13.02.2007 · Nike gegen Adidas - die großen Ausrüster streiten um die Gunst der Nationalmannschaft. Das gab es schon mal: kurz vor der WM 1954. Ein leidtragender Puma-Mitarbeiter erinnert sich und räumt mit der „Schraubstollen-Legende“ auf.
Als Schuhmacher diente Georg Hetzler von 1947 an bei den Gebrüdern Dassler, bis diese sich ein Jahr später im Streit trennten und in Herzogenaurach ihre eigenen Unternehmen gründeten. Der heute 75-Jährige folgte Rudolf Dassler, unter dem er zum Werksmeister bei Puma aufstieg.
Adidas gegen Nike - der Deutsche Fußball-Bund (DFB) pokert um einen neuen, hochdotierten Ausrüstervertrag. Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen auf?
So ähnlich habe ich das selbst vor langer Zeit schon mal erlebt. Im Jahr 1950 kam Sepp Herberger zu uns bei Puma in die Firma hereinspaziert und stellte unserem Chef Rudolf Dassler hohe Forderungen. Da haben wir uns alle ausgemalt, welch ein Geschäft aus dem Fußball mal werden könnte.
Was erhoffte sich der damalige Bundestrainer?
Meines Wissens ging es um einen Vertrag für ihn selbst. Die Nationalmannschaft wäre dann im zweiten Schritt dazugekommen.
Was hat Herberger verlangt?
Zu der Puma-Ausrüstung, die er ja gratis bekam, sollte erstmals Geld dazukommen. Ich weiß nur, dass es keine geringe Forderung gewesen sein kann. Denn nachdem unser Chef den Herberger abgewiesen hatte, erzählte er uns in einer Sitzung, dass der Trainer unser Geld wolle, was wir verdienten, und seines noch dazu. Einen solchen Vertrag wollte er sich nicht leisten. Puma begann ja gerade erst mit der Produktion von Sportschuhen, Maschinen und Räumlichkeiten mussten angeschafft werden. Also verließ der Herr Herberger das Haus wieder und ist natürlich gleich zu Adidas gelaufen.
Adidas hat ihn gerne empfangen?
Herberger ist gleich bei denen hereinspaziert, der war ja nicht dumm. Er wusste, dass die Gebrüder Dassler ins Sportschuhgeschäft einsteigen und kannte das Potential des Fußballs und der Branche. Adidas musste doch anbeißen, hat er sich wohl gedacht.
Rudolf Dassler war enttäuscht?
Ja, er hatte bis dahin eine sehr gute Beziehung zu Herberger und hat ihn in Ausrüsterfragen stets beraten. Sonst wäre der Bundestrainer nicht zuerst zu ihm gekommen. Er ging bei uns im Hause ein und aus. Aber dann war von heute auf morgen Schluss. Dieser Mann käme ihm nicht mehr ins Hause, sagte der Chef zu uns. Er war sehr enttäuscht und räumte auch ein, vielleicht einen Fehler begangen zu haben. Aber er konnte nicht anders, denn die Firma steckte noch in den Kinderschuhen. Und Herberger ist ja dann später steil nach oben mit der Nationalelf . . .
Adidas sieht heute aus der langen gemeinsamen Geschichte eine moralische Verpflichtung für den DFB, sich weiterhin als Partner an das Unternehmen zu binden. Können Sie das nachvollziehen?
Nein, denn es geht doch hier um ein Geschäft und nicht um Tradition. Ich gehe davon aus, dass auch damals bloß das Geld den Ausschlag gegeben hat. Wenn der Adi Dassler nicht diese hohe Summe geboten hätte, wäre Herberger dort nicht eingestiegen. Das haben damals alle gedacht.
Und dann festigte Adidas mit der Weltmeisterschaft 1954 seine Position bei der deutschen Nationalelf.
Vor der Weltmeisterschaft 1954 spielte die Hälfte unserer deutschen Nationalspieler noch in Puma-Schuhen. Wie der Horst Eckel, der von Anfang an ein überzeugter Puma-Partner war. Er war viele Male bei uns im Hause, da herrschte das vollste Vertrauen. Und auf einmal geht der zu Adidas herüber. Da ist wohl ein wenig nachgeholfen worden.
Herberger und sein neuer Ausrüster haben einen Spieler nach dem anderen mit guten Angeboten zum Wechsel animieren können?
So war es hundertprozentig. Adidas hat uns damals einen Spieler nach dem anderen weggekauft, anders kann ich mir diese plötzlichen Ausrüsterwechsel nicht erklären. Obwohl Puma seinen Spielern natürlich keine Steine in den Weg legte, im Gegenteil. Rudolf Dassler hat sie immer mit Produkten unterstützt. Sie können sich vorstellen, was da los war bei uns in Herzogenaurach. Wild wurde spekuliert, was die Spieler bekommen würden beim großen Nachbarn. Immer, wenn ein großer Spieler ins Städtchen kam, ging das Getuschel wieder los: Wo geht er hin, was bekommt er?
Und dann reklamierte Adidas auch noch den ersten Schraubstollenschuh für sich, der Herbergers Mannen auf regennassem Boden zum „Wunder von Bern“ verhalf.
Hören Sie bitte mit diesem Unsinn auf. Das „Wunder von Bern“ ist doch, was die Schraubstollen betrifft, in Wahrheit das „Märchen von Bern“. Wir bei Puma hatten schon 1952 die Schraubstollen entwickelt. Unser Chef kniete sich damals so sehr in diese Entwicklung hinein. Da hatten wir an den Maschinen einen Experten, der genau wusste, wie das mit den Schraubstollen funktionierte. Der war so begabt, der hätte aus einer Blechbüchse eine Armbanduhr gemacht. Wir waren mit der Produktentwicklung längst fertig, da hat Adi Dassler noch immer damit herumexperimentiert. Schließlich trugen im Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft im Mai 1954 acht Spieler der Siegermannschaft von Hannover 96 unsere Schraubstollen. Aber Adidas hat sich die Geschichte mit den Schraubstollen dann einfach unter den Nagel gerissen und die Öffentlichkeit über viele Jahre getäuscht.
Wen bevorzugen Sie denn jetzt als Herzogenauracher als Ausrüster für die Nationalelf - Nike oder Adidas?
Ich bin der Meinung, das bessere Angebot sollte entscheiden. Der DFB ist ja schon wegen der gebotenen Summen schwach geworden. Auf jeden Fall schlug mein Fußballherz höher, als ich mit Gomez, Hitzlsperger und Jansen beim Länderspiel gegen die Schweiz erstmals seit 1954 wieder drei deutsche Nationalspieler mit Puma-Schuhen spielen sah.
Ein Ende des Neids.
Nathalie Neumann (NathiNeu)
- 13.02.2007, 19:08 Uhr