Manchmal, wenn die Sympathiewelle so wuchtig wirkt wie nach dem Derby-Sieg über Schalke, fühlt Shinji Kagawa sich „ein bisschen peinlich“ berührt. Von Anhängern auf Schultern in den Feierabend getragen zu werden, ist der junge Japaner, der Dortmund im Sturm erobert hat, aus seiner Heimat nicht gewohnt. In Asien seien die Fans distanzierter, so als ob zwischen ihnen und den Spielern „eine unsichtbare Wand wäre“, sagt Kagawa. In den nächsten Wochen wird der 21 Jahre alte Mittelfeldspieler dem Überschwang der schwarz-gelben Borussen nicht ausgesetzt sein, sondern seine Arbeit an einem Ort verrichten, an dem es wärmer und viel ruhiger ist als demnächst wieder in Dortmund, wo der BVB von der kommenden Woche an den Gewinn des deutschen Meistertitels in Angriff nimmt. Als einer von vier japanischen Nationalspielern aus der Bundesliga nimmt Kagawa an der Asienmeisterschaft in Qatar teil, die an diesem Freitag in Doha mit der Partie zwischen dem Ausrichterland und Usbekistan beginnt.
Vor dem Eröffnungsspiel im milden Winter des Wüstenstaates erhitzt der Fußball die Gemüter noch nicht. Das Interesse in dem Fußball-Entwicklungsland, das auf Platz 114 der Weltrangliste steht, hält sich in Grenzen. Die preisgünstigste Eintrittskarte kostet umgerechnet nur etwas mehr als einen Euro. Gemeinsam mit anderen Bundesligaprofis will Kagawa der Billigware jedoch zu einem sportlichen Gütesiegel verhelfen. Die Herzen der Borussen hat er binnen weniger Monate im Sturm erobert; nun will der Aufsteiger der Vorrunde sein Profil auch in der Nationalelf schärfen. „Es hat mich getroffen, dass ich bei der Weltmeisterschaft in Südafrika nicht spielen konnte“, sagt Kagawa. Beflügelt von seinem Dortmunder Start, zeigt er sich „zuversichtlich, in der Nationalmannschaft einen Stammplatz zu erkämpfen und dort eine führende Rolle zu spielen, um den japanischen Fußball international voranzubringen“. Anfangen kann er damit an diesem Sonntag, wenn Japan bei der Partie gegen Jordanien in das Turnier einsteigt.
Rückkehrer Zidan lauert bei Borussia Dortmund auf seine Chance
Während Kagawa seine internationale Karriere vorantreibt, wird er dem BVB zu Beginn der Rückrunde fehlen. Sollte die japanische Auswahl, die zu den Favoriten gehört, das Finale erreichen, wäre er bis zum 29. Januar unabkömmlich. Der Bundesliga-Tabellenführer müsste nicht nur im Spitzenspiel gegen Verfolger Bayer Leverkusen und danach gegen den VfB Stuttgart, sondern auch gegen den VfL Wolfsburg auf Kagawa verzichten, der in der Hinrunde überraschend zu einer festen Größe wurde. Der Japaner fand sich in seiner neuen Heimat bestens zurecht, ob auf dem Fußballplatz oder in der Stadt. In allen siebzehn Spielen eingesetzt, hob er die Spielkultur des nicht mehr bloß von Laufstärke gekennzeichneten Dortmunder Fußballs und erzielte acht Tore. Das Fehlen Kagawas trifft die Borussia hart, wird aber abgemildert durch die Rückkehr Mohamed Zidans, der nach einer komplizierten Knieverletzung wieder zur Verfügung steht und auf seine Chance lauert, eine Hauptrolle im Ensemble des Trainers Jürgen Klopp zu ergattern.
Auch andere Bundesligavereine müssen auf japanische Fachkräfte fürs Erste verzichten. Makoto Hasebe gehört in Wolfsburg zu den etablierten Spielern, Atsuto Uchida hat nach anfänglichen Schwierigkeiten als rechter Verteidiger bei Schalke 04 an Stabilität gewonnen und hinterlässt nun wieder ein Fragezeichen auf der Position, die seit dem Verkauf Rafinhas und allerlei hektischen Transfers zu den neuralgischen Punkten des Teams gehört. Auch der Kölner Zugang Tomoaki Makino, ein vielseitig verwendbarer Abwehrspieler, stellt sich in den Dienst seines Heimatlandes, bevor er sich daran macht, die Defensive der Rheinländer zu stärken.
Die Japaner mit ihrer stattlichen Abordnung aus der Bundesliga versuchen dem Irak, der vor vier Jahren überraschend triumphiert hat, den Titel abzujagen. Dabei könnte gerade ein Mann wie Kagawa zum Fußballgesicht des Turniers, aber auch des Kontinents werden, wenn er so famos kickt wie in einigen Partien für Dortmund.