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Babak Rafati : Ein Schritt in die Normalität

  • -Aktualisiert am

Klamauk: Babak Rafati kann sich bei seinem Comeback über die Rote Karte von Steven Cherundolo amüsieren Bild: dpa

Erstmals nach seinem Suizid-Versuch steht Babak Rafati wieder als Schiedsrichter auf dem Rasen. Beim Abschiedsspiel für Steven Cherundolo erweckt er den Eindruck, dass ihm etwas fehlt. Und er hofft auf Aussöhnung mit dem DFB.

          Das Verlangen, den ehemaligen Weggefährten in die Arme zu schließen oder ihm zumindest die Hand zu reichen, war recht groß. Und es sah so aus, als würde Babak Rafati seine Rückkehr durchaus genießen. Sein Name bleibt sicher noch lange Zeit mit der Geschichte jenes Profi-Schiedsrichters verbunden, der vor fast drei Jahren von Depressionen geplagt einen Selbstmordversuch unternommen hat.

          Am gestrigen Sonntag sahen ihn die Fans von Hannover 96 erstmals wieder als Schiedsrichter in Aktion. Es war ein Gaudispiel anlässlich des Karriereendes des langjährigen 96-Profis Steven Cherundolo. Für Rafati war es ein Schritt zurück in die Normalität, bei dem der Spaß im Vordergrund stand. Der Vierundvierzigjährige sagt von sich, er sei geheilt und nehme seit zweieinhalb Jahren keine Medikamente mehr.

          Der Mann des Tages und der Liebling der Fans war unumstritten Cherundolo. Als viele seiner ehemaligen Weggefährten wie Jiri Stajner, Otto Addo, Sergio da Silva Pinto und Altin Lala ein Spalier für ihn bildeten, stand Rafati direkt neben dem Amerikaner und spendete eifrig Applaus. Cherundolo hatte jenen Schiedsrichter mit voller Absicht eingeladen, der am 19. November 2011 vor einem Bundesligaspiel von Kollegen schwer verletzt in einem Kölner Hotelzimmer gefunden worden war. Bis heute macht Rafati kein Geheimnis daraus, dass er dem hohen Druck in der Bundesliga letztlich nicht mehr gewachsen war und sich außerdem von den Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Stich gelassen gefühlt hatte. In seinem im Frühjahr 2013 veröffentlichen Buch „Ich pfeife auf den Tod“ hatte er vor allem schwere Vorwürfe gegen seine ehemaligen Kollegen Herbert Fandel und Hellmut Krug erhoben, die seine Vorgesetzten waren. Der „Bild am Sonntag“ sagte Rafati jetzt, er hoffe auf eine Aussöhnung mit dem DFB und wünsche sich einen offenen Austausch.

          Erinnerung an vergangene Zeiten

          Es war eine gehörige Portion Klamauk im Spiel, als Rafati erstmals wieder in kurzen Hosen und mit einer Pfeife in der Hand auftrat. Zu den Kickern, die vor dem Testspiel der Erstligaprofis von Hannover 96 gegen Lazio Rom aufgetreten waren, gehörte auch die Fernseh-Ulknudel Oliver Pocher. Auf den Trainerbänken hatten aus alter Verbundenheit unter anderem Mirko Slomka, Ewald Lienen und Franz Gerber Platz genommen. Zu den Männern, die Rafati besonders herzlich begrüßten, gehörte sein früherer Schiedsrichterkollege Peter Gagelmann. Als die beiden aufeinander zugingen und sich herzlich in die Arme nahmen, fühlten sich die Beobachter noch einmal zurückerinnert an eine besonders ernste Zeit.

          Denn Rafati hatte angesichts seiner Entscheidungen und Leistungen in der Bundesliga oft mit Anfeindungen leben müssen. Der Sohn persischer Eltern war seit 2000 als Unparteiischer im bezahlten Fußball aktiv und hatte eine erstaunliche Karriere gemacht. Im August 2005 durfte er bereits in der Fußball-Bundesliga debütieren. Nur drei Jahre später gehörte er sogar zum Kreis der Fifa-Schiedsrichter. Wie schlecht es ihm auf dem Weg nach oben wirklich gegangen war, konnten damals selbst seine unmittelbaren Kollegen nur erahnen. Rafati galt als verschlossen, manchmal störrisch und doch sehr selbstbewusst – für den Geschmack so manches Schiedsrichters zu Ich-bezogen.

          Offener Umgang

          Es bleibt offen, ob es den Schiedsrichter Rafati bei sportlich ernst zu nehmenden Auftritten wirklich noch einmal zu sehen gibt. Als in Hannover geblödelt und gelacht wurde, machte er gerne mit, blieb aber nur eine Randfigur. TV-Profi Pocher sah nach einer kuriosen Schubserei die Rote Karte – aber nicht von Rafati, sondern von Cherundolo, der dem Schiedsrichter die Karte aus der Tasche gezogen hatte. „Das war eine Frage der Ehre“, sagte Rafati, warum er sich an dem Einlagespiel zu Ehren von Cherundolo beteiligt hatte. Für ihn sei die Rückkehr als Schiedsrichter als ein ganz „spezieller Moment“ einzustufen.

          Der Gang zurück in die Öffentlichkeit hatte Rafati im Großen und Ganzen kein Problem bereitet. Rund um die Veröffentlichung seines Buches sah man ihn häufig in Fernseh-Talkshows. Er tritt außerdem als Referent für Wirtschaftsunternehmen auf und berichtet über seine Erfahrungen mit zu hohem Leistungsdruck, den Folgen von Mobbing und das Risiko von Burn-out-Erkrankungen. Er möchte vor allem die Vereine und Hauptdarsteller des Profifußballs dafür sensibilisieren, dass ihre Branche auch sehr dunkle Schattenseiten hat. Rafati versteht sich als Botschafter, der Verständnis dafür weckt, dass Depressionen eine ernst zu nehmende Krankheit sind. Es geht ihm darum, anderen zu helfen, sie zu warnen und für sie Verständnis zu wecken.

          „Babak Rafati ist ein toller Mann. Und es hat mich nicht überrascht, dass er hier wieder gepfiffen hat. Ich konnte bei ihm heraushören, dass ihm etwas fehlt“, sagte Martin Kind, der Präsident von Hannover 96. Als Rafati das Stadion in Hannover verließ, hatte er seine Ruhe. Vielleicht ist es ihm sehr recht gewesen, dass dem abtretenden Cherundolo die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer gehörte.

          Quelle: F.A.Z.

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