31.12.2007 · In der Gegenwärtigkeit des Fußballs zeigt sich der perfekte Augenblick. Die „kreiselnden Katalanen“ (Barcelona) oder der „One-Touch-Football“ (Arsenal) sind nicht nur ein sportliches Erfolgsrezept. Sie sind zugleich ein ästhetisches Phänomen.
Von Peter KörteZu den Herzensergießungen fußballliebender Feuilletonisten gehören seit langem die Konferenzschaltungen zwischen Fußball und Gesellschaft. Da wurden schon Netzers öffnende Pässe zur Fortsetzung von Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“, und später saß dann auch noch Berti Vogts als Statthalter Helmut Kohls auf der Bundestrainerbank. Mehr als ein paar vage Analogien, die einem weder Brauchbares über Fußball noch über Politik erzählen, sind dabei nie herausgekommen, weil Fußball eben nur als Metapher verstanden und erst damit feuilletonkompatibel wird. Deshalb hat die seit einigen Jahren von Traditionalisten beklagte sogenannte Verwissenschaftlichung des Fußballs einen erfreulichen Nebeneffekt: Das Spiel selbst steht im Vordergrund, der Rasen hört auf, bloße Projektionsfläche zu sein.
Natürlich hat diese Entwicklung etwas mit Geld zu tun und auch mit Technologie, doch weil Geld bekanntlich noch immer keine Tore schießt und Computer Leistung zwar genauer messen, aber nicht steigern können, wird die Gegenwart des Spiels weiterhin auf dem Platz definiert. Es ist auch kein geheimes Wissen, dass man, wenn vom modernsten Fußball die Rede ist, welcher zurzeit auf der Welt gespielt wird, auf Arsenal London oder den FC Barcelona schaut und weniger auf den FC Chelsea oder AC Mailand; dass man die deutsche Bundesliga samt dem FC Bayern ignoriert und eher die Nationalmannschaft erwähnt, wo der Betreuerstab auf der Höhe der Zeit operiert und beweist, dass auch mit Spielern, die nicht zaubern können, ein Fußball gespielt werden kann, der nicht aussieht wie eine Retrovariante.
Unter zwei Sekunden
Wie Geschäft, sportlicher Erfolg und Ästhetik des Spiels heute ineinandergreifen, wird klar, wenn man sich den spanischen „El clasico“ am vergangenen Sonntag anschaut. Die Anfangsformationen von Real Madrid und dem FC Barcelona stellten zusammen einen Marktwert von 600 Millionen Euro dar, das Spiel wurde in mehr als hundert Länder übertragen; es wurde kein berauschender Fußball geboten, doch beide Teams bewegten sich taktisch und technisch auf einem Niveau, in dem das Spiel zu sich selbst fand - gerade weil Real nicht einfach Barcelonas typische Ballzirkulationen zerstörte, sondern aus der Unterbindung des Flusses sein eigenes Spiel entwickelte. Woran man auch gut sehen konnte, dass Dramaturgie eines Spiels und Dramatik nicht ein und dasselbe sind, auch wenn Fernsehkommentatoren beides nach wie vor nicht auseinanderhalten können.
Was an diesem Fußball modern ist oder ein Indiz für Gegenwärtigkeit, das hat Parameter, das ist aber auch ohne Wissenschaft mit bloßen Augen zu sehen. Die Schlüsselbegriffe heißen hohes Tempo und ständige Raumbeherrschung, und es ist bezeichnend, dass auch in der deutschen Nationalmannschaft unter Joachim Löw daran gearbeitet wurde, die durchschnittliche Zeit des Ballbesitzes von 2,8 auf 1,9 Sekunden zu senken - was übrigens eine schöne Parallele zum Hollywood-Kino liefert, wo heute die durchschnittliche Einstellungslänge in einem Blockbuster wie dem „Bourne Ultimatum“ knapp unter zwei Sekunden liegt.
Der „One-Touch-Football“ des FC Arsenal, bei dem der Ball nach nur einer Berührung direkt weitergespielt wird, möglichst mit Raumgewinn, ist ein Pendant dazu; er setzt, weil jedes Fußballspiel auch eine Geschichte erzählt, ähnliche Wahrnehmungsgewohnheiten beim Publikum voraus - und zugleich einen Spielertypus, der nicht nur über hohe athletische Fähigkeiten, sondern auch über außergewöhnliche Körperkoordination, Spielintelligenz und Balltechnik verfügt. Es ist, wenn man so will, eine Form von Arbeit, bei der höchste individuelle Leistungsfähigkeit sich nur in der Vernetzung der Tätigkeiten entfalten kann, bei der Antizipationsvermögen für das Unerwartete und die Routine einstudierter Spielzüge gleichwertig sind.
Das Prinzip der Ballzirkulation
Jeder, der sich regelmäßig Fußballspiele anschaut, hat das zumindest unbewusst bemerkt, doch wenn man dann auf der Documenta vor Harun Farockis Videoinstallation „Deep Play“ stand, welche auf zwölf Monitoren das WM-Endspiel zwischen Italien und Frankreich seziert, dann machten einem die mobilen Punkte, die Vektoren und Diagramme die Systematik eines Spiels klarer, weil diese ungestört von Trikotfarbe, Werbebanden und Reportergebrabbel gewissermaßen auf den Begriff gebracht wird. Wie in einer geheimen Choreographie bewegen sich da zum Beispiel Punkte über den Bildschirm: die italienische Viererkette bei der Arbeit, ein Mobile, das sich permanent verschiebt und auf diese Weise Räume schließt oder öffnet. Man könnte das einen paradoxen Effekt nennen: In der abstrakten Darstellung wird plastischer, warum den Franzosen kein Tor aus dem Spiel gelang.
