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Ballack und der DFB Schmutzige Scheidung

19.06.2011 ·  Provokationen, Anschuldigungen und Merkwürdigkeiten: Die Trennung zwischen dem DFB und Michael Ballack ist ein Beispiel für misslungene Kommunikation. Die Geschichte wird immer undurchsichtiger. Am Sonntag kontert erst Ballack, dann abermals Löw.

Von Michael Ashelm
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Die Situation ist reichlich verfahren. Aussage steht gegen Aussage. Vorwürfe stehen gegen Vorwürfe. Die Trennung zwischen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und Michael Ballack, dem langjährigen Kapitän der Nationalmannschaft, verläuft mit lautem Getöse. Und droht in einer schmutzigen Scheidung zu enden. Die Geschichte wird immer undurchsichtiger, der Fall könnte nun sogar eine überraschende Wende bekommen. Was der DFB jedenfalls am Samstag in einer ausführlichen Stellungnahme auf seiner Internetseite vermeldete, dürfte den einstigen Weltstar Ballack in arge Erklärungsnot bringen. Die Aussagen sprechen nicht eben für ihn.

Einen Tag nach der deutlichen Kritik des 34-Jährigen am angeblich „scheinheiligen” Verhalten von Bundestrainer Joachim Löw, der Ballacks Karriere in der Nationalmannschaft für beendet erklärt hatte, hat DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach am Samstag eindeutig Stellung bezogen. Der Chef der DFB-Administration bestätigte, dass Löw bereits am 30. März Ballack gesagt habe, dass er nicht mehr mit ihm plane.

„Es wurde gemeinsam - ich betone: gemeinsam - vereinbart, zunächst Stillschweigen zu bewahren, um Michael auch Zeit zu geben, nochmals in aller Ruhe nachzudenken, um dann in einem abschließenden Gespräch mit Joachim Löw festzulegen, wie die Entscheidung letztlich kommuniziert werden sollte“, sagte Niersbach. Der Bundestrainer hätte Ballack angeboten, sowohl gegen Uruguay Ende Mai als auch gegen Brasilien zu spielen, um so auf 100 Länderspiele zu kommen. Das habe Ballack aber abgelehnt, „weil ihm die Zahl nicht so wichtig war, dass er sie unter allen Umständen erreichen wollte - so jedenfalls hat er es mir vermittelt“, sagte der DFB-Generalsekretär.

Am Donnerstag wollte der DFB nicht mehr warten

Die neuen, vom Verband verbreiteten Details lassen die Protagonisten in einem anderen Licht erscheinen. Die zögerliche Haltung des Bundestrainers in dieser Affäre war zuletzt von Kritikern so gedeutet worden, dass Löw gezielt versucht habe, den ehemaligen Kapitän ins Abseits zu stellen, um ihn dann auf wenig freundliche Weise endgültig loszuwerden. Nun aber scheint es so, als habe Ballack selbst den Verband über Wochen hingehalten. Es soll abgemacht gewesen sein, dass Ballack seinen Rücktritt selbst verkünden sollte.

Nach den drei Länderspielen zum Abschluss der Saison gegen Uruguay, Österreich und Aserbaidschan Anfang Juni habe sich der Leverkusener laut Niersbach zu seiner Zukunft im Nationalteam äußern wollen. Doch gab es seither trotz einiger Versuche über Telefon und Email keinen Kontakt mehr zu ihm. Am vergangenen Donnerstag aber wollte der DFB nicht mehr warten und einen Schlusspunkt unter die verworrene Angelegenheit setzen: Löw teilte in einer schriftlichen Stellungnahme mit, dass er künftig auf seinen ehemaligen Kapitän verzichten werde. Einen Tag später warf Ballack dann dem Bundestrainer „Scheinheiligkeit“ vor und lehnte ein vom DFB angebotenes Abschiedsspiel gegen Brasilien am 10. August (20.45 Uhr / Live in der ARD und im FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) als „Farce“ ab.

Was bleibt von einem der Helden des deutschen Fußballs?

Am Sonntagnachmittag ließ Ballack über Bayer Leverkusen abermals eine Presseerklärung (siehe Kasten am Ende dieses Textes) verbreiten. „Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss“, hieß es dort. „Im Mai reifte bei mir endgültig der Entschluss, zurückzutreten. Wir vereinbarten, dass ich in der Sommerpause meinen Rücktritt selbst bekanntgeben dürfe.“ Löw Antwort ließ nicht lange aus sich warten: „Ich habe die Erklärung von Michael gelesen und kann nur wiederholen: Ich stehe weiterhin zu meinen Aussagen“, sagte der Bundestrainer am frühen Sonntagabend.

