22.02.2012 · Raus aus der Pfalz, rein ins Fußballglück. Trainer Heiko Vogel sorgt mit Basel für Furore. Vor dem Champions-League-Duell mit den Bayern am Mittwoch (20.45 Uhr) spricht er über Stierblut in Eimern und die Jagdstrategie der Wölfe.
Ein Winzer hätte aus Heiko Vogel ebenso gut werden können, wäre er den Traditionen der Familie und seiner pfälzischen Heimatregion gefolgt. Der Onkel hat einen Weinbaubetrieb, in dem der 36 Jahre alte gebürtige Bad Dürkheimer oft mithalf.
Sein erstes Traumziel im Fußball verpasste der Sportwissenschaftler, als eine Knöchelverletzung mit zwanzig eine Profikarriere endgültig verhinderte. Vogel schaffte es beim SV Edenkoben bis in die Regionalliga.
Als Fußballlehrer arbeitet der Pfälzer zehn Jahre in der Jugend des FC Bayern. Er betreut dort Spieler wie Philipp Lahm, Thomas Müller oder Mats Hummels. Der ehemalige Bayern-Profi Thorsten Fink nimmt ihn 2008 als Assistent mit zum FC Ingolstadt, wo der Aufstieg in die zweite Liga glückt.
Ein Jahr später werden beide überraschend das neue Trainergespann beim FC Basel. Sie werden zwei Mal Meister und holen den Schweizer Pokal. Als Fink im Oktober zum Hamburger SV wechselt, erhält Vogel den Job als Cheftrainer. Dann der Triumph: Basel wirft Manchester United aus der Champions League.
Der FC Basel ist die Sensationsmannschaft dieser Champions-League-Runde. Ihr Team hat Manchester United aus dem Wettbewerb geworfen. Wie war das eigentlich für Sie als Greenhorn, einen Welt-Trainer wie Sir Alex Ferguson so vorzuführen?
Ich habe es nie darauf reduziert, dass ich Sir Alex samt Manchester United ausgeschaltet habe. Erstens sind meine Spieler und nicht ich dafür verantwortlich gewesen. Zweitens habe ich diese Aspekte während der 90 Minuten völlig ausgeblendet und nur das Spiel elf gegen elf auf dem Platz konzentriert betrachtet.
War Ferguson eigentlich sauer?
Ich habe einiges gelernt in diesem Moment. Er hat nach dem Abpfiff sehr viel Größe gezeigt, mir gratuliert und Glück fürs Achtelfinale gewünscht. In diesem Moment war er der absolute Gentleman. Das werde ich mir merken, wenn ich mal eine ähnliche Enttäuschung zu verdauen habe.
An diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) im Achtelfinale mit Bayern-Coach Jupp Heynckes auf die nächste Trainer-Legende.
Es ist schon ein bisschen kurios, weil ich als junger Student zusammen mit einem Kommilitonen mein erstes Leistungssportpraktikum bei Jupp Heynckes absolviert habe. Das war in der Saison, als er mit Real Madrid dann die Champions League gewonnen hat.
Was konnten Sie damals aus dieser Begegnung mitnehmen?
Er hat sich wirklich um uns gekümmert, das fand ich sehr eindrücklich. Rückblickend ist das alles andere als normal gewesen. Ab diesem Zeitpunkt war Jupp Heynckes für mich eine absolute Trainerpersönlichkeit. Zu sehen, wie jemand in seiner Position so demütig sein kann, nicht abhebt, den klaren Blick für die Realität behält und sich nicht von Schulterklopfern beeinflussen lässt - das hat mir ziemlich imponiert.
Jetzt mal nicht so respektvoll - Sie wollen ja Heynckes ein Bein stellen. Wie sind die Bayern zu bezwingen?
