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Atlético Madrid Kapriziöse Operndiva

 ·  Immer rauf und runter - Atlético Madrid gibt seinen Fans Rätsel auf. Mit einem Erfolg im Finale der Europa League gegen Fulham an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) in Hamburg könnten die Spanier einer verkorksten Saison ein gutes Ende setzen.

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Natürlich muss man zu Beginn korrekterweise erwähnen, dass Atlético Madrid der Lokalrivale von Real Madrid ist, sogar noch ein bisschen mehr, als Espanyol Barcelona der Lokalrivale des FC Barcelona ist. Ein bisschen mehr, weil das Aufeinandertreffen der beiden spanischen Hauptstadtklubs früher einmal offen war, so dass man wirklich nicht wusste, wer am Ende gewinnen würde. (Inzwischen gewinnt immer Real Madrid.)

Außerdem gehört es sich, von den alten Triumphen zu sprechen, die auch die „Rotweißen“ im Lauf ihrer hundertsiebenjährigen Geschichte errungen haben. Sie sind nämlich nach Real Madrid und dem FC Barcelona der Verein mit den meisten Landesmeistertiteln (neun), und selbst im ewigen spanischen Ranking, das alle gewonnenen Titel berücksichtigt, steht Atlético mit seinem fünften Platz gar nicht so schlecht da.

Aber eigentlich geht es um all das überhaupt nicht. Sondern um die Stimmung, in welcher die Mannschaft sich gerade befindet. Die Mannschaft nämlich ist vollständig unberechenbar und kapriziös wie eine Operndiva. Hat sie gerade noch berauschend gespielt, bricht sie am nächsten Spieltag ohne erkennbaren Grund ein. Pfeift sie aber auf dem allerletzten Loch, zieht sie sich plötzlich und unerwartet am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Atlético - eine Elf von Verrückten sein, ein wüster Haufen

Und immer so weiter, rauf und runter, so regelmäßig wie ein Aufzug. Deswegen steht Atlético an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / FAZ.NET-Europa-League-Liveticker) auch im Finale der Europa League, dem Treffen von Verlierern, die doch noch ans Gewinnen glauben. Und deshalb darf Atlético eine Woche später auch noch das spanische Cupfinale gegen den FC Sevilla spielen. Eine ziemlich verkorkste Saison könnte so doch noch ein strahlendes Gesicht bekommen.

Eines der wahrhaft denkwürdigen Spiele ereignete sich vor einigen Monaten, als Atlético Madrid im Cálderón-Stadion dem alten und wahrscheinlich auch neuen Meister FC Barcelona die einzige Saisonniederlage beibrachte. Wann gibt es schon einmal eine Mannschaft, die Barça 4:3 schlägt? Eben.

Es muss eine Elf von Verrückten sein, ein wüster Haufen, fähig zu den schlimmsten Patzern und absolut heroischen Gesten. Und an jenem Abend gab es eben das Zweite zu bestaunen. Es wäre allerdings ein Fehler, darauf zu bauen. Auch gegen den FC Fulham im Finale von Hamburg. Vertrauen darf man auf Atlético nie.

Eine Mannschaft, die den Briefträger wahnsinnig macht

Im Lauf der Jahre sind die Fans dieser Mannschaft in ganz Spanien zu einer bewunderten, häufig analysierten Spezies geworden: als Experten des Leidens. Kronprinz Felipe gehört dazu, der Stierkämpfer José Tomás, der etwas von Schmerzen versteht, und der Liedermacher Joaquín Sabina, der mit kratziger, doch weicher Stimme die inoffizielle Vereinshymne „Motivos de un sentimiento“ singt.

Unser Briefträger, ein netter Kerl, ist auch Atlético-Fan. Man würde es kaum glauben. Er hat eine Freundin, ein Aquarium, er zahlt seine Wohnung ab. Doch wenn die Rede auf seinen Lieblingsverein kommt, schweift sein Blick in die Ferne, und ein seit Jahren eingeübter Leidenszug umspielt seine Mundwinkel. Aus dem jungen Briefträger mit Atlético-Dauerkarte wird ein Masochist, der sein Schicksal akzeptiert und allenfalls jemanden braucht, um mal darüber zu reden. Über diese Mannschaft, die ihn wahnsinnig macht!

Schlendrian und Disziplinlosigkeit ruinieren die Fortschritte

Denn in der ganzen Primera División gibt es kein Team, das so starke Offensivkräfte mit so schlechten Verteidigern kombiniert. Letzte Saison, als sie Tabellenvierter wurden, mischte das Sturmpaar Diego Forlán (mit 32 Treffern Torschützenkönig der Liga) und Sergio Agüero (17) noch die gegnerischen Deckungen auf.

Doch in der laufenden Spielzeit hat nicht nur die Explosivität gelitten - Atlético steht nur auf Rang neun -, Schlendrian und Disziplinlosigkeit ruinieren die Fortschritte, die Trainer Quique Sánchez Flórez im taktischen Bereich erzielt hat. So dass gegen Fulham buchstäblich alles möglich ist, der Triumph und die Blamage. Ein Kommentar in der Zeitung „El País“ fragt denn auch bang: Wird es wieder eines von „diesen“ Spielen? Oder eines von den „anderen“?

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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