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Veröffentlicht: 08.09.2008, 06:00 Uhr

Ballack kontert im DFB-Streit „Nicht entscheidend, ob Bierhoff Manager ist oder nicht“

Nach dem EM-Finale waren Kapitän Ballack und Manager Bierhoff heftig aneinandergeraten. Zuletzt folgte spät, aber offiziell eine Aussprache. So ganz siegte die Vernunft aber doch nicht - in der F.A.Z. greift Ballack nun wiederum Bierhoff an.

von , Vaduz
© picture-alliance/ dpa Nichts als Ärger: Michael Ballack ist verletzt und streitet weiter mit Oliver Bierhoff

Michael Ballack ist und bleibt Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Was jahrelang eine Selbstverständlichkeit war und keiner Erwähnung bedurfte, muss zu Beginn der WM-Qualifikation 2010 festgehalten werden. In den vergangenen Tagen ist der Eindruck entstanden, die große Führungspersönlichkeit unter den deutschen Nationalspielern hätte starke Kratzer abbekommen.

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Doch in der ersten Begegnung der WM-Qualifikation gegen Liechtenstein am Samstag in Vaduz (Siehe auch: 6:0 in Liechtenstein: Podolski bringt die deutsche Elf in Schwung) wurde Ballack von Miroslav Klose als Kapitän vertreten, nicht ersetzt. Sein Erscheinen im Trainingslager - trotz einer Verletzung - stellte keinen Gang nach Canossa dar. Ballack musste in Oberhaching keine Abbitte leisten, aber er musste sich erklären.

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Sind die Worte „Pisser“ und „Obertucke“ gefallen?

Es war auch höchste Zeit. Viel zu lange schon hatten es alle Beteiligten versäumt, die Verhältnisse gerade zu rücken. In den Minuten nach dem verlorenen EM-Finale in Wien gegen Spanien ereignete sich der Vorfall, der mit einiger Verzögerung schließlich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frage lenkte: Wie ist es eigentlich grundsätzlich um das Verhältnis des Kapitäns zu seiner Nationalmannschaft bestellt? Michael Ballack war gegenüber dem Teammanager Oliver Bierhoff ausfallend geworden, weil jener hartnäckig von ihm verlangt hatte, mit einem Transparent in die deutsche Fankurve zu gehen.

Zielscheibe des abermaligen Angriffs: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff © dpa Vergrößern Zielscheibe des abermaligen Angriffs: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff

Neben ein paar unter Fußballern üblichen Verbalinjurien sollen auch die Vokabeln „Pisser“ und „Obertucke“ gefallen sein. Eine Reaktion, die nicht zu entschuldigen, aber vielleicht erklärbar ist mit der Aufgewühltheit unmittelbar nach dem Abpfiff. Die Enttäuschung nach dem für ihn abermals verpassten Triumph war für Ballack riesengroß. Dass diese Auseinandersetzung nicht innerhalb von ein paar Stunden und Tagen aufgearbeitet wurde, lässt Rückschlüsse auf die Beziehung zwischen Bierhoff und Ballack zu.

Ein Mannschaftskapitän ohne Rückhalt im Team?

Natürlich geriet die Angelegenheit nicht in Vergessenheit, nur weil sie nicht geklärt war. Bundestrainer Löw wurde unter anderem dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefragt, und er kritisierte seinen Kapitän für die derben Worte gegen den Manager. Und in „Sportbild“ wurde ein Bild vom streitbaren Ballack entworfen, der wegen seiner unduldsamen Art auch im Mannschaftskreis länger anecke und inzwischen isoliert sei. Ballack - ein Mannschaftskapitän ohne den Rückhalt der Mannschaft, gerügt vom Trainer, zerstritten mit dem Manager? Wenn dem so wäre, bliebe ihm über kurz oder lang wohl nur der Rücktritt.