Auch das Prinzip der Ballzirkulation beim FC Barcelona wird transparenter, wenn man in einer Video-Analyse sieht, wie der Spielaufbau von Barca meist durch die Mitte beginnt und nicht über die Außenbahnen, weil das mehr Optionen lässt: Man kann über rechts, links und durch die Mitte spielen und den vertikalen, „tödlichen“ Pass aufschieben; von außen dagegen bleiben nur die Mitte und der Flankenwechsel. So wird erkennbar, mit welchen Mustern die Geschichte eines Spiels geschrieben wird und wie das Ausfransen der Muster den Lauf der Geschichte bestimmt.
Diese Geschichte eines Spiels spielt immer: jetzt. Dieses Jetzt ist Vernetzung, Verzahnung, Ineinandergreifen, Verlust der Trennschärfe zwischen typischem Abwehr- und typischem Angriffsverhalten. Was wir Gegenwart nennen, ist, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler mal gesagt hat, nicht breiter als eine Rasierklinge. Was einen bestimmten Stil ausmacht, das ähnelt einer aufwendigen Plansequenz im Kino, wo es um die Einheit von Zeit und Raum und eine Vielzahl einander ergänzender Bewegungen geht, die im Training minutiös einstudiert werden müssen wie bei den aufwendigen Proben für eine Filmszene. Eine typische Spieleröffnung des FC Arsenal ist, so gesehen, Visconti in High-Speed. Es geht dabei immer auch um eine bestimmte Vorstellung des Spiels: Was im Kino die Rhetorik der Bilder und der Montage ist, das ist im Fußball eine differenzierte Taktik.
Effiziente Elemente
Das Spiel, welches eine Mannschaft vorführt, spricht eine bestimmte Sprache, und sein Reichtum, seine Effizienz und seine Schönheit hängen davon ab, wie variabel sich die einzelnen Elemente dieser „Sprache“ kombinieren lassen - und wie erfolgreich der Gegner das verhindern kann. Deswegen erfreut sich vermutlich auch die Metapher „ein Spiel lesen“ so ungebrochener Beliebtheit.
Natürlich kann, im Gegensatz zur Plansequenz im Kino, eine Idee im Fußball nicht so ungehindert aufgehen. Jeder Grad an Perfektion ist prekär, alle Automatismen sind störanfällig. Was den Reiz des Spiels ausmacht, ist auch seine zentrale Eigenschaft: Emergenz, also die spontane Herausbildung von Phänomenen oder Situationen innerhalb eines Systems. Einstudierte Spielzüge und taktische Schulung sind Antworten auf solche Situationen, doch der geringste Abfall der Konzentration, der kleinste Geschwindigkeitsverlust können diese Antwort unwirksam werden lassen. Dennoch, und daran lässt sich die Qualität eines Systems (oder einer Mannschaft) erkennen, ist einer Spielanlage selbst an schlechten Tagen abzulesen, welche „Sprache“ eine Mannschaft spricht.
Dreckverkrustete Trikots, Verzweiflung und Erschöpfung
Deshalb sind die „kreiselnden Katalanen“ (Christoph Biermann) des FC Barcelona oder der „One-Touch-Football“, den Arsenal repräsentiert, nicht nur ein sportliches Erfolgsrezept. Sie sind zugleich ein ästhetisches Phänomen; ein Stil, in seinen fließenden Bewegungen, seiner enormen Komplexität, in seinem Voraussetzungsreichtum. Wäre man Platoniker, würde man sagen: Diese Stile haben an der Idee des Spiels in einer ganz besonderen Weise teil. Sie schöpfen das Potential aus, das in der Bewegung von 22 Spielern und einem Ball in den Grenzen eines Raums und eines Regelwerks liegt. Es ist eine Art und Weise, ein Spiel zu gestalten, Erfahrung und Können immer wieder in reine Präsenz umzuwandeln, die ein Publikum begeistert oder mindestens gut unterhält, ohne dass jeder begreifen müsste, was da genau vor sich geht - es entsteht darin so etwas wie die flüchtige Schönheit einer Folge von Bewegungen.
Und wer beim Fußball unbedingt den Schweiß spüren, wer dreckverkrustete Trikots, Verzweiflung und Erschöpfung in den Gesichtern der Spieler sehen will, der kommt auch bei diesen Systemen noch immer auf seine Kosten, weil sie in ihrer Geistesgegenwärtigkeit so prekär sind. Als im Kampf des Neuen gegen das Alte, im Spiel von Arsenal gegen Chelsea, neulich um jeden Meter Boden gerungen wurde, weil Chelsea den Arsenal-Flow immer wieder verebben ließ, da sagte Arsenals Trainer Arsène Wenger nach dem 1:0 seiner Mannschaft den schönen und klugen Satz: „When our football didn't speak anymore, we had to give something else: character.“
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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