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Auszug der Nachwuchsspieler : Österreichs Fußball-Emigranten

Österreicher von Welt: David Alaba (l.) spielt bei den Bayern mit den Großen wie Franck Ribery Bild: dapd

Viele Nachwuchskicker aus der Alpenrepublik drängen nach Deutschland - und der Verband sieht sich in Not. In den vergangenen zwei Jahren verließen 19 Spieler die Leistungszentren in Österreich.

          Michael Rauth hat vor einem halben Jahr einen großen Schritt gewagt. Damals verließ der 16 Jahre alte Österreicher seine Tiroler Heimat und schloss sich dem 1. FC Kaiserslautern an. Seither wohnt er im Internat des Heinrich-Heine-Gymnasiums und arbeitet im Nachwuchsleistungszentrum der „Roten Teufel“ an seinem Traum vom Profifußball. „Ich war schon als kleiner Junge, wenn ich mit Wacker Innsbruck auf Turnieren gespielt habe, von den deutschen Teams beeindruckt“, sagt er. „Und jetzt bin ich überzeugt, dass sich meine Chancen auf eine Profikarriere durch den FCK deutlich erhöhen.“

          Für die Ausbildung in Kaiserslautern verließ er die Jugendakademie seines Heimatvereins Wacker Innsbruck, obwohl er dort schon in jungen Jahren regelmäßig mit der Profimannschaft trainieren konnte. „Das war schon spannend im Training mit gestandenen Erwachsenen“, sagt Rauth. „Aber die Förderung für uns Junge war dann eben doch nicht optimal, weil wir am Wochenende selbst im Amateurteam kaum zum Einsatz kamen und wieder zur Jugend abgeschoben wurden. Dann gehörst du nie richtig dazu. Das hat mich verunsichert.“

          Also spielt er nun mit Gleichaltrigen in Deutschland, wo er einer von rund 40 Nachwuchsspielern aus der Alpenrepublik ist, die ihr Fußballtalent im großen Nachbarland entwickeln wollen. Viele im österreichischen Fußball bezeichnen diese Talente als Hoffnungsträger für die Auswahl Austrias, die seit 1996 auf eine Qualifikation (Ausnahme 2008 als Mitausrichter der EM) für ein großes Turnier und seit einem Vierteljahrhundert auf einen Sieg gegen Deutschland wartet.

          „Deutsche Entwicklungshilfe für Österreich“

          Der damalige Nationaltrainer Dietmar Constantini sagte vor gut einem Jahr sogar, dass Österreich erst dann wieder Anschluss an gehobenes internationales Niveau finden kann, wenn die „deutsche Entwicklungshilfe für Österreich“ Wirkung zeige und eine größere Zahl dieser „Auslandsazubis“ in der Blüte ihrer Karriere stünden. „So lange müssen meine Landsleute eben warten und von Cordoba erzählen“, sagte er mit dem ihm eigenen Sarkasmus.

          Deutschland-Profi Ivanschitz: „Mut aufbringen, ins Ausland zu gehen“
          Deutschland-Profi Ivanschitz: „Mut aufbringen, ins Ausland zu gehen“ : Bild: dpa

          Einer, der schon das Niveau für vermeintliche Wundertaten wie einst beim 3:2-Sieg gegen den deutschen Nachbarn im WM-Spiel von 1978 hat, ist David Alaba. Der 20 Jahre alte aktuelle österreichische Fußballspieler des Jahres ist dank seiner Karriere vom jungen Talent zum Stammspieler bei Bayern München das große Vorbild der österreichischen Nachwuchskicker. Alaba, der im Länderspiel noch wegen der Folgen eines Ermüdungsbruchs fehlt, entschied sich im Alter von 15 Jahren für den Wechsel von der Donau an die Isar - und das, obwohl er schon ein Angebot von Austria Wien für einen Profivertrag und die Aussicht auf erste Einsätze in der österreichischen Bundesliga vorliegen hatte.