Was bleibt also von einem der Helden des deutschen Fußballs? Lange stand Ballack für absoluten Siegeswillen, für Dynamik auf dem Platz sowie für Nervenstärke. Über Jahre hinweg war er das Kraft- und Machtzentrum der Nationalmannschaft sowie der einzige Weltstar in der deutschen Elf. Er hat entscheidende Tore geschossen, hat unverdrossen gekämpft für den Erfolg des Teams. Doch enden wird seine Karriere als Kapitän und Spieler nun in einem unrühmlichen Finale aus Provokationen, Anschuldigungen und Merkwürdigkeiten. Es ist der Abgang eines wahrlich tragischen Helden.

„Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, riskiert den Heldenstatus“

„Der Spitzensport ist ein unbarmherziger Sozialbereich. Er sortiert Menschen nach Sieg und Niederlage“, sagt Karl-Heinrich Bette, Professor für Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt. Bette beschäftigt sich mit den Helden in einer modernen Gesellschaft und sieht die Sporthelden als „Götter der Neuzeit“. Michael Ballack war in diesem System fast ein Jahrzehnt lang unantastbar, bis sich im vergangenen Jahr für ihn alles änderte. Im Mai 2010 verletzte er sich im englischen Pokalfinale nach einem Tritt seines Gegenspielers Kevin Prince Boateng so schwer am Knöchel, dass er auf die Weltmeisterschaft verzichten musste. Ohne ihn drohte das Turnier für die Nationalmannschaft ein sportliches Desaster zu werden.

Doch in Südafrika begeisterte ein junges, neues Team, das seinen alten Anführer nicht mehr brauchte. Vielleicht hätte er im Nachhinein diesen Moment für einen geordneten Rückzug nutzen sollen. Aber Ballack konnte nicht loslassen. „Wer den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören verpasst, riskiert den Heldenstatus“, sagt Bette. Ballacks Comeback-Plan in Leverkusen scheiterte. Er verletzte sich wieder, es dauerte acht Monate, bis er im März sein erstes starkes Bundesligaspiel absolvierte. Ballack kämpfte, aber selbst im Verein drängte sich unter Jupp Heynckes der Eindruck auf, als wollte der Trainer den Altstar nicht mehr in der Mannschaft haben.

„Oft werden nach der Trennung die Leichen aus dem Keller geholt“

Ballack zeigte sich unbequem wie so oft in den späten Jahren seiner Karriere, als er nicht mehr nur der smarte Sonnyboy war, sondern sich auch mal dünnhäutig zeigte. Es schien, als wollte er sich gegen das Unvermeidbare stemmen - doch es war ein sinnloser Kampf. Eine Rückkehr in die Nationalmannschaft wurde von Monat zu Monat unwahrscheinlicher. Ende März erhielt er dann den entscheidenden Hinweis vom Bundestrainer, dass dieser nicht mehr mit ihm plane. Ballack scheint tief verletzt gewesen zu sein - und das ist er wohl bis heute.

Trennungen lassen sich fairer und sauberer regeln. Und es geht meist um mehr als um eine einfache Übereinkunft am Ende des gemeinsamen Weges. „Entscheidend ist der Weg dorthin, die Vorbereitung des Abgangs und auch der Umgang in der Zeit danach. Oft werden nach der Trennung die Leichen aus dem Keller geholt - und die gegenseitigen Beschädigungen gehen weiter“, sagt Andreas Schwarz, der die Akademie der Personalberatung Rundstedt leitet und Spezialist für Trennungskultur in Unternehmen ist. Wer die Trennung im Streit zwischen Löw und Ballack vor allem zu verantworten hat, bleibt abzuwarten.