Aber der Kapitän war nie so angeschlagen, wie es manche suggerierten. Oberhaching konnte nicht zum Ort eines Friedensschlusses werden, weil kein Krieg geherrscht hatte. Außer man wollte das angespannte Verhältnis zu Bierhoff als solchen bezeichnen. Natürlich entschuldigte sich Ballack in der Sportschule Oberhaching bei Bierhoff für seine Wortwahl in Wien. Natürlich nahm der Manager die Entschuldigung an und betonte, die Sache sei damit endgültig aus der Welt geschafft.

Unterschiedliche Auffassungen ins Persönliche gesteigert

Doch so ganz siegte die Vernunft dann doch nicht. Bierhoff sagte am Mittwoch einen Satz, den Ballack als Stichelei auffasste. Nach der sportlichen Bedeutung von Ballacks Ausfall in den ersten beiden WM-Qualifikationsspielen gefragt, hatte der Manager geantwortet: „Die Nationalmannschaft hat mit Michael Ballack gute Spiele gemacht, und sie hat ohne Michael Ballack gut gespielt. Sie ist also nicht so abhängig von ihm.“

Der Kapitän kommentiert Bierhoffs Einschätzung gegenüber dieser Zeitung nun so: „Die Nationalmannschaft hat schon gewonnen, als Oliver Bierhoff noch nicht ihr Manager war. Und auch zukünftig wird es für den Erfolg nicht entscheidend sein, ob Bierhoff Manager ist oder nicht.“ Die beiden werden so schnell wohl keine Freunde mehr. Unterschiedliche Auffassungen über Aktionen rund um die Nationalmannschaft haben sich ins Persönliche gesteigert.

Soll Ballack seinen Kollegenkritik moderater vortragen?

Die Beziehung zwischen Kapitän und Trainer scheint dagegen nach den Oberhachinger Tagen wieder ungetrübt zu sein. Sie verbindet ohnehin ein grundsätzlicher Respekt. Auch sie sprachen in der Sportschule zweimal ausführlich miteinander. Löw sagte dazu: „Es gab Gesprächsbedarf. Ich habe ihm gesagt, was ich von ihm als Kapitän erwarte und in den nächsten zwei Jahren der WM-Qualifikation.“ Der Bundestrainer räumte ein, es habe in den letzten Monaten im Team Konflikte und Meinungsverschiedenheiten gegeben.

„Aber das ist völlig normal, das war auch bei der WM 2006 so.“ Worin die Konflikte bestanden, darüber kann man außerhalb der Kausa Ballack/Bierhoff nur spekulieren. Vorstellbar ist, dass sich Löw wünscht, der Kapitän könnte seine Kritik an die Kollegen etwas moderater vortragen. Seitdem Ballack bei Chelsea täglich mit Weltklasseprofis zusammenarbeitet, ist sein Leistungsanspruch noch gewachsen, vielleicht überfordert er den einen oder anderen, vielleicht hat er den ein oder anderen brüskiert.

„So viel Qualität wie er haben nicht viele“

In die Isolation ist der Mannschaftsführer deshalb nicht geraten. „Er sitzt nicht alleine, nicht beim Frühstück und nicht beim Abendessen“, sagte Außenverteidiger Marcell Jansen. Bastian Schweinsteiger hält es „für ein bißchen schwach“ wenn es Kritik um den unduldsamen Ballack gäbe. Er sei dazu durch seine Präsenz auf dem Spielfeld berechtigt. „So viel Qualität wie er haben nicht viele.“ Miroslav Klose hält das Ganze für „absoluten Quatsch“.

Die Ära Ballack in der Nationalelf stand also nicht auf der Kippe, und die Erfolgschancen des Teams in der WM-Qualifikation sind auch nicht geschrumpft. Sein schlechtes Verhältnis zum Manager hat keinen Einfluß auf die sportliche Leistung der Mannschaft. Und solange der anspruchsvolle Ballack seine starken Worte durch starke Leistungen deckt, wird er auch mit den Kollegen keine Schwierigkeiten bekommen.

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