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Asien-Cup Der Patriot Arie Haan leidet mit den Chinesen

08.08.2004 ·  3:1 hat Japan das Finale im Asien-Cup gegen China in Peking gewonnen. Die Japaner, ob Spieler oder Zuschauer, hatten es dabei als ungeliebte Nachbarn sehr schwer. Bei den Gründen dafür wird man in der Vergangenheit und in der Gegenwart fündig. Das Klima war schon mal besser.

Von Zhou Derong
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Nur ein einziger Schritt noch, dann wäre Arie Haan, der holländische Trainer der chinesischen Fußball-Nationalmannschaft, zum chinesischen Nationalhelden geworden: Dafür hätte seine Elf das Finale der Asien-Meisterschaft gegen die Japaner gewinnen müssen. Im mit 65 000 Zuschauern ausverkauften "Stadion der Arbeit" in Peking aber setzte sich der Titelverteidiger, die Mannschaft des ehemaligen brasilianischen Fußballstars Zico, 3:1 durch. Der Niederländer weigerte sich angesichts strittiger Entscheidungen des kuweitischen Schiedsrichters Saad Al Fadhli, die Medaille für den zweiten Platz entgegenzunehmen. Während sich die Japaner über den Titel und die damit verbundene Qualifikation für den Konföderationen-Cup in Deutschland im nächsten Jahr freuen durften, reklamierten die Chinesen irreguläre japanische Treffer.

Die Japaner, ob Spieler oder Zuschauer, haben es als ungeliebte Nachbarn sehr schwer gehabt. Sie werden von den chinesischen Fans konsequent ausgepfiffen. Jedes Hinfallen eines japanischen Spielers wurde als gewolltes "Schauspiel" von Buhrufen begleitet, jeder Ballverlust bejubelt. Die kollektiven Pfiffe haben schließlich zu einer ernsthaften diplomatischen Verstimmung geführt: Schon vor dem Finale hatte die japanische Regierung sich über ihre Diplomaten in Peking über die Unfairneß der chinesischen Fans beschwert.

Bei den Gründen dafür wird man in der Vergangenheit und in der Gegenwart fündig. Das Klima war schon mal besser. In den achtziger Jahren zum Beispiel, als sich China zu öffnen begann, war Japan der wichtigste und auch willkommene Investor. Die chinesische Elektroindustrie etwa, die heute für die Welt Fernseher und DVD-Spieler produziert, ist ohne den technischen Transfer aus Japan undenkbar. Zudem ist China bis 2003 das Land gewesen, das die meisten günstigen Kredite von Japan bekommen hat. Erst in den neunziger Jahren begann sich der Wind allmählich zu drehen. Und auf einmal schien es mit der Freundschaft vorbei zu sein, sosehr sich beide Seiten auch dazu bekennen.

Wenn alle Rechnungen beglichen werden

Für die Veränderung gibt es einen zwingenden Grund: den rasanten Aufstieg Chinas. Ein starker Nachbar an sich ist für Japan kein Problem gewesen - mit Südkorea kommt man prima klar, auch wenn es hin und wieder Verstimmungen gegeben hat. Aber ein starker Nachbar, in dem ein unberechenbares Ein-Partei-System herrscht, bereitet den Japanern großes Unbehagen. Hinzu kommt, daß sie nach der langen Rezession zur Zeit nicht gerade mit Selbstbewußtsein gesegnet sind. Peking andererseits pflegt zwar tagaus, tagein den sogenannten "friedlichen Aufstieg" zu propagieren. Aber zwischen den Zeilen sagt man dem Volk zu Hause: Wir haben diese und jene "Ungerechtigkeiten" nur deshalb runtergeschluckt, weil wir noch nicht stark genug sind. Es kommt aber die Zeit, wo alle Rechnungen beglichen werden.

Und in diesem Kontext kommt nun die Vergangenheit im Spiel. Die chinesische Geschichtsschreibung geht von einer Kollektivschuld der Japaner am pazifischen Krieg aus. Die Japaner sind eher der Ansicht, daß sie nur eine Mitschuld an dem pazifischen Krieg trügen. Dies ist für die Chinesen als Opfer untragbar, da ihnen die kommunistische Propaganda jahrzehntelang eingehämmert hat, Schuld trügen allein die japanischen militaristischen Imperialisten. Nun wollten diese undankbaren Japaner sich nicht einmal dafür entschuldigen, nachdem das großzügige chinesische Volk ganz auf die Kriegsreparationen verzichtet hat.

Zu der historischen Empörung kommt noch die Unsensibilität sowohl der chinesischen Organisatoren als auch des japanischen Fußballverbandes. Die japanische Mannschaft absolvierte ihre Gruppenspiele ausgerechnet in der Stadt Chongqing, die als provisorische Hauptstadt während des sino-japanischen Kriegs stark von den Japanern bombardiert wurde. 26 000 Chinesen sind schätzungsweise dabei umgekommen. Und nun sollten sich die chinesischen Fans dort für die japanische Mannschaft erwärmen? Der japanische Fußballverband andererseits hat während der Asien-Meisterschaft Handbücher verteilt, in dem Taiwan und Festlandchina in zwei Farben, also als unterschiedliche Länder, gezeichnet werden. Das gilt den Chinesen wiederum als der beste Beweis für die Hinterhältigkeit der Japaner. Japan vertritt offiziell das sogenannte "Ein-China-Prinzip", in der Praxis aber stellten sie den Chinesen ein Bein, wo immer es ginge.

Deshalb fühlten sie sich, gemeinsam mit Haan, dem verhinderten Nationalhelden, in ihrer Meinung über die Japaner bestätigt. Peking hatte sich mit Vorsichtsmaßnahmen auf Proteste eingerichtet. Rund um das "Stadion der Arbeit" waren am Samstag abend offiziellen Angaben zufolge zehntausend Polizisten zusammengezogen. So viele Polizisten an einem Ort hat man zuletzt nur bei den Studentenprotesten 1989 gesehen. Bei der mit einer halben Minute verzögerten Live-Übertragung im CCTV-Sportkanal ist kein einziges Bild von den Zuschauern zu sehen und keine einzige Stimme von ihnen zu hören gewesen. Nur Arie Haans Worte, der in der Pressekonferenz alle drei Tore der Japaner in Frage stellte, war die einzige öffentliche "patriotische" Reaktion an diesem Abend, auf die die Kommunisten nicht vorbereitet waren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09. 08. 2004, Nr. 183 / Seite 23
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