In Leverkusen verbinden sie noch große Hoffnungen mit Ballack

Der Fall ist ein Beispiel für misslungene Kommunikation - von beiden Seiten. Schließlich hat auch der DFB es nicht geschafft, die heikle Personalangelegenheit in einer gewissen Harmonie abzuschließen. Und Ballack sieht sich nicht mehr in der Lage, sich in seiner alten Rolle von den Fans zu verabschieden. „Es ist schade, dass er jetzt so reagiert. Wir haben in den vergangenen Wochen wirklich gute und offene Gespräche geführt“, behauptet Niersbach. „Danach konnten wir davon ausgehen, dass es durchaus auch in seinem Interesse lag, noch einmal als Kapitän der Nationalmannschaft aufzulaufen.“

Dazu wird es nicht mehr kommen. Am Sonntag startete Ballack mit Bayer Leverkusen in die Vorbereitung zur neuen Bundesligasaison. Die Fans werden ihn dort wohl wieder bejubeln. Zumindest sie verbinden mit ihm noch immer große Hoffnungen. Durch die Äußerungen des DFB vom Samstag ist Ballack in der Öffentlichkeit wieder in die Defensive geraten. Es folgten die verbalen Querschläger von beiden Seiten am Sonntag - damit war auch die letzte Restchance auf einen Abgang in Harmonie vergeben.

Die Pressemitteilung von Michael Ballack im Wortlaut:

„Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss. Ich kann nachvollziehen, dass Wolfgang Niersbach versucht, für Joachim Löw Partei zu ergreifen. Ich halte es sogar in seiner Position als Generalsekretär des DFB für seine Pflicht. Fakt ist jedoch, dass niemand, auch nicht Wolfgang Niersbach, auch nur bei einem einzigen der Gespräche dabei war, die der Bundestrainer und ich geführt haben. Wenn der Bundestrainer Wolfgang Niersbach erzählt haben sollte, er habe bei unserem Gespräch am 30. März zu mir gesagt: „Micha, das war's für dich und lass das jetzt mal sacken“, oder „Ich plane nicht mehr mit dir“, dann ist das schlichtweg nicht wahr. Das genaue Gegenteil war der Fall.

Ich wollte seinerzeit vom Bundestrainer wissen, wie er in Zukunft mit mir plant. In diesem Gespräch vermittelte er mir, dass er mich nach meinen Verletzungen wieder auf einem guten Weg sieht und durchaus daran glaubt, dass ich es in jedem Fall noch einmal schaffen kann, in die Nationalmannschaft zurückzukehren; dass ich ein Kämpfertyp sein. Er hat mich motiviert und aufgefordert, nicht hinzuschmeißen.

Demgegenüber passte die seit letztem Sommer andauernde Hinhaltetaktik des Bundestrainers überhaupt nicht zu den Aussagen, die er mir gegenüber und auch in der Öffentlichkeit gemacht hat. Bezeichnend dafür und unwiderlegbar ist eine Aussage eines seiner engsten Mitarbeiter, des DFB-Teammanagers Oliver Bierhoff, im Frühjahr in der Sendung „Doppelpass“ von Sport 1 in Reaktion auf die Forderung eines Journalisten, Michael Ballack doch endlich zu sagen, dass man nicht mehr mit ihm plane. Oliver Bierhoff antwortete sinngemäß, dass man sich nicht alle Türen zuschlagen wolle und Michael Ballack noch sehr wichtig werden könne.

Im Mai reifte bei mir endgültig der Entschluss, zurückzutreten. Diese Überlegung teilte ich dann dem Bundestrainer und auch Wolfgang Niersbach mit. Ich hielt einen Zeitpunkt im Sommer für angemessen. Wir vereinbarten, dass ich in der Sommerpause meinen Rücktritt selbst bekanntgeben dürfe. Ein genaues Datum, geschweige denn eine Frist, stand dabei nie zur Debatte. Als Joachim Löw mich im Urlaub letzte Woche nicht erreichte, musste ich plötzlich von Wolfgang Niersbach eine Stunde vor Veröffentlichung der Pressemitteilung des DFB per SMS erfahren, dass der Bundestrainer „nicht mehr mit mir plant“. Drei Tage vor meinem Urlaubsende, wissend, dass ich danach wieder uneingeschränkt erreichbar bin und man genügend Zeit hat, bis die Bundesliga-Saison wieder beginnt, hat man konträr zu unserer Absprache diese Pressemitteilung verfasst.

Noch einmal: Es war klar und unmissverständlich von beiden Seiten vereinbart, dass ich meine Entscheidung, zurückzutreten, in Ruhe in der Sommerpause selbst verkünden darf. Mit dieser Erklärung möchte ich das Thema jetzt abschließen und mich voll und ganz auf meine Ziele mit Bayer 04 Leverkusen konzentrieren.“

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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