          „Es war für mich eine Riesenehre, dass ich mit 15 bei der Austria schon hätte bei den Profis spielen können“, sagt Alaba, der so etwas wie der Trendsetter für den Exodus an Talenten geworden ist. „Aber ich wollte den Weg ins Ausland gehen, weil ich überzeugt war, dass die professionelleren Bedingungen im Jugendbereich dort besser sind für meine Entwicklung. Ich wollte mit meinem Wechsel einfach mehr erreichen, als es in Österreich möglich wäre.“ Sein damaliger Auswahltrainer Andreas Herzog, einst erfolgreicher Bundesliga-Profi bei den Bayern und in Bremen, habe ihn in seiner Entscheidung bestärkt.

          Alpen-Vorbild Andreas Herzog: einst bei Werder und den Bayern erfolgreich
          Alpen-Vorbild Andreas Herzog: einst bei Werder und den Bayern erfolgreich : Bild: dapd

          Andere im österreichischen Verband verfolgen die Entwicklung derweil skeptischer. Willi Ruttensteiner, Sportdirektor des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB), fürchtet, dass die Talente sich schon fast zur sportlichen Emigration gezwungen sehen. „Für einige wenige Spieler kann Deutschland förderlich sein“, sagt Ruttensteiner. „Aber das sind Einzelfälle, anderen kann die Trennung von Elternhaus und Freunden auch sehr schaden. Ich bin deshalb generell von unserem österreichischen Weg überzeugt und sicher, dass sich die Talente auch hier entwickeln können.“ Der Verband hat nach deutschem Vorbild landesweit ein Netz von zwölf Akademien aufgebaut. Diese Leistungszentren laufen allerdings wegen der Abwanderungsbewegung unter den 16- bis 19-Jährigen Gefahr, dass sie ausbluten.

          Der Verband beziffert die Abgänge aus diesen Leistungszentren alleine in den vergangenen beiden Jahren auf 19 Spieler. „Sicher erhöht das nicht die Qualität, wenn viele der Besten die Akademien verlassen“, sagt Ruttensteiner. „Da sind wir schon in der Not.“ Zugleich betont er, dass viele heutige Nationalspieler gerade wegen ihres Verbleibs in der Heimat schon sehr früh reichlich Wettkampferfahrung bei den Profis sammeln konnten. „Das ist meines Erachtens durch keine Nachwuchsausbildung zu ersetzen“, sagt Ruttensteiner.

          Durchgesetzt in Deutschland: Bayern-Profi David Alaba (l.)
          Durchgesetzt in Deutschland: Bayern-Profi David Alaba (l.) : Bild: REUTERS

          Andreas Ivanschitz ist einst diesen Weg gegangen. Mit 16 Jahren debütierte er bei Rapid Wien in der Profimannschaft, mit 19 war er Kapitän der Nationalmannschaft. „Für mich kam das nie in Frage, ins Ausland zu gehen, um dort wieder in der Jugend zu spielen“, sagt der heute bei Mainz 05 in der Bundesliga spielende Ivanschitz, der gegen Deutschland wie weitere fünf bis sechs Bundesligaspieler in der österreichischen Startelf stehen dürfte. „Aber ich halte es grundsätzlich für gut, wenn wir Jungs haben, die den Mut aufbringen, früh ins Ausland zu gehen.“

          David Alaba hatte die Courage und ist froh über seine Entscheidung. „Ich weiß es nicht gewiss, kann mir aber schwer vorstellen, dass es ohne den Wechsel nach Deutschland auch so geklappt hätte mit meiner Karriere“, sagt er. „Natürlich wird das unserer Nationalmannschaft und dem österreichischen Fußball einen Schub geben, wenn viele Jungs schon früh den Weg nach Deutschland gehen.“ Dass die Ausbildung in Deutschland zwar Chancen eröffnet, aber nicht die Garantie für umgehene Anerkennung in der Heimat ist, muss derweil Michael Rauth zur Kenntnis nehmen. Seit er in Kaiserslautern spielt, ist er nicht mehr zur Nachwuchs-Nationalmannschaft eingeladen worden. Es gibt vermutlich schon zu viele Konkurrenten mit Deutschland-Erfahrung.

          Quelle: F.A.Z.

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