Wir bereiten uns akribisch vor und gehen mit großem Selbstbewusstsein in beide Partien. Nur mitspielen reicht uns nicht. Wir wollen das Viertelfinale erreichen. Es war ja auch kein Glück, dass wir zu Hause gegen Manchester United gewonnen haben. Schließlich konnten wir bei denen auch schon ein Unentschieden erreichen. Und ein Jahr zuvor haben wir den direkten Vergleich mit AS Rom für uns entschieden. Wir bewegen uns seit einiger Zeit auf einem recht hohen Niveau.
Ihnen wird nicht entgangen sein, wie schleppend der FC Bayern ins neue Jahr gestartet ist.
Wir werden nicht den Fehler machen, diese vermeintlich schleppenden Partien zum Maßstab zu nehmen für die Leistungsfähigkeit der Bayern. Diese Mannschaft hat die einzigartige Möglichkeit, in dieser Saison das Champions-League-Finale im eigenen Stadion zu erreichen. Das wirkt sehr motivierend. Ich glaube, dass die Champions League bei den Bayern und auch bei den Bayern-Spielern einen hohen Stellenwert genießt. Vielleicht aber sorgt dieses Ziel auch für extremen Druck. Kann ja sein.
Ach so, hoffen Sie auf Nervenflattern der Bayern-Spieler?
Ich stecke da nicht drin, wie die Mannschaft der Bayern denkt.
Ihren Spielern müssen Sie vor diesem Vergleich nicht sagen, worum es geht.
Falsch. Natürlich muss ich nicht literweise Stierblut in Eimern in die Kabine stellen und sagen, jeder nimmt jetzt mal eine Schöpfkelle. Aber es geht darum, die optimale Motivationslage zu finden. Das ist immer eine Gratwanderung zwischen zu wenig Motivation und Übermotivation. Wir werden uns mit Akribie und Fleiß auf diese zwei Spiele vorbereiten. Wir wollen uns nicht auf die eigenen Fähigkeiten verlassen, sondern mehr. Ganz am Ende werden wir für den Erfolg beten müssen.
Was hat der Fußball mit Ihnen gemacht?
Er ist mein Lebenselixier. Ich genieße ihn.
Sie denken 24 Stunden an Fußball?
Oh nein, schrecklich. Ich möchte mein Leben nicht nur auf Fußball reduzieren. Die Gefahr wäre groß, engstirnig und borniert zu werden und nicht mehr die Dinge zu erkennen, die wichtig sind. Es gibt so viele andere Gebiete, die einen bereichern können. Dadurch erhalte ich ja auch neue Erkenntnisse für den Fußball. Ich bin halt sehr neugierig.
Um was geht es da?
Wirtschaft und Personalführung sind sehr interessant. Oder ich schaue in die Leichtathletik, die Reinform der Trainingslehre. Genauso gerne möchte ich wissen, weshalb andere Fußballlehrer erfolgreich sind. Auch die Tierwelt inspiriert mich.
Das mit den Tieren müssen Sie erklären.
Ich befasse mich gerade mit dem Wolf. Er hat viel mit dem heutigen Fußball zu tun. Obwohl jedes einzelne Tier ein von der Natur gut ausgestatteter Jäger ist, wird die Beute im Rudel erlegt. Erfolg stellt sich also nur ein, wenn die Wölfe untereinander kooperieren. Die Jagdstrategie basiert vor allem auf Ausdauer und Timing. Das lässt sich sehr gut auf eine Fußballmannschaft übertragen. In Kiplings Dschungelbuch findet man dazu eine tolle Passage, die ich der Mannschaft vorgelesen habe.
Ist das Ihre Idee vom Fußball - enge Zusammenarbeit der Spieler und Mannschaftsteile?
Erst Kooperation bringt Erfolg. Das muss man den Spielern bewusst machen. Wenn ein Stürmer das Recht hat, ein Tor zu erzielen, dann haben Torwart und Innenverteidiger das gleiche Recht auf Unterstützung, damit zu null gespielt wird. Das heißt, ich muss für den Erfolg gemeinsame Gedanken teilen.
