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Arsenal London Bedrohtes Biotop

 ·  Der FC Arsenal, eine Heimat für Talente und Techniker, ringt nicht nur in der Champions League um Anschluss. Trainer Arsène Wenger ist vor dem Spiel gegen die Bayern angezählt - trotz früherer Erfolge.

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© AFP Vergrößern Sorgenvoll, dünnhäutig, angespannt: Arsenal-Coach Arsène Wenger

Arsène Wenger ist in einer vertrackten Lage. „Es muss nun entweder seine beste Saison bei Arsenal werden“, schreibt der „Guardian“ nach dem blamablen Aus im Pokal gegen Absteiger Blackburn, „oder es wird seine schlechteste - und vielleicht seine letzte.“ In seinen ersten acht Jahren in London wurde der Franzose zu einer Ikone des modernen, attraktiven Fußballs, in dem seine „Invincibles“, das unbesiegte Meisterteam von 2004, einen neuen Standard setzten. In den zweiten acht Jahren wurde er ein Mann, der den Erfolg von gestern sucht. Seit dem Pokalsieg von 2005 hat Wenger keine Trophäe mehr gewonnen. Bei 21 Punkten Rückstand auf Manchester United in der Premier League braucht er, um sich eine letzte Titelchance zu erhalten, nun einen Erfolg in der Champions League - ausgerechnet gegen den FC Bayern, das zuletzt formstärkste Team Europas (20.45 Uhr live im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET).

Jack Wilshere, 21 Jahre alter Antreiber im Mittelfeld und wie viele andere Stammspieler gegen Blackburn von Wenger für das Bayern-Spiel geschont, hält Bayern für schlagbar. Er sieht den FC Chelsea als „Inspiration für jeden“ - weil der Lokalrivale in der vergangenen Saison, als er in der Liga ähnlich schlecht dastand wie nun Arsenal, „großen Charakter“ zeigte und mit Siegen gegen Barcelona und Bayern die Champions League gewann. Das, sagt Wilshere, müsse man kopieren.

Mark Lawrenson, ehemals Europapokalsieger mit dem FC Liverpool und heute einer der führenden britischen Fernsehexperten, hält das für eine Illusion. „Lasst uns ehrlich sein: Arsenal wird sich schwertun, Bayern zu schlagen“, schrieb er in seiner Kolumne im „Mirror“ und begann, den Trainer auf das Abstellgleis zu schieben. „Wenger war einmal unersetzlich und einzigartig. Diese unantastbare Gestalt ist er nicht mehr.“ Die Medienberichte, wonach sich die Klubführung schon für Evertons Trainer David Moyes als mögliche Ablösung interessiere, legen nahe, dass Lawrensons Sicht keine Einzelmeinung ist. Arsenal ohne Arsène Wenger, das Unvorstellbare ist vorstellbar geworden. Am Montag, in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Bayern, reagierte er ausgesprochen empfindlich auf kritische Fragen.

Ankläger des finanziellen Dopings

Am meisten wird diesem Puristen des Passspiels und Ankläger des „finanziellen Dopings“, wie er die Verzerrung des Fußballwettbewerbs nennt, an der Basis eben genau das vorgeworfen: sein striktes Festhalten an vernünftigen Prinzipien. Er solle endlich einmal richtig Geld ausgeben, fordern viele Fans. In den vergangenen acht Jahren hat der Klub seine Erlöse größtenteils in das neue Stadion gesteckt, mit dem die Einnahmen gegenüber dem alten Highbury mehr als verdoppelt wurden. Und anders als übliche Trainer, die Geld für neue Spieler wollen, trug Wenger diese Linie der Vernunft mit. Deshalb ist Arsenal der finanziell solideste Verein der Premier League, und Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge hat nur Lob für die Londoner Klubführung parat.

Mit Arsenal und Bayern treffen zwei wesensverwandte, vorbildlich wirtschaftende Klubs aufeinander, die diese Gemeinsamkeit jedoch in unterschiedliche sportliche Situationen geführt hat. Der FC Bayern konnte in der Bundesliga, die ihre Klubs durch die 50+1-Regel davor schützt, zum Spielball von reichen, die Preise verderbenden Investoren zu werden, uneingeschränkt die Nummer eins bleiben. Ein Klub wie Arsenal ist in der Premier League, die ähnlichen Schutz vernünftigen Wirtschaftens erst jetzt durch eine zögerliche Budget-Kontrolle einführen will, durch Klubs wie Chelsea und Manchester City und den Rohstoff-Reichtum ihrer Besitzer chancenlos geworden.

Vier Kapitäne binnen sieben Jahren

Der Rohstoff von Arsenal war stets ein anderer: Talent und Spielkunst. Doch im Kampf um Könner steht Arsenal nicht mehr in der ersten Reihe. Die „Gunners“ können nicht mal ihre Besten halten. Als der letzte Superstar, Torschützenkönig Robin van Persie, im Sommer beschloss, seine besten Jahre nicht mehr einem erfolglosen Team zu opfern, und zu Manchester United ging, war er der vierte Kapitän binnen sieben Jahren, der das Arsenal-Schiff verließ, nach Patrick Vieira, Thierry Henry und Cesc Fabregas. Der nächste Kapitän könnte schon im Sommer folgen. Der belgische Abwehrchef Thomas Vermaelen hat laut „Mirror“ das Interesse des FC Barcelona erweckt. Er wird gegen die Bayern wohl als Linksverteidiger aushelfen müssen, weil Wenger auf dieser Position einen seiner vielen Fehlkäufe, den Brasilianer André Santos, im Winter wegschickte. Der spanische Ersatz Nacho Monreal ist nicht einsatzberechtigt und die Zweitkraft Kieran Gibbs verletzt.

© picture alliance / dpa Vergrößern Fußballästhet unter Druck: Wenger stellt die Anhänger von Arsenal schon lange nicht mehr zufrieden

Wenger hat schon lange nicht mehr ein solches Händchen wie einst, als er spätere Weltstars wie Henry, van Persie oder Fabregas günstig erwarb. Auch die Einkaufstour des letzten Sommers brachte keine I-a-Lösungen, eher Spieler mit Knick in der Kurve, die ein strauchelndes Team nicht entscheidend voranbringen. Das galt auch für die beiden Deutschen: Per Mertesacker, den Kritiker für die Premier League zu langsam finden, und Lukas Podolski, der zwar oft Torgefahr verbreitet (acht Treffer, neun Torvorlagen in der Liga), aber zu viele Schwankungen zeigt.

Sieht man es positiv, hat der frühere Bayern-Profi Podolski jene Unberechenbarkeit, die den ganzen FC Arsenal auszeichnet, gerade in Partien gegen große Gegner. So angezählt sie auch sein mögen, es ist nie ungefährlich, gegen die „Gunners“ anzutreten. Das Team, das die Kanone im Wappen trägt, hat immer noch zahlreiche Waffen. Doch sie beginnen sich gegen den eigenen Trainer zu richten.

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