabliert.“
In Schweinsteigers Alter, also mit etwas über 22 Jahren, hatte kein anderer der bisher knapp 850 Nationalspieler in der deutschen Fußballgeschichte so viele Einsätze vorzuweisen wie der Münchner. Selbst Lothar Matthäus, mit 150 Länderspielen noch immer der Rekordhalter, kam zu seiner Zeit erst auf dreizehn Länderspiele.
Die nächste Herausforderung
Unter Joachim Löw erzielte Schweinsteiger schon vier Tore, vier weitere Treffer bereitete er vor. Bei der Weltmeisterschaft, wo er stark begann und mit seinen Toren gegen Portugal für ein spektakuläres Ende sorgte, war er in der Scorer-Wertung (Tore und Vorlagen) auf Rang zwei. Das klingt besser, als er bei der WM manchmal war - im Halbfinale gegen Italien hatte er seinen Platz in der Anfangsformation sogar wieder verloren - dann folgte sein triumphaler Schlußauftritt.
Seine Stabilität hat Schweinsteiger vor allem in der Nationalmannschaft gefunden. Die Stärke des Teams und die offensive Spielweise haben ihm dabei geholfen: Mit 14 Siegen in 17 Spielen in diesem Jahr (nur zwei Niederlagen gegen Italien) kann das Team die beste deutsche Bilanz seit vielen, vielen Jahren vorweisen. Bei den Bayern hat es Schweinsteiger in dieser Saison zwar endlich zum Stammspieler gebracht, aber die jüngste Krise seines Klubs vermochte er nicht abzuwenden. In München gibt es trotz des 3:2 in Leverkusen noch viel zu tun. Das wird die nächste große Herausforderung für den Juniorchef des deutschen Fußballs.