Geht es in einer Gruppe mit Profikickern, die im Grunde Einzelunternehmer sind, nicht auch um gemeinsame Begeisterung?
Ich möchte Freude in meiner Mannschaft zulassen. Die Jungs sollen sagen, jeder Tag, an dem wir zusammen Fußball spielen, ist geil. Die moderne Bedeutung des Wortes "geil" drückt so viel aus. Ich meine das nicht hedonistisch oder als ein Gefühl der Spaßgesellschaft. Man hat so viel Freude dabei, was man am besten kann, nämlich Fußball spielen.
Alle im Profifußball reden aber über Druck.
Ja, wir müssen immer gewinnen. Okay. Ist auch ein Ansporn. Druck bringt den Menschen dazu, gewisse Dinge tun. Aber wenn ich kann, setze ich bei der Arbeit mit meiner Mannschaft mehr auf das Verständnis. Ich möchte die Spieler für meine Spielidee gewinnen. Wenn ich nur Druck ausübte, hätten wir eine Atmosphäre voller Angst und Unsicherheit. Dies führte zu einer Fehlerhäufung und wäre unproduktiv.
Gibt es bei Ihnen keinen Befehlston?
Durch die Nachwuchsleistungszentren und die hervorragende Jugendarbeit bekommen wir überall unglaublich viele technisch und taktisch gut ausgebildete Spieler - aber auch sehr mündige. Denen kann man keinen Mist erzählen. Die heutige Generation interessiert sich auch nicht dafür, was im Fußball vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren mal war. Als Trainer muss ich da eine hohe Überzeugungskraft haben. Der Spieler will wissen, warum er etwas macht. Ich bin mir nicht zu schade, deshalb auch mal meine arrivierten Spieler zu fragen. Bei allem Selbstbewusstsein weiß ich um meine nicht vorhandene Perfektion.
Während Sie einst Ihren Traum vom Profifußballer nicht verwirklichen konnten, geht es als Trainer nun steil bergauf. Ist für Sie der zuletzt rasend schnelle Aufstieg nicht auch ein bisschen wundersam?
Meine Trainerkarriere ist eine Aneinanderreihung von Chancen. Natürlich hatte ich Glück, aber auch das richtige Gefühl. Man muss ja jeweils bereit sein, den nächsten Schritt zu machen. Ich hätte ja auch jedes Mal nein sagen können. Für mich gab es immer eine Wegzweigung, an der ich mich entscheiden musste. Stand heute bin ich häufig richtig abgebogen. Und Basel ist halt der Sechser mit Zusatzzahl. Hier gibt es absolut professionelle Strukturen, darüber hinaus darf ich täglich mit sehr angenehmen und kompetenten Menschen arbeiten.
Ihr Vorgänger und ehemaliger Chef Thorsten Fink, der im Oktober vorzeitig seinen Vertrag auflöste und nach Hamburg ging, hatte als Profi 15 Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Haben Sie jemals gedacht, dass Ihnen diese Praxis fehlt?
Dafür habe ich 15 Jahre mehr Trainererfahrung. Diese zwei Berufe sind unglaublich weit voneinander entfernt und haben nur bedingt etwas miteinander zu tun.
Wie lange kalkulieren Sie für die Trainerstation in Basel ein? Was kommt danach?
Ich wäre dumm und überheblich, jetzt die nächsten Ziele für mich zu formulieren. Ich werde nicht den Fehler machen, nach oben zu wollen, aber sämtliche Sprossen der Karriereleiter auszulassen.
Basel ist mein Sechser mit Zusatzzahl
Henning Staats (tinahen)
- 22.02.2012, 17:27 Uhr
Ein unglaublich sympathischer Typ...
Ralph Isler (odysseus68)
- 22.02.2012, 13:37 Uhr
Genial!
Bernd Buerschaper (B_Buerschaper)
- 22.02.2012, 12:25 Uhr
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |