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Aserbaidschan „Eine Überraschung ist nicht möglich“

07.09.2010 ·  Die deutsche Elf trifft auf einen alten Bekannten. Berti Vogts ist an diesem Dienstag (20.45 Uhr) mit der Nationalmannschaft von Aserbaidschan zu Gast. Hoffnungen auf einen Erfolg in Köln hat der ehemalige Bundestrainer allerdings nicht.

Von Christian Kamp, Köln
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In manchen Dingen stößt Berti Vogts an Grenzen. Beim Thema Ramadan zum Beispiel. Nicht, dass er als Trainer der aserbaidschanischen Nationalmannschaft wirklich in die religiöse Sphäre seiner Spieler eingreifen wollte. Natürlich, sagt der frühere Bundestrainer, respektiere er deren Kultur voll und ganz. Sie ist aber doch ein kleines Hindernis für ihn und seine Anstrengungen als Fußball-Entwicklungshelfer in dem Land am Kaspischen Meer. Als solcher sieht er sich, daran gibt es keinen Zweifel bei der Pressekonferenz der aserbaidschanischen Delegation vor dem Europameisterschafts-Qualifikationsspiel an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live in der ARD und im FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) gegen Deutschland in Köln: Schwierig, schwierig, schwierig, das ist für Vogts alles, was mit dem Fußball in Aserbaidschan und seiner Arbeit dort zu tun hat. Das Gegenbild dazu ist ihm die deutsche Mannschaft, von der er in schwärmerischen Tönen spricht. Zieht man die Ausschmückungen ab, lässt sich Vogts‘ Einschätzung des deutsch-aserbaidschanischen Kräfteverhältnisses auf zwei Sätze reduzieren: „Im Moment ist Deutschland für mich die beste Mannschaft der Welt.“ Und, bezogen auf das Spiel: „Die Überraschung ist nicht möglich.“

Seit knapp zweieinhalb Jahren arbeiten Vogts und seine Assistenten, die früheren Bundesligaprofis Uli Stein und Olaf Janssen, in Aserbaidschan, dem vom Islam geprägten Brückenland zwischen Europa und Asien. Und es ist ihm wichtig, gleich zu Beginn des Medientermins in einem schmucklosen Kölner Hotel zu betonen, was er in dieser Zeit schon erreicht hat. „Wir müssen damit anfangen: Wo kommt Aserbaidschan her?“, sagt er und gibt die Antwort selbst: vom 147. Platz der Weltrangliste. Unter ihm hat sich die Mannschaft auf Rang 105 verbessert. Die Spieler, die auf dem Podium sitzen, loben seine Arbeit: „Was er geleistet hat, ist enorm“, sagt Raschad Sadygow, der Kapitän.

Und doch scheint die Arbeitsbeziehung nicht immer ganz einfach zu sein. Beim Thema Ramadan etwa gehen die Einschätzungen auseinander. Das sei doch alles kein Problem, sagt Sadygow. Rechtzeitig zum Trainingslager, das die Mannschaft vor einer Woche im Europapark Rust bezogen hat, habe man aufgehört zu fasten. Für Vogts ist es nicht so einfach, schließlich seien die Wochen vorher, in denen die Spieler zwischen 4.30 Uhr und 20.15 Uhr weder essen noch trinken durften, nicht ohne weiteres wegzustecken.

Verzweifelter Nachhilfelehrer

Er ist deshalb dankbar, dass sein Team an diesem Doppelspieltag nur eine Partie absolvieren muss. Die Österreicher haben seiner Bitte entsprochen, den Spieltermin am vergangenen Freitag auf nach der Fastenzeit zu verschieben. Als die Spieler auf ihre angeblich verbesserungswürdige Fitness angesprochen werden, verweisen die auf den Trainer. Der berichtet von Tests an der Universität Saarbrücken, „beim selben Professor wie die deutsche Mannschaft“ – mit offenbar ernüchternden Ergebnissen: „Über den Vergleich möchte ich hier nicht sprechen.“

Es ist gewiss etwas dran an Vogts‘ Klage über die unprofessionellen Klubs, die schlechte Infrastruktur, die ungenügende Ausbildung der Trainer, den mangelnden Trainingseifer. Und doch wäre es interessant zu erfahren, wie die aserbaidschanischen Spieler, Funktionäre und Journalisten wirklich denken, wenn Vogts wie ein verzweifelter Nachhilfelehrer von den Mühen seiner Arbeit berichtet. Bei allen Schwierigkeiten, so sagt er es jedenfalls, macht ihm die Aufgabe auch großen Spaß. Mit jungen Spielern zu arbeiten wie in der aktuellen Mannschaft, war ihm auch schon in seiner Zeit beim DFB ein besonderes Vergnügen. Und er erkennt Fortschritte bei den Bemühungen, dem aserbaidschanischen Fußball tragfähige Strukturen zu verpassen.

Ringen, Gewichtheben, Schach - dann erst Fußball

Noch, sagt Vogts, spiele Fußball in dem Land mit rund neun Millionen Einwohnern nur eine Nebenrolle. Ringen, Gewichtheben und Schach seien die Steckenpferde. Doch es bewegt sich offenbar etwas. Trainingsplätze werden gebaut, die Trainerausbildung forciert (mit Hilfe von Erich Rutemöller), Jugendliche besser gefördert. Vogts ist stolz darauf, dass er ein paar Fünfzehnjährige zu Gastaufenthalten bei Bayern München, 1899 Hoffenheim und Hannover 96 vermitteln konnte. „Sie waren in der Beurteilung gleichauf mit den deutschen Spielern“, betont er. Eine goldene Zukunft bedeutet das jedoch noch lange nicht. In vier bis sechs Jahren, sagt Vogts, könnte der aserbaidschanische Fußball „Anschluss an das Mittelmaß in Europa“ gefunden haben. Mehr nicht.

Ob Vogts noch so lange dabeibleibt, ist ungewiss. Er verspüre zwar eine „große Bereitschaft, weiter in Aserbaidschan zu arbeiten“, sagt er. Andererseits habe er noch Träume. Von einem Engagement in England oder in den Vereinigten Staaten zum Beispiel. Man wird den Eindruck nicht los, dass eine gewisse Distanz geblieben ist zwischen Vogts und Aserbaidschan. Etwa, wenn er von der „traumhaft schönen“ Hauptstadt Baku schwärmt – und dann das Pils und die Pizza lobt.

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